Das Leben der ers­ten Christen

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Wenn wir über das Leben der ers­ten Chris­ten nach­den­ken, dann geht es uns nicht nur dar­um, ihre Lebens­form und Gedan­ken­welt zu beschrei­ben. Wir wol­len auch dazu ein­la­den, nach­zu­den­ken, war­um die ers­ten Chris­ten so leb­ten, wie sie leb­ten, um ihrem Bei­spiel zu folgen.

Wachsende Tulpenzwiebeln symbolisieren die erste Ernte des neu auserwählten Volkes Gottes.

1 War­um das Leben der ers­ten Chris­ten für uns wich­tig ist

Das Leben der ers­ten Chris­ten wird heu­te übli­cher­wei­se als eine Uto­pie ver­stan­den, die unter den Bedin­gun­gen der moder­nen Welt nicht ver­wirk­licht wer­den kann. Oder es wird ange­nom­men, dass das inten­si­ve Tei­len des Lebens, wie wir es bei den frü­hen Chris­ten fin­den, nur ein Ergeb­nis ihrer ers­ten Begeis­te­rung für Jesus war.

Wir möch­ten hier zei­gen, dass ihr Leben in der frü­hen Gemein­de eine Fort­set­zung des­sen war, was die Jün­ger Jesu im Leben ihres Herrn gese­hen haben. Die Lebens­hin­ga­be Jesu ist das Urbild jedes wah­ren Got­tes­diens­tes. Jesus nach­zu­fol­gen bedeu­tet, bereit zu sein, so wie er das gan­ze Leben für Gott, für die Brü­der und Schwes­tern und für das Wachs­tum des Rei­ches Got­tes hin­zu­ge­ben, wel­che Kon­se­quen­zen das auch immer für das eige­ne Leben haben mag. Das war damals so und das kann heu­te nicht anders sein.

Das „Chris­ten­tum“, wie es sich heu­te viel­fach dar­stellt, das im Ver­gleich zum Leben der ers­ten Kir­che eher als Sonn­tags- und Hob­by-Chris­ten­tum zu bezeich­nen ist, ist nicht not­wen­di­ger­wei­se ein Ergeb­nis ver­än­der­ter gesell­schaft­li­cher Umstän­de. Es ist viel­mehr ein Aus­druck dafür, dass Men­schen zwar irgend­wie das Heil wol­len, aber nicht bereit sind, den schma­len Weg der Nach­fol­ge Jesu zu gehen. Auch zur Zeit Jesu gab es Men­schen mit einer sol­chen Gesin­nung und er warn­te sie:

Was nennt ihr mich aber: Herr, Herr!, und tut nicht, was ich sage? Jeder, der zu mir kommt und mei­ne Wor­te hört und sie tut – ich will euch zei­gen, wem er gleich ist. Er ist einem Men­schen gleich, der ein Haus bau­te, grub und ver­tief­te und den Grund auf den Fel­sen leg­te; als aber eine Flut kam, stieß der Strom an jenes Haus und konn­te es nicht erschüt­tern, weil es gut gebaut war. Der aber gehört und nicht getan hat, ist einem Men­schen gleich, der ein Haus auf die Erde bau­te ohne Grund­mau­er; der Strom stieß dar­an, und sogleich fiel es, und der Sturz jenes Hau­ses war groß. (Lukas 6,46–49)

2 „Wir haben den Mes­si­as gefun­den!“ – die Zeit der Jün­ger mit Jesus

Noch bevor Jesus sein öffent­li­ches Wir­ken begann, rief Johan­nes der Täu­fer die Men­schen zur Umkehr auf und tauf­te sie, um sie auf das Kom­men des Mes­si­as vor­zu­be­rei­ten. Vie­le Juden kamen zu Johan­nes, vor allem die­je­ni­gen unter ihnen, die eine star­ke Hoff­nung dar­auf hat­ten, dass Gott den ver­hei­ße­nen Ret­ter bald sen­den wür­de. Unter ihnen befan­den sich auch die, die spä­ter Jesus am nächs­ten ste­hen sollten.

Seit der Tau­fe Jesu hat Johan­nes der Täu­fer klar bezeugt, dass Jesus der Got­tes­knecht ist, der Isra­el erlö­sen wird. Er hat die, die zu ihm kamen, auf ihn hin­ge­wie­sen und so die Men­schen, die eine ernst­haf­te Sehn­sucht nach dem Mes­si­as und des­sen Reich hat­ten, weg von sich selbst und zu ihm hin gelenkt.

Aus den vie­len Men­schen, die kamen, um Jesus zu hören, und die ihn von Zeit zu Zeit beglei­te­ten, wähl­te sich Jesus zwölf Män­ner aus, die stän­dig bei ihm sein soll­ten.[1] Ihnen, den Apos­teln[2], erklär­te er vie­les aus­führ­li­cher. Sie lern­ten ihn am tiefs­ten ken­nen und wur­den von ihm gelehrt und geformt, um spä­ter ihre grund­le­gen­de Ver­ant­wor­tung für das Ent­ste­hen des neu­en Got­tes­vol­kes, der Kir­che, tra­gen zu können.

Als Jesus nach dem wich­tigs­ten Gebot gefragt wur­de, ant­wor­te­te er:

Das ers­te ist: „Höre, Isra­el: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, dei­nen Gott, lie­ben aus dei­nem gan­zen Her­zen und aus dei­ner gan­zen See­le und aus dei­nem gan­zen Ver­stand und aus dei­ner gan­zen Kraft!“ Das zwei­te ist dies: „Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben wie dich selbst!“ Grö­ßer als die­se ist kein ande­res Gebot. (Mar­kus 12,29–31)

Als Jesus den Jün­gern in der letz­ten gemein­sa­men Nacht das neue Gebot gab, ein­an­der zu lie­ben, wie er sie geliebt hat,[3] stell­te er ihnen sein eige­nes Leben als Vor­bild der Erfül­lung des größ­ten Gebo­tes vor Augen. Das Aus­maß die­ser Lie­be hat­ten die Jün­ger zu die­sem Zeit­punkt wohl noch nicht begrif­fen, denn der stärks­te Erweis sei­ner Lie­be – dass er bereit war, den unge­rech­ten, grau­sa­men Tod am Kreuz auf sich zu neh­men – war noch nicht erbracht. Aber durch das täg­li­che Zusam­men­sein mit ihm haben sie schon vie­les gesehen:

3 „Was sucht ihr den Leben­den unter den Toten?“ – die Zeit vor der Sen­dung des Geistes

Obwohl Jesus sei­ne Jün­ger dar­auf vor­be­rei­tet hat, dass er ster­ben, aber auch auf­er­ste­hen wür­de,[11] war sein Tod für sie eine Kata­stro­phe, die all ihre Hoff­nun­gen zu begra­ben schien. Am drit­ten Tag jedoch ist er ihnen als Auf­er­stan­de­ner begeg­net. Die fol­gen­den weni­gen Wochen mit dem auf­er­stan­de­nen Jesus waren für sie wie­der eine Zeit inten­si­ven Umden­kens. Sie lern­ten, alles in einem neu­en Licht zu sehen. Jetzt wur­de es ihnen ganz klar, dass der Mes­si­as nicht einer ist, der ein poli­ti­sches Frie­dens­reich auf­rich­ten und alle Gott­lo­sen ver­nich­ten wür­de. Das Reich Got­tes soll­te inmit­ten des Unkrau­tes die­ser Welt sei­ne guten Früch­te her­vor­brin­gen. Die Jün­ger soll­ten mit der Bot­schaft Jesu bis an die Enden der Erde hin­aus­ge­hen. Sie soll­ten über­all die Gna­de Got­tes ver­kün­den, der aus Lie­be Mensch gewor­den ist. In Jesus kam Gott selbst in die Welt. Mit sei­ner Hin­ga­be woll­te er die Men­schen dazu füh­ren, ihre Rebel­li­on oder Gleich­gül­tig­keit gegen ihren lie­ben­den Schöp­fer zu bereu­en, und ihnen den Weg erfüllt von der Lie­be zu Gott und den Mit­men­schen zu öff­nen. Er zeig­te ihnen so den Weg des Heils, für den die Jün­ger Jesu ihr Leben geben sollten.

Fünf­zig Tage nach der Auf­er­ste­hung Jesu, als die Juden in Jeru­sa­lem zur Fei­er des Wochen­fests[12] ver­sam­melt waren, emp­fin­gen die Jün­ger den Hei­li­gen Geist. Das war für sie der ent­schei­den­de Anstoß dazu, hin­aus­zu­ge­hen und Jesus als den Herrn und Erlö­ser zu ver­kün­den. Got­tes Geist ließ sie alle Furcht über­win­den und gab ihnen Wor­te, die ande­re ins Herz tra­fen. Vie­le unter den Juden, die zu Pfings­ten in Jeru­sa­lem waren, glaub­ten dem Zeug­nis der Jün­ger von der Auf­er­ste­hung Jesu und dass er der von Gott gesand­te Mes­si­as war. So begann die eigent­li­che Geschich­te der Kirche.

4 „Brü­der, was sol­len wir tun?“ – die Anfän­ge der Kir­che und ihr Leben

Im zwei­ten Kapi­tel der Apos­tel­ge­schich­te berich­tet Lukas über die Aus­gie­ßung des Hei­li­gen Geis­tes und die dar­an anschlie­ßen­den Wor­te des Apos­tels Petrus. Wir zitie­ren den Schluss sei­ner Rede und die Reak­ti­on derer, die glaubten:

Die­sen Jesus hat Gott auf­er­weckt, wovon wir alle Zeu­gen sind. Nach­dem er nun durch die Rech­te Got­tes erhöht wor­den ist und die Ver­hei­ßung des Hei­li­gen Geis­tes vom Vater emp­fan­gen hat, hat er die­ses aus­ge­gos­sen, was ihr seht und hört. Denn nicht David ist in die Him­mel auf­ge­fah­ren; er sagt aber selbst: „Der Herr sprach zu mei­nem Herrn: Set­ze dich zu mei­ner Rech­ten, bis ich dei­ne Fein­de lege zum Sche­mel dei­ner Füße!“ Das gan­ze Haus Isra­el wis­se nun zuver­läs­sig, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Chris­tus gemacht hat, die­sen Jesus, den ihr gekreu­zigt habt. Als sie aber das hör­ten, drang es ihnen durchs Herz, und sie spra­chen zu Petrus und den ande­ren Apos­teln: Was sol­len wir tun, ihr Brü­der? Petrus aber sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch las­se sich tau­fen auf den Namen Jesu Chris­ti zur Ver­ge­bung eurer Sün­den! Und ihr wer­det die Gabe des Hei­li­gen Geis­tes emp­fan­gen. Denn euch gilt die Ver­hei­ßung und euren Kin­dern und allen, die in der Fer­ne sind, so vie­le der Herr, unser Gott, hin­zu­ru­fen wird. Und mit vie­len ande­ren Wor­ten leg­te er Zeug­nis ab und ermahn­te sie und sag­te: Lasst euch ret­ten aus die­sem ver­kehr­ten Geschlecht! Die nun sein Wort auf­nah­men, lie­ßen sich tau­fen; und es wur­den an jenem Tag etwa drei­tau­send See­len hin­zu­ge­tan. Sie ver­harr­ten aber in der Leh­re der Apos­tel und in der Gemein­schaft, im Bre­chen des Bro­tes und in den Gebe­ten. Es kam aber über jede See­le Furcht, und es gescha­hen vie­le Wun­der und Zei­chen durch die Apos­tel. Alle Gläu­big­ge­wor­de­nen aber waren bei­sam­men und hat­ten alles gemein­sam; und sie ver­kauf­ten die Güter und die Habe und ver­teil­ten sie an alle, je nach­dem einer bedürf­tig war. Täg­lich ver­harr­ten sie ein­mü­tig im Tem­pel und bra­chen zu Hau­se das Brot, nah­men Spei­se mit Jubel und Schlicht­heit des Her­zens, lob­ten Gott und hat­ten Gunst beim gan­zen Volk. Der Herr aber tat täg­lich hin­zu, die geret­tet wer­den soll­ten. (Apos­tel­ge­schich­te 2,32–47)

Dem Bei­spiel Jesu[13] fol­gend hat auch Petrus den Auf­ruf zur Buße an den Anfang gestellt. Die Abkehr vom alten, von der Sün­de beherrsch­ten Leben war die Vor­aus­set­zung für ein neu­es Leben als Kind Got­tes. Wer zu Gott gehö­ren woll­te, muss­te mit sei­nen Sün­den ins Licht tre­ten, die ihn von Gott, aber auch von den Mit­men­schen trennten.

Und dies ist die Bot­schaft, die wir von ihm gehört haben und euch ver­kün­di­gen: dass Gott Licht ist, und gar kei­ne Fins­ter­nis in ihm ist. Wenn wir sagen, dass wir Gemein­schaft mit ihm haben, und wan­deln in der Fins­ter­nis, lügen wir und tun nicht die Wahr­heit. Wenn wir aber im Licht wan­deln, wie er im Licht ist, haben wir Gemein­schaft mit­ein­an­der, und das Blut Jesu, sei­nes Soh­nes, rei­nigt uns von jeder Sün­de. (1. Johan­nes 1,5–7)

Der Mensch kann sich dem hei­li­gen Gott nur mit einem auf­rich­ti­gen Her­zen nahen. Wenn jemand die Sün­den vor Gott auf­deckt, kann Gott sie „zude­cken“.[14] Er kann ihm ver­ge­ben und ihn zu einem neu­en Men­schen machen, der sich vom Geist Got­tes lei­ten lässt.

Die­ser Geist Got­tes lei­tet den Men­schen zur Lie­be. Die Jün­ger Jesu hat­ten von ihrem Meis­ter gelernt, dass Lie­be die Hin­ga­be des gan­zen Lebens bedeu­tet. Die­se Hin­ga­be hat auch das Leben der Urge­mein­de geprägt. Die Lie­be, die Gott jedem sei­ner Kin­der ins Herz gießt,[15] drängt sie dazu, nicht mehr für sich selbst zu leben. Pau­lus drück­te es so aus:

Denn die Lie­be Chris­ti drängt uns, da wir zu die­sem Urteil gekom­men sind, dass einer für alle gestor­ben ist und somit alle gestor­ben sind. Und für alle ist er gestor­ben, damit die, wel­che leben, nicht mehr sich selbst leben, son­dern dem, der für sie gestor­ben und auf­er­weckt wor­den ist. (2. Korin­ther 5, 14–15)

Weil die ers­ten Chris­ten so wie Jesus nicht für sich selbst leben woll­ten, haben sie sich von allem befrei­en las­sen, was sie an der Lie­be hin­dern könn­te: Bin­dun­gen an Haus, Äcker, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, Freun­de, eige­ne Plä­ne …[16] Sie waren bereit, sich von allem und jedem zu lösen, was sie am Dienst für Gott und für das Heil der Men­schen hin­der­te. Von Jesus wuss­ten sie, dass es einer­seits anders nicht geht, aber ande­rer­seits dar­in auch eine Ver­hei­ßung liegt:

Petrus begann und sag­te zu ihm: Sie­he, wir haben alles ver­las­sen und sind dir nach­ge­folgt. Jesus sprach: Wahr­lich, ich sage euch: Da ist nie­mand, der Haus oder Brü­der oder Schwes­tern oder Mut­ter oder Vater oder Kin­der oder Äcker ver­las­sen hat um mei­net­wil­len und um des Evan­ge­li­ums wil­len, der nicht hun­dert­fach emp­fängt, jetzt in die­ser Zeit Häu­ser und Brü­der und Schwes­tern und Müt­ter und Kin­der und Äcker unter Ver­fol­gun­gen – und in dem kom­men­den Zeit­al­ter ewi­ges Leben. (Mar­kus 10,28–30)

Die Bereit­schaft zur Selbst­ver­leug­nung,[17] zum Auf­ge­ben des selbst­be­stimm­ten Lebens mach­te sie frei für die Din­ge, die Got­tes Reich betref­fen. Jeden Tag ver­brach­ten sie Zeit im Tem­pel, wo sie mit vie­len ihrer Volks­ge­nos­sen reden und  Jesus als den Mes­si­as bezeu­gen konn­ten. In ihren Häu­sern kamen sie täg­lich zur Gemein­schaft zusam­men. In die­sen klei­ne­ren Zusam­men­künf­ten blieb nie­mand anonym. Es gab kei­ne Lit­ur­gien oder Pro­gram­me, die man „völ­lig unver­bind­lich“ besu­chen konn­te. Ganz prak­tisch haben sie es erlebt, wie sie für­ein­an­der Brü­der, Schwes­tern, Eltern, Kin­der gewor­den sind, auch wenn sie sich vor­her ganz fremd oder gar feind waren. Die Kir­che war für jeden offen: für Arme und Rei­che, Män­ner und Frau­en, Juden und Grie­chen, Skla­ven und Freie, Jun­ge und Alte. Ihr Gemein­schafts­le­ben war auf­ge­baut auf dem, was die Apos­tel sie über Jesu Leben, sei­ne Gebo­te, Got­tes Wesen und Wil­len gelehrt haben. So wie Jesus den Men­schen gedient hat, haben auch sie ein­an­der gedient, ein­an­der ermun­tert, ermahnt, getrös­tet, kor­ri­giert. Weil sie so viel Zeit wie mög­lich mit­ein­an­der in geist­li­cher Gemein­schaft ver­brach­ten, kann­ten sie ein­an­der wirk­lich und wuss­ten, wo der Bru­der Hil­fe brauch­te. In Bezie­hun­gen, die ober­fläch­lich und flüch­tig blei­ben, weil man die Pri­vat­sphä­re des ande­ren nicht antas­ten will, kann wirk­li­che Lie­be nicht umge­setzt wer­den. Die Chris­ten damals teil­ten Freud und Leid, bekann­ten auch ein­an­der ihre Schwä­chen und Sün­den[18] und hal­fen sich gegen­sei­tig in ihrem Glau­bens­kampf. Alles geschah aus dem Wunsch, ein­an­der dar­in zu unter­stüt­zen, ein hei­li­ges, gott­ge­fäl­li­ges Leben zu füh­ren, sodass alle mit­ein­an­der das Ziel des Glau­bens errei­chen: die ewi­ge Freu­de in der Gegen­wart Got­tes. Wie wich­tig die täg­li­che brü­der­li­che Ermun­te­rung für das Heil ist, kommt in Hebrä­er 3,12–14 deut­lich zum Ausdruck:

Seht zu, Brü­der, dass nicht etwa in jeman­dem von euch ein böses Herz des Unglau­bens sei, im Abfall vom leben­di­gen Gott, son­dern ermun­tert ein­an­der jeden Tag, solan­ge es „heu­te“ heißt, damit nie­mand von euch ver­här­tet wer­de durch Betrug der Sün­de! Denn wir sind Teil­ha­ber des Chris­tus gewor­den, wenn wir die anfäng­li­che Zuver­sicht bis zum Ende stand­haft festhalten.

Durch ihre Lie­be, Hin­ga­be und Ein­tracht waren die ers­ten Chris­ten das Licht, von dem Jesus gespro­chen hat[19], und es beein­druck­te die Men­schen um sie her­um. Den­noch wag­te nie­mand, sich ihnen anzu­schlie­ßen, wenn er nicht auch die­sen Wunsch nach einem hei­li­gen Leben hat­te.[20]

Der gemein­sa­me Glau­be an Jesus als den Ret­ter und die Wahr­heit sei­ner Wor­te hat sie also tief mit­ein­an­der ver­bun­den. Das bedeu­te­te aber auch, dass die Ver­bun­den­heit zer­stört wur­de, wenn jemand einen selbst­be­stimm­ten Weg ein­schla­gen und nicht mehr selbst­los lie­ben woll­te. Das Bei­spiel von Hana­ni­as und Saphi­ra[21] zeigt, wie ver­häng­nis­voll es ist, wenn Chris­ten in ihrem Her­zen nicht mehr auf­rich­tig sind. Die bei­den ver­kauf­ten einen Acker, waren aber nicht ehr­lich in ihrer Bereit­schaft zu tei­len und belo­gen die Apos­tel. Sie hät­ten ihren Besitz auch behal­ten kön­nen. Wenn sie gute Grün­de dafür gehabt hät­ten, hät­ten sie ihre Ent­schei­dung nicht ver­ber­gen müs­sen, und alles hät­te in Offen­heit und Ver­trau­en bespro­chen wer­den können.

In der Gemein­de Got­tes kön­nen unauf­rich­ti­ge Men­schen nicht bestehen. Denn das für den gemein­sa­men Dienst für Gott unbe­dingt not­wen­di­ge Ver­trau­en wird zer­stört, wenn kein ehr­li­ches Fra­gen nach dem Wil­len Got­tes mehr da ist.

Die­se Bege­ben­heit führt uns zu einem wei­te­ren Punkt, der das gemein­sa­me Leben der ers­ten Chris­ten geprägt hat: zur Güter­ge­mein­schaft.

5 „Sie hat­ten alles gemein­sam“ – die Güter­ge­mein­schaft als prak­ti­zier­te Bruderliebe?

In der oben zitier­ten Stel­le aus Mar­kus 10,28–30 hat Jesus den Jün­gern auch Häu­ser und Äcker ver­hei­ßen. Erfüllt hat sich die­se Ver­hei­ßung dar­in, dass die Chris­ten das, was sie hat­ten, nicht mehr als ihr Pri­vat­ei­gen­tum betrach­tet haben. Alles war ihnen gemein­sam und sie teil­ten ihre Güter mit den Glau­bens­ge­schwis­tern. Nie­mand hat es ihnen vor­ge­schrie­ben und es lag in ihrer frei­en Gewis­sens­ent­schei­dung vor Gott, wie sie ihren Besitz ver­wen­det haben. Von außen betrach­tet war die Güter­ge­mein­schaft wohl der offen­sicht­lichs­te Aus­druck ihres Ver­trau­ens und der tie­fen Ein­tracht und Ver­bun­den­heit unter ihnen. So etwas kann­te die Welt nicht. Weil sie neue Men­schen gewor­den waren, hin­gen sie nicht mehr an ihrem irdi­schen Besitz. Die unver­gäng­li­chen geist­li­chen Güter, die aus ihrer Bezie­hung zu Gott erwuch­sen, waren ihr kost­bars­ter Schatz und so woll­ten sie auch die ver­gäng­li­chen Güter für das Reich Got­tes ein­set­zen. Sie haben nicht alles in eine Kas­se gewor­fen, son­dern wer etwas hat­te, der hat es gege­ben, wo es nötig war. Neben Apos­tel­ge­schich­te 2 lesen wir auch in Kapi­tel 4,32–37 darüber:

Die Men­ge derer aber, die gläu­big wur­den, war ein Herz und eine See­le; und auch nicht einer sag­te, dass etwas von sei­ner Habe sein eigen sei, son­dern es war ihnen alles gemein­sam. Und mit gro­ßer Kraft leg­ten die Apos­tel das Zeug­nis von der Auf­er­ste­hung des Herrn Jesus ab; und gro­ße Gna­de war auf ihnen allen. Denn es war auch kei­ner bedürf­tig unter ihnen, denn so vie­le Besit­zer von Äckern oder Häu­sern waren, ver­kauf­ten sie und brach­ten den Preis des Ver­kauf­ten und leg­ten ihn nie­der zu den Füßen der Apos­tel; es wur­de aber jedem zuge­teilt, so wie einer Bedürf­nis hat­te. Josef aber, der von den Apos­teln Bar­na­bas genannt wur­de – was über­setzt heißt: Sohn des Tros­tes -, ein Levit, ein Zyprer von Geburt, der einen Acker besaß, ver­kauf­te ihn, brach­te das Geld und leg­te es zu den Füßen der Apos­tel nieder.

Wo in den heu­ti­gen soge­nann­ten Kir­chen die brü­der­li­che Lie­be fehlt und durch die pas­si­ve Teil­nah­me an „Got­tes­diens­ten“ und ande­ren Ver­an­stal­tun­gen ersetzt wird, ist auch die Bereit­schaft zum Tei­len des Besit­zes nicht zu fin­den. Dar­an ändern auch die Kir­chen­steu­er, für die es kei­ner­lei bibli­sche Begrün­dung gibt, oder der in man­chen Frei­kir­chen übli­che Zehn­te nichts. Es wird ja nur ein Bruch­teil des­sen gege­ben, was man als sein Eigen­tum betrach­tet. Natür­lich suchen Theo­lo­gen schein­ba­re Argu­men­te, die das Feh­len der Güter­ge­mein­schaft heu­te recht­fer­ti­gen sol­len. Von vie­len Kir­chen­mit­glie­dern wer­den die­se auch gern über­nom­men, weil man etwas braucht, um den Ego­is­mus auch in Bezug auf mate­ri­el­len Besitz zu ver­schlei­ern. So wird zum Bei­spiel gesagt, dass die Chris­ten damals des­we­gen geteilt haben, weil sie die Wie­der­kunft Jesu als nahe bevor­ste­hend erwar­tet haben und dach­ten, dass sie dann ihre irdi­schen Güter sowie­so nicht mehr lan­ge brau­chen wür­den. Manch­mal wird auch gesagt, sie hät­ten nicht mehr gear­bei­tet und dadurch sei die Jeru­sa­le­mer Gemein­de ver­armt. Pau­lus hät­te des­halb spä­ter die Geld­samm­lung durch­füh­ren müs­sen, um die Gläu­bi­gen in Jeru­sa­lem vor dem angeb­lich selbst ver­schul­de­ten dro­hen­den Hun­ger­tod zu retten.

Wir sehen in die­sen „Argu­men­ten“ eine Ent­stel­lung der Lie­be, die Gott unter den Chris­ten gewirkt hat. Wer so etwas behaup­tet, muss sich des­sen bewusst sein, was er den Apos­teln unter­stellt. Denn damit sagt man, dass sie hier nicht vom Geist Got­tes gelei­tet waren und die Gemein­de in eine Sack­gas­se geführt haben. Indi­rekt stellt man damit auch die Weis­heit Jesu in Fra­ge, der sich gera­de die­se Män­ner aus­ge­wählt hat, um durch sie sei­ne Kir­che zu bau­en. Auch bedenkt man dabei nicht, dass Gott selbst die Apos­tel in ihrer geist­li­chen Auto­ri­tät bestä­tigt hat, indem er durch sie Wun­der wirk­te. Wir wol­len nun im ein­zel­nen dar­auf eingehen:

Dass die Apos­tel Nah­erwar­tung hat­ten, kann man von der Bibel her nicht begrün­den. Jesus hat­te ihnen auf­ge­tra­gen, das Evan­ge­li­um bis an das Ende der Erde zu tra­gen.[22] Sie waren nicht so unrea­lis­tisch zu mei­nen, das wür­de in weni­gen Jah­ren gesche­hen sein. Wir lesen auch in Johan­nes 21,18–19, dass Jesus Petrus ange­kün­digt hat, dass er, wenn er alt gewor­den ist, eines gewalt­sa­men Todes ster­ben wür­de. Das ist ein kla­rer Hin­weis dar­auf, dass Petrus die Wie­der­kunft Jesu wäh­rend sei­nes Erden­le­bens nicht erle­ben wür­de. Wohl aber woll­ten die Chris­ten jeder­zeit vor­be­rei­tet sein dar­auf, Jesus wie­der zu begeg­nen und leb­ten in der Erwar­tung des­sen, wann immer es auch sein wür­de. Er selbst hat­te sie (und uns alle) gelehrt, wach­sam zu sein, denn der Men­schen­sohn wird kom­men wie ein Dieb in der Nacht.[23]

Die Grund­stü­cke, die sie ver­kauf­ten, waren sol­che, die sie nicht mehr brauch­ten und das hat­te einen kon­kre­ten Hin­ter­grund. Es gab unter den from­men Juden die Erwar­tung, dass der Mes­si­as in Jeru­sa­lem erschei­nen wür­de. Des­halb wird ange­nom­men, dass sie sich Grund­stü­cke in und um Jeru­sa­lem kauf­ten, auf denen sie begra­ben wer­den konn­ten. Sie hoff­ten, dass sie damit bei der Auf­er­ste­hung der Toten am Jüngs­ten Tag, wenn der Mes­si­as kommt, gleich in sei­ner Nähe sein wür­den. Als sie Chris­ten wur­den und wuss­ten, dass Jesus, der Mes­si­as, schon gekom­men war, waren es sehr wahr­schein­lich eben die­se Grund­stü­cke, die sie zuguns­ten der Bedürf­ti­gen ver­kauf­ten. Aber in ihren Häu­sern haben sie wei­ter­hin gewohnt und sich dort ver­sam­melt, wie wir in Apos­tel­ge­schich­te 2 gele­sen haben.

Wir dür­fen auch anneh­men, dass die Chris­ten in Jeru­sa­lem bezüg­lich des Arbei­tens nicht anders dach­ten als Pau­lus, der im Brief an die Thes­sa­lo­ni­cher sehr kla­re ermah­nen­de Wor­te gegen den unor­dent­li­chen Lebens­wan­del eini­ger Chris­ten findet:

Wir gebie­ten euch aber, Brü­der, im Namen unse­res Herrn Jesus Chris­tus, dass ihr euch zurück­zieht von jedem Bru­der, der unor­dent­lich und nicht nach der Über­lie­fe­rung wan­delt, die ihr von uns emp­fan­gen habt. Denn ihr selbst wisst, wie man uns nach­ah­men soll; denn wir haben unter euch nicht unor­dent­lich gelebt, noch haben wir von jemand Brot umsonst geges­sen, son­dern wir haben mit Mühe und Beschwer­de Nacht und Tag gear­bei­tet, um kei­nem von euch beschwer­lich zu fal­len. Nicht, dass wir nicht das Recht dazu haben, son­dern damit wir uns euch zum Vor­bild gäben, damit ihr uns nach­ahmt. Denn auch als wir bei euch waren, gebo­ten wir euch dies: Wenn jemand nicht arbei­ten will, soll er auch nicht essen. Denn wir hören, dass eini­ge unter euch unor­dent­lich wan­deln, indem sie nicht arbei­ten, son­dern unnüt­ze Din­ge trei­ben. Sol­chen aber gebie­ten wir und ermah­nen sie im Herrn Jesus Chris­tus, dass sie in Stil­le arbei­ten und ihr eige­nes Brot essen. (2. Thes­sa­lo­ni­cher 3,6–12)

Güter­ge­mein­schaft unter Chris­ten bedeu­tet natür­lich nicht, dass man sich auf dem Besitz ande­rer aus­ruht. Jeder soll durch Arbeit für sei­nen Lebens­un­ter­halt auf­kom­men und beschei­den leben, damit er auch denen geben kann, die Not leiden.

Die Geld­samm­lung für die Gemein­den in Paläs­ti­na, über die man im Neu­en Tes­ta­ment lesen kann,[24] ist kein Bei­spiel dafür, dass die Güter­ge­mein­schaft nicht funk­tio­niert hat. Im Gegen­teil ist sie ein Bei­spiel für den Segen der Güter­ge­mein­schaft in grö­ße­rem Rah­men. Die ers­te Samm­lung, über die wir im Neu­en Tes­ta­ment erfah­ren, hat­te ihren Grund in einer all­ge­mei­nen Hun­gers­not, über die in der Apos­tel­ge­schich­te 11,27–30 berich­tet wird:

In die­sen Tagen aber kamen Pro­phe­ten von Jeru­sa­lem nach Antio­chia her­ab. Einer aber von ihnen, mit Namen Aga­bus, stand auf und zeig­te durch den Geist eine gro­ße Hun­gers­not an, die über den gan­zen Erd­kreis kom­men soll­te; sie trat auch unter Klau­di­us ein. Sie beschlos­sen aber, dass, je nach­dem wie einer der Jün­ger begü­tert war, jeder von ihnen zur Hil­fe­leis­tung den Brü­dern, die in Judäa wohn­ten, etwas sen­den soll­te; das taten sie auch, indem sie es durch die Hand des Bar­na­bas und Sau­lus an die Ältes­ten sandten.

Die Hun­gers­not hat ver­schie­de­ne Gegen­den des römi­schen Rei­ches in unter­schied­li­chem Aus­maß betrof­fen. Die Juden waren von vorn­her­ein ärmer, weil sie ver­schie­de­ne Steu­ern und Abga­ben zah­len muss­ten: den Zehn­ten für Pries­ter und Tem­pel­dienst, die Tem­pel­steu­er für die Sanie­rung des Tem­pels, die Kopf­steu­er an den Kai­ser und Zöl­le an die Zöll­ner. In die­ser Situa­ti­on war es den Chris­ten, denen es mate­ri­ell bes­ser ging, eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, ihren stär­ker betrof­fe­nen Brü­dern im ver­arm­ten Paläs­ti­na zu hel­fen. Die­se selbst­ver­ständ­li­che Bereit­schaft zum Tei­len und Hel­fen fin­den wir auch bei den Gemein­den, die im Rah­men der drit­ten Mis­si­ons­rei­se des Pau­lus die Gemein­den in Judäa unter­stütz­ten. So schreibt Pau­lus über die Maze­do­ni­er in 2. Korin­ther 8,3–4:

Denn nach Ver­mö­gen, ich bezeu­ge es, und über Ver­mö­gen waren sie aus eige­nem Antrieb wil­lig und baten uns mit vie­lem Zure­den um die Gna­de und die Betei­li­gung am Dienst für die Heiligen.

Und er setzt mit einer Ermun­te­rung an die Korin­ther fort:

Nicht befehls­wei­se spre­che ich, son­dern um durch den Eifer ande­rer auch die Echt­heit eurer Lie­be zu prü­fen. Denn ihr kennt die Gna­de unse­res Herrn Jesus Chris­tus, dass er, da er reich war, um euret­wil­len arm wur­de, damit ihr durch sei­ne Armut reich wür­det. Und ich gebe hier­in eine Mei­nung ab; denn das ist euch nütz­lich, die ihr nicht allein das Tun, son­dern auch das Wol­len vor­her ange­fan­gen habt – seit vori­gem Jahr. Nun aber voll­endet auch das Tun, damit, wie die Bereit­wil­lig­keit des Wol­lens, so auch das Voll­brin­gen da ist, nach dem, was ihr habt. Denn wenn die Bereit­wil­lig­keit da ist, so ist sie will­kom­men nach dem, was sie hat, und nicht nach dem, was sie nicht hat. Denn das sage ich nicht, damit ande­re Erleich­te­rung haben, ihr aber Bedräng­nis, son­dern nach Maß­ga­be der Gleich­heit: In der jet­zi­gen Zeit die­ne euer Über­fluss dem Man­gel jener, damit auch der Über­fluss jener für euren Man­gel die­ne, damit Gleich­heit ent­ste­he; wie geschrie­ben steht: „Wer viel sam­mel­te, hat­te kei­nen Über­fluss, und wer wenig sam­mel­te, hat­te kei­nen Man­gel.“ (2. Korin­ther 8,8–15)

Die Geld­samm­lung soll­te natür­lich nie­man­den in Not brin­gen, son­dern durch das Tei­len soll­te jeder das haben, was er zum Leben braucht. Die­se Bereit­schaft zum Tei­len begrün­det Pau­lus mit der Gesin­nung Jesu, „arm“ zu wer­den, damit ande­re „reich“ wer­den kön­nen, nicht mit der Erwar­tung sei­ner bal­di­gen Wie­der­kunft. Er sieht das als einen Beweis der Echt­heit ihrer Lie­be. Denn Chris­ten sol­len nicht mit Wor­ten lie­ben, son­dern in Tat und Wahrheit:

Hier­an haben wir die Lie­be erkannt, dass er für uns sein Leben hin­ge­ge­ben hat; auch wir sind schul­dig, für die Brü­der das Leben hin­zu­ge­ben. Wer aber irdi­schen Besitz hat und sieht sei­nen Bru­der Man­gel lei­den und ver­schließt sein Herz vor ihm, wie bleibt die Lie­be Got­tes in ihm? Kin­der, lasst uns nicht lie­ben mit Wor­ten noch mit der Zun­ge, son­dern in Tat und Wahr­heit! (1. Johan­nes 3,16–18)

Eine wei­te­re Ermun­te­rung zum Tei­len fin­den wir in Hebrä­er 13,16:

Das Wohl­tun und Mit­tei­len[25] aber ver­gesst nicht! Denn an sol­chen Opfern hat Gott Wohlgefallen.

Auch hier sehen wir, dass der Grund zum Tei­len der Güter nicht die Nah­erwar­tung war, son­dern der Wunsch, durch sol­che „Opfer“ Gott zu gefallen.

5.1 Wie ist das nun mit dem Zehnten?

Kurz möch­ten wir noch auf die Fra­ge des Zehn­ten ein­ge­hen: Wie schon gesagt, hat sich die­se Pra­xis in eini­gen Frei­kir­chen ver­brei­tet und wahr­schein­lich den­ken vie­le, dass das biblisch sei. Nun fin­det man in der Bibel eini­ges über den Zehn­ten, aber nicht als eine bei Chris­ten übli­che Pra­xis. Im Alten Tes­ta­ment war die Abga­be des Zehn­ten dafür gedacht, den Dienst der Pries­ter und Levi­ten zu ermög­li­chen und die Opfer im Tem­pel zu finan­zie­ren.[26] Nach Deu­te­ro­no­mi­um 14,28–29 wur­de außer­dem in jedem drit­ten Jahr der Zehn­te für die Armen des Vol­kes ver­wen­det. Aber nir­gends im Neu­en Tes­ta­ment gibt es einen Hin­weis dar­auf, dass die Chris­ten den Zehn­ten gege­ben hät­ten. Was wir statt­des­sen fin­den, ist, dass sie alles teil­ten. Das ent­spricht auch der Beschrei­bung in Apos­tel­ge­schich­te 4,32, dass sie ein Herz und eine See­le waren. So ein tie­fes Ver­trau­en, wie es oft nicht ein­mal in Fami­li­en zu fin­den ist, hört auch beim Geld nicht auf. Die­ses Ver­trau­en war mög­lich, weil sie das Leben von­ein­an­der kann­ten. So wuss­ten sie um die Auf­rich­tig­keit ihrer Brü­der im Fra­gen nach dem Wil­len Got­tes und konn­ten den ande­ren auch ihr Geld oder ande­re Güter zur gott­ge­woll­ten Ver­wen­dung anvertrauen.

6 „Seht, ich sen­de euch wie Scha­fe mit­ten unter die Wöl­fe“ – die Gemein­de, ein ver­folg­ter Fremd­kör­per in die­ser Welt

Der anfäng­li­chen Wert­schät­zung durch das Volk in Jeru­sa­lem folg­te schon bald die Erfül­lung des­sen, was Jesus in den fol­gen­den Wor­ten vor­aus­ge­sagt hat:

Sie­he, ich sen­de euch wie Scha­fe mit­ten unter Wöl­fe; so seid nun klug wie die Schlan­gen und ein­fäl­tig wie die Tau­ben. Hütet euch aber vor den Men­schen! Denn sie wer­den euch an Gerich­te über­lie­fern und in ihren Syn­ago­gen euch gei­ßeln; und auch vor Statt­hal­ter und Köni­ge wer­det ihr geführt wer­den um mei­net­wil­len, ihnen und den Natio­nen zum Zeug­nis. Wenn sie euch aber über­lie­fern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stun­de gege­ben wer­den, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid die Reden­den, son­dern der Geist eures Vaters, der in euch redet. Es wird aber der Bru­der den Bru­der zum Tode über­lie­fern und der Vater das Kind; und Kin­der wer­den sich erhe­ben gegen die Eltern und sie zu Tode brin­gen. Und ihr wer­det von allen gehasst wer­den um mei­nes Namens wil­len. Wer aber aus­harrt bis ans Ende, der wird geret­tet wer­den. (Mat­thä­us 10,16–22)

Die reli­giö­sen Füh­rer der Juden haben von Anfang an ver­sucht, die Aus­brei­tung die­ser neu­en „Sek­te“[27] zu unter­bin­den. Sie fürch­te­ten um ihren Ein­fluss auf das Volk, ihre Ehre vor den Men­schen und woll­ten die Wahr­heit über ihr Leben nicht hören.[28] So erteil­ten sie den Apos­teln Rede­ver­bot, lie­ßen sie aus­peit­schen und sperr­ten sie ein.[29] Aber die Jün­ger „hör­ten nicht auf, jeden Tag im Tem­pel und in den Häu­sern zu leh­ren und Jesus als den Chris­tus zu ver­kün­di­gen“ (Apos­tel­ge­schich­te 5,42). Als Ste­pha­nus den Mit­glie­dern des Hohen Rates ihre Schuld an der Ermor­dung des gerech­ten Got­tes­knech­tes vor Augen stell­te und ihnen zei­gen woll­te, wie sehr sie sich Gott wider­set­zen, wur­de er dafür gestei­nigt und war damit der Ers­te, der sei­nem Herrn in den Mär­ty­rer­tod folg­te.[30] Auch von Pau­lus wis­sen wir, dass er wegen sei­ner Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums Ver­fol­gung erlei­den muss­te, oft von Juden, aber auch von Hei­den.[31]

Die Chris­ten waren kei­ne an den Zeit­geist ange­pass­ten Mit­bür­ger.[32] Als Haus­ge­nos­sen Got­tes[33] wuss­ten sie sich der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums ver­pflich­tet und hiel­ten dar­an auch gegen den Wider­stand derer, die sich nicht zur Umkehr rufen las­sen woll­ten, fest. Sie woll­ten mit ihrem Leben zei­gen, was der Wil­le Got­tes für alle Men­schen ist. Pau­lus ermun­ter­te sie, wie Him­mels­lich­ter inmit­ten eines ver­dreh­ten und ver­kehr­ten Geschlechts zu leuch­ten.[34] Ihre Wer­te und ihre Wer­ke waren also ganz anders als die der Men­schen um sie her­um, die selbst­be­stimmt und nach den eige­nen Begier­den leben woll­ten. Des­we­gen war für sie klar, dass Freund­schaft mit der Welt Feind­schaft gegen Gott bedeu­tet.[35] Wem ihr Leben kein Zeug­nis für Got­tes Wir­ken war, dem war es eine Ankla­ge und führ­te auch zur gewalt­sa­men Ableh­nung des Evan­ge­li­ums und derer, die es ver­kün­dig­ten.[36]

Noch im 2. und 3. Jahr­hun­dert waren die­je­ni­gen, die sich zum Glau­ben an Jesus bekann­ten, Außen­sei­ter der Gesell­schaft. Sie grenz­ten sich von den welt­li­chen Ver­gnü­gun­gen ab, in denen die meis­ten Men­schen ihre Freu­de suchen. Sie betei­lig­ten sich nicht an den öffent­li­chen Fes­ten und reli­giö­sen Ritua­len und mahn­ten die Men­schen, über ihr sünd­haf­tes Leben Buße zu tun. So zogen sie sich die Feind­schaft der Öffent­lich­keit zu. Schau­er­li­che Gerüch­te wur­den über sie ver­brei­tet und in Zei­ten der staat­li­chen Ver­fol­gun­gen wur­den vie­le ver­ur­teilt, ohne dass ihnen ein Unrecht nach­ge­wie­sen wer­den konn­te. Unter dem fol­gen­den Link (Aus den Schrif­ten früh­christ­li­cher Autoren) haben wir Tex­te zusam­men­ge­stellt, die einen genaue­ren Ein­blick in die dama­li­ge Situa­ti­on geben.

7 Was bedeu­tet das für uns heute?

Die Art und Wei­se, wie die ers­ten Chris­ten leb­ten, war kei­ne Form, die sie für sich selbst so fest­ge­legt hat­ten. Sie haben ihren All­tag, ihre freie Zeit, ihre Gaben und Fähig­kei­ten, Freu­de, Leid, Geld und Güter, alles, was das Leben aus­macht, mit­ein­an­der geteilt und für­ein­an­der gege­ben. In jeder Wei­se woll­ten sie ein­an­der hel­fen, in ihrem Leben Gott die Treue zu bewah­ren. So woll­ten sie als Jün­ger Jesu sei­ner Hin­ga­be fol­gen, wie es auch der Apos­tel Johan­nes ausdrückt:

Hier­an haben wir die Lie­be erkannt, dass er (Jesus) für uns sein Leben hin­ge­ge­ben hat; auch wir sind schul­dig, für die Brü­der das Leben hin­zu­ge­ben. (1. Johan­nes 3,16)

Die Lie­be zuein­an­der, wie sie unter Geschwis­tern nor­mal ist, war Aus­druck ihrer Lie­be zu Gott. Johan­nes schreibt das klar und einfach:

Wir lie­ben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wenn jemand sagt: Ich lie­be Gott, und hasst[37] sei­nen Bru­der, ist er ein Lüg­ner. Denn wer sei­nen Bru­der nicht liebt, den er gese­hen hat, kann nicht Gott lie­ben, den er nicht gese­hen hat. Und die­ses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch sei­nen Bru­der lie­ben soll. (1. Johan­nes 4,19–21)

Das gilt heu­te eben­so für jeden, der Jesus fol­gen, also Christ sein will. Es ist ein fol­gen­schwe­rer Selbst­be­trug zu mei­nen, Christ­sein beschrän­ke sich auf eine indi­vi­du­el­le Bezie­hung zwi­schen mir und Gott, die zusätz­lich noch mit (gele­gent­li­chen) Besu­chen von Ver­an­stal­tun­gen ist. Die Braut Chris­ti ist die Kir­che, nicht der ein­zel­ne Christ.[38] Die Kir­che wird auch als sein Leib bezeich­net und er ist das Haupt, durch das alle Glie­der ver­bun­den sein müs­sen und das sie in ihrem gemein­sa­men Dienst für Gott[39] lei­tet. Wie Jesus die Kir­che woll­te, kannst du aus ande­ren Tex­ten auf die­ser Web­site genau­er erfah­ren, z. B.: „Die Kir­che“.

Mit unse­rem gemein­schaft­li­chen Leben möch­ten wir Got­tes ver­än­dern­de Kraft bezeu­gen und dazu ermun­tern, nicht klein­gläu­big zu sein und zu zwei­feln, ob man heu­te noch so leben kön­ne. Wir haben die Erfah­rung gemacht, dass es mög­lich ist, Jesus so nach­zu­fol­gen, wie wir es am Bei­spiel der ers­ten Chris­ten sehen. Dazu laden wir dich ein, das mit uns gemein­sam zu tun. Wir sehen, wie segens­reich, aber auch not­wen­dig die­ses Leben für das Wach­sen in den wirk­li­chen Tugen­den ist: in der Demut und der Selbst­lo­sig­keit, in der Selbst­ver­leug­nung und Hin­ga­be­be­reit­schaft, in der Sanft­mut und der Geduld, dar­in, den ande­ren höher zu ach­ten als sich selbst, auf den eige­nen Vor­teil zu ver­zich­ten und das Bes­te für den Nächs­ten zu suchen. Wir erfah­ren nicht nur, wie Jesus uns zu dem allen befä­hi­gen kann, son­dern auch, dass wir sei­ne Hin­ga­be und Lie­be für uns dadurch tie­fer ver­ste­hen und erfah­ren. Dafür wol­len wir ihn aus tie­fer Dank­bar­keit her­aus loben.

Ihr Lie­ben, lasst uns ein­an­der lieb haben; denn die Lie­be ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott gebo­ren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Lie­be. Dar­in ist erschie­nen die Lie­be Got­tes unter uns, dass Gott sei­nen ein­ge­bo­re­nen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sol­len. Dar­in besteht die Lie­be: nicht dass wir Gott geliebt haben, son­dern dass er uns geliebt hat und sei­nen Sohn gesandt hat zur Ver­söh­nung für uns­re Sün­den. Ihr Lie­ben, hat uns Gott so geliebt, so sol­len wir uns auch unter­ein­an­der lie­ben. Nie­mand hat Gott jemals gese­hen. Wenn wir uns unter­ein­an­der lie­ben, so bleibt Gott in uns, und sei­ne Lie­be ist in uns voll­kom­men. (1. Johan­nes 4,7–12 – Luther 1984)


Fußnoten

  1. Mar­kus 3,13–19.
  2. Wört­lich: „Gesand­te“, weil Jesus sie aus­ge­sandt hat.
  3. Johan­nes 13,34–35.
  4. Johan­nes 5,30–46.
  5. Lukas 11,1.
  6. Lukas 5,30–32.
  7. Mar­kus 6,31.
  8. Lukas 6,27–35.
  9. Johan­nes 10,11.
  10. Lukas 6,27–35.
  11. Mat­thä­us 16,21.
  12. Übli­cher­wei­se „Pfings­ten“ genannt.
  13. Mar­kus 1,14.
  14. Sie­he Psalm 32,1.5.
  15. Römer 5,5.
  16. Lukas 14,33.
  17. Lukas 9,23.
  18. Jako­bus 5,16; Apos­tel­ge­schich­te 19,18.
  19. Mat­thä­us 5,14–15
  20. Apos­tel­ge­schich­te 5,12–14.
  21. Apos­tel­ge­schich­te 5,1–11.
  22. Apos­tel­ge­schich­te 1,8.
  23. Lukas 12,35–40.
  24. Z. B. in Römer 15,25–27.
  25. Das grie­chi­sche Wort koi­no­nia steht nicht für Almo­sen, son­dern für gegen­sei­ti­ge Hil­fe in der Gemeinde.
  26. Z. B. Neh­emia 10,37–38.
  27. Apos­tel­ge­schich­te 24,5.14.
  28. Jesus sprach davon in Johan­nes 8,37–47.
  29. Apos­tel­ge­schich­te 5,17–23. 40–41.
  30. Apos­tel­ge­schich­te 7.
  31. 2. Korin­ther 11,22–27.
  32. Römer 12,1–2; 1. Petrus 4,1–5.
  33. Ephe­ser 2,19.
  34. Phil­ip­per 2,14–16.
  35. Jako­bus 4,4.
  36. 2. Korin­ther 4,7–11.
  37. Wie an ande­ren Stel­len im Neu­en Tes­ta­ment bedeu­tet „has­sen“ auch hier soviel wie „gering­ach­ten“ oder „hin­ter etwas oder jeman­den zurückstellen“.
  38. Ephe­ser 5,25–27.
  39. 1. Korin­ther 12,12–27.


Mar­kus 3,13–19.

Wört­lich: „Gesand­te“, weil Jesus sie aus­ge­sandt hat.

Johan­nes 13,34–35.

Johan­nes 5,30–46.

Lukas 11,1.

Lukas 5,30–32.

Mar­kus 6,31.

Lukas 6,27–35.

Johan­nes 10,11.

Lukas 6,27–35.

Mat­thä­us 16,21.

Übli­cher­wei­se „Pfings­ten“ genannt.

Mar­kus 1,14.

Sie­he Psalm 32,1.5.

Römer 5,5.

Lukas 14,33.

Lukas 9,23.

Jako­bus 5,16; Apos­tel­ge­schich­te 19,18.

Mat­thä­us 5,14–15

Apos­tel­ge­schich­te 5,12–14.

Apos­tel­ge­schich­te 5,1–11.

Apos­tel­ge­schich­te 1,8.

Lukas 12,35–40.

Z. B. in Römer 15,25–27.

Das grie­chi­sche Wort koi­no­nia steht nicht für Almo­sen, son­dern für gegen­sei­ti­ge Hil­fe in der Gemeinde.

Z. B. Neh­emia 10,37–38.

Apos­tel­ge­schich­te 24,5.14.

Jesus sprach davon in Johan­nes 8,37–47.

Apos­tel­ge­schich­te 5,17–23. 40–41.

Apos­tel­ge­schich­te 7.

2. Korin­ther 11,22–27.

Römer 12,1–2; 1. Petrus 4,1–5.

Ephe­ser 2,19.

Phil­ip­per 2,14–16.

Jako­bus 4,4.

2. Korin­ther 4,7–11.

Wie an ande­ren Stel­len im Neu­en Tes­ta­ment bedeu­tet „has­sen“ auch hier soviel wie „gering­ach­ten“ oder „hin­ter etwas oder jeman­den zurückstellen“.

Ephe­ser 5,25–27.

1. Korin­ther 12,12–27.