Christ­li­ches Österreich?

Für einen Besu­cher unse­res schö­nen Lan­des ist es offen­sicht­lich, dass Öster­reich sehr stark von einer Kul­tur geprägt wur­de, die übli­cher­wei­se christ­lich genannt wird. In jedem grö­ße­ren Dorf befin­det sich eine Kir­che mit dazu­ge­hö­ri­gem Turm. Jeder etwas höhe­re Gip­fel wird durch ein Kreuz geziert. Auch sonst ist das Land über­sät mit Mar­terln und Bild­stö­cken, die dar­an erin­nern, dass Reli­gi­on für die Men­schen hier tief prä­gend war. In der Haupt­stadt bil­det der Ste­phans­dom als reli­giö­ses Bau­werk den Mit­tel­punkt der Stadt und des Landes.

Eine kleine Kapelle auf einem Hügel im Zillertal in Tirol: ein Symbol für die christliche Kultur Österreichs. Aber ist Österreich wirklich ein christliches Land?

Auch ein Blick auf die Sta­tis­tik scheint zu zei­gen, dass unser Land christ­lich ist.

Bei der Volks­zäh­lung 2001[1] waren von den 8.032.926 Bewoh­nern Öster­reichs 5.915.421 katho­lisch und 376.150 evan­ge­lisch. Die Ost­kir­chen zähl­ten 179.472 Mit­glie­der, ande­re „christ­lich und christ­lich ori­en­tier­te Kir­chen und Gemein­schaf­ten“ hat­ten 69.227 Mit­glie­der (23.206 von ihnen waren Zeu­gen Jeho­vas, die wegen ihrer Ableh­nung der Gott­heit Jesu nicht mehr auf dem lehr­mä­ßi­gen Boden des Chris­ten­tums ste­hen). Ins­ge­samt macht das immer noch über 6,5 Mil­lio­nen und über 81 % der Bevöl­ke­rung, die Mit­glie­der einer „christ­li­chen oder christ­lich ori­en­tier­ten Kir­che und Gemein­schaft“ sind.

Wenn man etwa in Wien[2] den „Mann auf der Stra­ße“ fragt, ob er an Gott glau­be, was ja doch die Grund­be­din­gung zum Christ­sein dar­stellt, hört man nur sel­ten ein kla­res Ja. Es sind vor allem Mus­li­me, die sich klar zum Glau­ben an Gott beken­nen. Mit­glie­der einer christ­li­chen Kir­che sind sich da übli­cher­wei­se nicht ganz so sicher. Dass es „irgend­et­was Höhe­res“ geben muss, ist für vie­le schon noch eher anzu­neh­men. Oft wird dann aber gleich hin­zu­ge­fügt: „aber nicht so, wie es die Kir­che sagt“. Es ist eher ein pan­the­is­ti­sches Etwas, das alles durch­dringt, als ein per­sön­li­cher Gott, zu dem man eine ver­trau­ens­vol­le Bezie­hung haben kann. Der lie­ben­de Vater, von dem Jesus immer wie­der gespro­chen hat, der unser Leben durch und durch ver­än­dern und erfül­len will, ist den Men­schen sehr fer­ne. Die Lie­be Got­tes wird, wenn von ihr die Rede ist, nicht als etwas gese­hen, das das täg­li­che Leben prägt und bestimmt, son­dern als Grund einer Erwar­tung, dass am Ende dann doch jeder von ihm ange­nom­men wird. „Falls es Gott doch geben soll­te, lebe ich ja doch nicht so schlimm, dass er mich zurück­sto­ßen würde.“

Aber auch in der prak­ti­schen Lebens­füh­rung zeigt sich, dass christ­li­che Wer­te immer mehr ver­nach­läs­sigt wer­den. Die christ­li­che Leh­re über die Ehe, nach der ein Mann und eine Frau in einer bis zum Tod dau­ern­den Ver­bin­dung ohne vor- und außer­ehe­li­che Bezie­hun­gen leben, wird – von ver­ein­zel­ten Aus­nah­men abge­se­hen – ziem­lich grund­sätz­lich igno­riert. Die typi­sche Fami­lie ist heut­zu­ta­ge eine Patch­work­fa­mi­lie. Im Jahr 2013 stan­den 36.140 geschlos­se­nen Ehen, von denen es sich aber nur bei 67,9 % für bei­de Part­ner um die ers­te Ehe han­del­te,[3] 15.958 Ehe­schei­dun­gen gegen­über.[4] Das Ver­spre­chen, ein­an­der in guten und bösen Tagen bei­zu­ste­hen, wird immer sel­te­ner durch­ge­hal­ten. Das hängt wohl auch damit zusam­men, dass es vie­len Men­schen immer mehr dar­auf ankommt, selbst etwas zu emp­fan­gen. Der Wunsch zu geben und den ande­ren zu tra­gen, ohne den es kei­ne dau­er­haf­te Bezie­hung geben kann, wird immer schwä­cher. Chris­ten, die aus der Tie­fe der Lie­be Got­tes her­aus leben, sind dadurch auch zur wah­ren Lie­be befä­higt, die nicht zuerst fragt: „Was habe ich davon?“, son­dern die zuerst ein­mal geben und tra­gen will.

Die Kon­sum­hal­tung, die den Gott und sei­nem Nächs­ten ent­frem­de­ten Men­schen trifft, hat auch fata­le Aus­wir­kun­gen in Bezug auf den Wert des mensch­li­chen Lebens. Pro Jahr wer­den zig­tau­sen­de unge­bo­re­ne Men­schen durch Abtrei­bung ermor­det.[5] Selbst bei einer nied­rig ange­setz­ten Schät­zung von 30.000 Abtrei­bun­gen pro Jahr gibt es seit der Ein­füh­rung der Fris­ten­lö­sung über 1,2 Mil­lio­nen Abtrei­bungs­op­fer in Öster­reich. Die tat­säch­li­che Zahl dürf­te um eini­ges höher lie­gen. Mit jedem ein­zel­nen ermor­de­ten Kind ging ein Mensch zugrun­de, der nach dem Bild Got­tes geschaf­fen wur­de. Das bedeu­tet viel mehr, als dass uns die­se Men­schen als Finan­zie­rer der künf­ti­gen Pen­sio­nen feh­len. Durch die Abtrei­bun­gen wur­den die Gewis­sen unzäh­li­ger Men­schen in unse­rem Land zer­stört. Nie­mand kann es auf Dau­er ertra­gen, in dem Bewusst­sein, dass ent­we­der er selbst oder sei­ne Part­ne­rin oder die bes­te Freun­din oder ein naher Ver­wand­ter … einen oder auch mehr Men­schen ermor­det hat. So wird das Gewis­sen zum Schwei­gen gebracht, der Mensch taub für den Ruf Gottes.

Es geht uns hier nicht dar­um, ein ein­sei­tig nega­ti­ves Bild unse­res Lan­des zu zeich­nen. Es gibt gewiss auch eini­ges Posi­ti­ve, für das wir sehr dank­bar sind. Die in der Über­schrift gestell­te Fra­ge, ob Öster­reich ein christ­li­ches Land sei, ist aber klar mit Nein zu beant­wor­ten. Unser Ziel ist auch nicht, eine christ­li­che Gesell­schaft auf­zu­bau­en, zu der sich die Men­schen durch staat­li­chen oder gesell­schaft­li­chen Zwang ver­pflich­tet füh­len. Jesus hat klar gesagt, dass die Pfor­te eng ist und der Weg schmal, der zum Leben führt. Nur weni­ge sind bereit, die­sen Weg zu gehen (Ver­glei­che Mat­thä­us 7,13–14).

Petrus hat die Men­schen sei­ner Zeit zur Umkehr aufgerufen:

Lasst euch ret­ten aus die­sem ver­kehr­ten Geschlecht! (Apos­tel­ge­schich­te 2,40)

Die dama­li­ge jüdi­sche Gesell­schaft bestand zu einem gro­ßen Teil aus Men­schen, die in irgend­ei­ner Form das Gesetz Got­tes ernst neh­men woll­ten. Es han­del­te sich um Men­schen, die im All­ge­mei­nen einen Blick für die Nöte ihrer Mit­men­schen hat­ten, die ihrem Ehe­part­ner die Treue bewahr­ten, die ihre Kin­der dank­bar als Geschenk Got­tes annah­men und nie auf den Gedan­ken gekom­men wären, die­se durch Abtrei­bung zu ermor­den. Trotz­dem sprach Petrus von einem ver­kehr­ten Geschlecht, da sie Got­tes Wir­ken in dem von ihm gesand­ten Erlö­ser Jesus Chris­tus nicht anneh­men wollten.

Die­ser Auf­ruf Petri an sei­ne Zeit­ge­nos­sen gilt noch viel mehr für uns heu­te. Nur in einer kla­ren Abwen­dung von unse­ren Sün­den und einer ver­trau­ens­vol­len Hin­wen­dung an Gott, der uns in Jesus Chris­tus begeg­nen will, fin­den wir den Sinn unse­res Lebens, die Frei­heit von unse­ren Sün­den. Er befä­higt uns zur Lie­be, die ande­ren selbst­los dient. So baut Gott sei­ne Gemein­de. Es geht nicht dar­um, eine der tra­di­tio­nel­len „Kir­chen“ wie­der neu­en Schwung zu geben. Die Kir­che Got­tes ist kei­ne Insti­tu­ti­on, sie ist ein leben­di­ger Orga­nis­mus, in dem alle, die Gott lie­ben, ein­an­der in Lie­be und Dank­bar­keit für­ein­an­der die­nen, wo sich nie­mand über sei­nen Bru­der über­hebt, wo alle ein Herz und eine See­le sind. Wir haben uns auf die­sen Weg bege­ben und laden dazu ein.


Fußnoten

  1. Sta­tis­tik Aus­tria: Bevöl­ke­rung nach demo­gra­phi­schen Merk­ma­len. Das sind die letz­ten ver­füg­ba­ren Daten. Die Zäh­lung 2011 wur­de als Regis­ter­zäh­lung durch­ge­führt, bei der die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit nicht erho­ben wurde.
  2. Im Rest Öster­reichs ist die „Ent­christ­li­chung“ noch nicht so weit fort­ge­schrit­ten. Laut einer Umfra­ge des katho­li­schen Theo­lo­gen Zuleh­ners aus dem Jah­re 2010 stimm­ten 54 % der Öster­rei­cher dem Satz „Es gibt einen Gott, der sich in Jesus zu erken­nen gege­ben hat“ zu, also deut­lich weni­ger als Mit­glie­der einer aner­kann­ten christ­li­chen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft sind. Quel­le: Reli­gi­on Orf.
  3. Sta­tis­tik Aus­tria: Ehe­schlie­ßun­gen 2009.
  4. Sta­tis­tik Aus­tria: Ehe­schlie­ßun­gen 2008.
  5. Es gibt kei­ne Sta­tis­ti­ken. Lebens­schüt­zer nen­nen eine Zahl zwi­schen 30.000 und 100.000 pro Jahr Jugend für das Leben: Abtrei­bungs­zah­len, Abtrei­bungs­ge­schäf­te­ma­cher gehen auch von 30.000–40.000 Abtrei­bun­gen pro Jahr aus (Chris­ti­an Fia­la, Schwan­ger­schafts­ab­bruch in Öster­reich, 2009).


Sta­tis­tik Aus­tria: Bevöl­ke­rung nach demo­gra­phi­schen Merk­ma­len. Das sind die letz­ten ver­füg­ba­ren Daten. Die Zäh­lung 2011 wur­de als Regis­ter­zäh­lung durch­ge­führt, bei der die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit nicht erho­ben wurde.

Im Rest Öster­reichs ist die „Ent­christ­li­chung“ noch nicht so weit fort­ge­schrit­ten. Laut einer Umfra­ge des katho­li­schen Theo­lo­gen Zuleh­ners aus dem Jah­re 2010 stimm­ten 54 % der Öster­rei­cher dem Satz „Es gibt einen Gott, der sich in Jesus zu erken­nen gege­ben hat“ zu, also deut­lich weni­ger als Mit­glie­der einer aner­kann­ten christ­li­chen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft sind. Quel­le: Reli­gi­on Orf.

Sta­tis­tik Aus­tria: Ehe­schlie­ßun­gen 2009.

Sta­tis­tik Aus­tria: Ehe­schlie­ßun­gen 2008.

Es gibt kei­ne Sta­tis­ti­ken. Lebens­schüt­zer nen­nen eine Zahl zwi­schen 30.000 und 100.000 pro Jahr Jugend für das Leben: Abtrei­bungs­zah­len, Abtrei­bungs­ge­schäf­te­ma­cher gehen auch von 30.000–40.000 Abtrei­bun­gen pro Jahr aus (Chris­ti­an Fia­la, Schwan­ger­schafts­ab­bruch in Öster­reich, 2009).