Lehrt die Bibel, dass die Wie­der­kunft Jesu unmit­tel­bar bevorsteht?

Themenbereiche: Endzeit

War­um wir die­sen Text schreiben

Vie­le Men­schen, die sich mit der Bibel beschäf­ti­gen, mei­nen, dass die Wie­der­kunft Jesu nahe bevor­stün­de, weil in unse­rer heu­ti­gen Zeit die Zei­chen der End­zeit deut­lich zu sehen sei­en. In die­sem Arti­kel wol­len wir eini­ge Bibel­stel­len, die wir in die­sem Zusam­men­hang für ent­schei­dend hal­ten, genau­er betrach­ten. Wir möch­ten zei­gen, war­um es nicht der christ­li­chen Gesin­nung ent­spricht, über den Zeit­punkt von Jesu zwei­tem Kom­men nach­zu­den­ken. Jesus ruft uns auf, ihm nach­zu­fol­gen, ihm in Demut und Gehor­sam treu zu die­nen. Wir wis­sen, dass er kommt – wann das sein wird, ist für uns nicht entscheidend.

Die Uhr zeigt, dass es in fünf Minuten Mitternacht ist: Wir befinden uns in der letzten Stunde des Tages. Sagt die Bibel dasselbe über die Wiederkunft Jesu?

1 Kön­nen wir unge­fähr den Zeit­punkt der Wie­der­kunft Jesu wissen?

Nach der Auf­er­ste­hung des Herrn, als die Jün­ger wie­der vol­ler Hoff­nung den Beginn des Got­tes­reichs erwar­te­ten, frag­ten sie ihn:

Herr, stellst du in die­ser Zeit für Isra­el das Reich wie­der her? Er sprach zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zei­ten oder Zeit­punk­te zu wis­sen, die der Vater in sei­ner eige­nen Voll­macht fest­ge­setzt hat. Aber ihr wer­det Kraft emp­fan­gen, wenn der Hei­li­ge Geist auf euch gekom­men ist; und ihr wer­det mei­ne Zeu­gen sein, sowohl in Jeru­sa­lem als auch in ganz Judäa und Sama­ria und bis an das Ende der Erde. (Apos­tel­ge­schich­te 1,6–8)

Jesus weist sie mit sei­ner Ant­wort einer­seits auf den Auf­trag hin, den sie erfül­len soll­ten. Ande­rer­seits sagt er deut­lich, dass eine Beschäf­ti­gung mit der Zeit sei­ner Wie­der­kunft nicht ihre Sache ist. Zei­ten und Zeit­punk­te (grie­chisch „chro­nos“ und „kai­ros“) umfas­sen sowohl Zeit­räu­me als auch kon­kre­te Zeit­punk­te. Wenn Jesus nicht woll­te, dass sich die Apos­tel mit der Fra­ge nach Zei­ten oder auch nach kon­kre­ten Zeit­punk­ten sei­ner Wie­der­kunft beschäf­ti­gen, gilt es genau­so für uns heute.

Jesus hat­te sei­nen Jün­gern im Hin­blick auf die Wie­der­kunft schon frü­her gesagt:

Von jenem Tag aber und jener Stun­de weiß nie­mand, auch nicht die Engel in den Him­meln, auch nicht der Sohn, son­dern der Vater allein. (Mat­thä­us 24,36)

Den Zeit­punkt kennt also nicht ein­mal der Sohn selbst. Den­noch beru­fen sich eini­ge auf die Wor­te Jesu und sagen, dass wir zwar den Tag und die Stun­de nicht ken­nen, der unge­fäh­re Zeit­punkt aber den­noch erkenn­bar sei. Jesus mein­te aber nicht, dass er oder die Engel den Zeit­punkt nicht genau ken­nen, son­dern dass sie ihn über­haupt nicht ken­nen. Er macht das auch durch sei­ne Wor­te vom Dieb in der Nacht deutlich:

Wacht also! Denn ihr wisst nicht, an wel­chem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Haus­herr gewusst hät­te, in wel­cher Wache der Dieb kommt, so hät­te er wohl gewacht und nicht zuge­las­sen, dass in sein Haus ein­ge­bro­chen wird. Des­halb seid auch ihr bereit! Denn in der Stun­de, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Men­schen. (Mat­thä­us 24,42–44)

Auch Petrus (2. Petrus 3,10) und Pau­lus ver­wen­den das Gleich­nis vom Dieb in der Nacht, um damit zu zei­gen, dass es unmög­lich ist, die Zeit des Kom­mens Jesu vorauszusehen:

Was aber die Zei­ten und Zeit­punk­te betrifft, Brü­der, so habt ihr nicht nötig, dass euch geschrie­ben wird. Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: Frie­de und Sicher­heit!, dann kommt ein plötz­li­ches Ver­der­ben über sie, wie die Geburts­we­hen über die Schwan­ge­re; und sie wer­den nicht ent­flie­hen. Ihr aber, Brü­der, seid nicht in Fins­ter­nis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergrei­fe; denn ihr alle seid Söh­ne des Lich­tes und Söh­ne des Tages; wir gehö­ren nicht der Nacht und nicht der Fins­ter­nis. (1. Thes­sa­lo­ni­cher 5,1–5)

Die Par­al­le­le zu den Wor­ten Jesu macht deut­lich, dass „Tag und Stun­de“ ein­fach eine ande­re For­mu­lie­rung für „Zei­ten und Zeit­punk­te“ ist. Wir wis­sen nicht, wann der Herr kommt und wir kön­nen es auch nicht wis­sen. Für die Söh­ne des Lichts ist das auch nicht wich­tig. Statt­des­sen erwar­ten sie freu­dig den Tag des Herrn, da sie jeden Tag nach sei­nem Wil­len leben und bereit sind, ihn zu empfangen.

2 War­um spricht Jesus von erkenn­ba­ren Zeichen?

Vie­les von dem, was Jesus sei­nen Zeit­ge­nos­sen sag­te, gilt auch für alle nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen. Sei­ne Ankün­di­gung der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems[1] galt aller­dings in ers­ter Linie sei­nen Zuhö­rern, den Apos­teln. Die­se und die Chris­ten Judä­as soll­ten die Zei­chen, die der Kata­stro­phe vor­aus­ge­hen, erken­nen und ent­spre­chend han­deln. Es bewahrt uns vor vor­ei­li­gen Schlüs­sen, wenn wir zuerst dar­über nach­den­ken, was die­je­ni­gen ver­ste­hen soll­ten, zu denen Jesus gespro­chen hat. Dies gilt vor allem für die soge­nann­ten End­zeit­re­den in Mat­thä­us 24, Mar­kus 13 und Lukas 21.

2.1 Die Fra­ge der Jünger

Als er aber auf dem Ölberg saß, tra­ten sei­ne Jün­ger für sich allein zu ihm und spra­chen: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zei­chen dei­ner Ankunft und der Voll­endung des Zeit­al­ters? (Mat­thä­us 24,3)

Woll­ten die Jün­ger tat­säch­lich wis­sen, wann ihr Herr wie­der­kommt? Wür­de das nicht vor­aus­set­zen, dass sie zu die­sem Zeit­punkt[2] schon ver­stan­den und ange­nom­men hat­ten, dass Jesus abge­lehnt, miss­han­delt und hin­ge­rich­tet wird und dann auf­er­steht, zum Vater geht und erst dann wie­der­kommt? Zwar kann das grie­chi­sche Wort „parou­sia“, das hier mit „Ankunft“ wie­der­ge­ge­ben wird, auch „Wie­der­kunft“ bedeu­ten, aber die Evan­ge­li­en zei­gen deut­lich, dass die Jün­ger nicht ein­mal die direk­ten Lei­den­s­an­kün­di­gun­gen ver­stan­den haben (Lukas 18,31–34). Daher konn­ten sie hier nicht an eine mög­li­che Wie­der­kunft den­ken, als sie Jesus nach dem Zei­chen sei­nes Kom­mens frag­ten. In ihrer Fra­ge ver­ban­den die Jün­ger das Kom­men Jesu mit dem sicht­ba­ren Beginn sei­ner Herr­schaft – als Mes­si­as und unbe­strit­te­ner König Isra­els. Eben­so bezieht sich die Fra­ge nach der „Fül­le der Zeit“ nicht auf das Ende der Welt, son­dern auf die Herr­schaft des ver­hei­ße­nen Königs, den Beginn des neu­en, mes­sia­ni­schen Zeitalters.

In sei­ner Ant­wort sprach Jesus zunächst von den Zei­chen, die der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems vor­aus­ge­hen. Anhand die­ser Zei­chen soll­ten die judäi­schen Chris­ten erken­nen, wann sein Tag kom­men wür­de, das heißt, wann sie die Stadt ver­las­sen müss­ten. Die Zer­stö­rung Jeru­sa­lems war ein Gericht über das Juden­tum, das den Mes­si­as ermor­det hat­te. In die­sem Gericht erscheint Jesus als der kom­men­de Rich­ter, der das unge­hor­sa­me Volk rich­tet. Aus­ge­hend von die­sem Ereig­nis spricht Jesus dann auch von sei­ner Wie­der­kunft, bei der er eben­falls als Rich­ter kom­men wird. Dafür wird es jedoch kei­ner­lei Vor­zei­chen geben. Im Anhang 1 Mat­thä­us 24 wer­den wir dar­auf etwas genau­er eingehen.

2.2 Der Tag des Herrn

Es mag im ers­ten Moment unver­ständ­lich sein, war­um Jesus die Zer­stö­rung der Stadt als sein Kom­men oder sei­nen Tag bezeich­net. Zum Ver­ständ­nis des­sen ist es hilf­reich zu wis­sen, dass auch die alt­tes­ta­ment­li­chen Pro­phe­ten manch­mal mit den­sel­ben Aus­drü­cken das Gericht über das unge­hor­sa­me Volk verkündeten:

Wehe über den Tag! Denn nahe ist der Tag des HERRN, und er kommt wie eine Ver­wüs­tung vom All­mäch­ti­gen. (Joel 1,15)

So spricht der HERR: Unheil über Unheil, sie­he es kommt! Ein Ende kommt; es kommt das Ende, es erwacht gegen dich, Bewoh­ner des Lan­des. Es kommt die Zeit, nahe ist der Tag: Bestür­zung und nicht Jauch­zen auf den Ber­gen! (Hese­kiel 7,5–7)

Das Ende, das Hese­kiel ver­kün­det, ist das der Stadt und des Tem­pels. Sei­ne Wor­te erfüll­ten sich schon nach weni­gen Jah­ren: Jeru­sa­lem und der ers­te Tem­pel wur­den im Jah­re 586 v. Chr. durch die Baby­lo­ni­er zerstört.

Aus­ge­hend von sei­ner Ankün­di­gung von der Zer­stö­rung des Tem­pels spricht auch Jesus gegen­über sei­nen Jün­gern vom Ende, und meint damit das Ende Jerusalems:

Wenn ihr aber von Krie­gen und Empö­run­gen hören wer­det, so erschreckt nicht; denn die­ses muss zuvor gesche­hen, aber das Ende ist nicht sogleich da. (Lukas 21,9)

Wenn ihr aber Jeru­sa­lem von Heer­scha­ren umzin­gelt seht, dann erkennt, dass sei­ne Ver­wüs­tung nahe gekom­men ist. Dann sol­len die Judäa auf die Ber­ge flie­hen und die in sei­ner Mit­te sind, dar­aus ent­wei­chen, und die auf dem Land sind, nicht dort hin­ein­kom­men. Denn dies sind die Tage der Rache, dass alles erfüllt wer­de, was geschrie­ben steht. (Lukas 21,20–22)

An ande­rer Stel­le nennt er das glei­che Ereig­nis den Tag des Men­schen­sohns, denn auch hier mahnt er zur Flucht, die beim Welt­ende kei­nen Sinn machen würde:

Eben­so wird es an dem Tag sein, da der Sohn des Men­schen offen­bart wird. An jenem Tag – wer auf dem Dach sein wird und sein Gerät im Haus hat, der stei­ge nicht hin­ab, um es zu holen; und wer auf dem Feld ist, wen­de sich eben­so wenig zurück. (Lukas 17,30 f.)

2.3 Die Zer­stö­rung Jeru­sa­lems und des Tem­pels als Gerichtszeichen

Durch ihre Auf­leh­nung gegen das Gesetz ver­lo­ren die Israe­li­ten oft Got­tes Schutz. Wann aber war der Wider­stand Isra­els gegen Gott grö­ßer als zu der Zeit, in der er sei­nen ein­zi­gen, gelieb­ten Sohn zu ihnen sand­te, den sie abge­wie­sen haben? Und wer konn­te des­halb das kom­men­de Gericht kla­rer vor­aus­se­hen als der Men­schen­sohn selbst?

Und als er sich näher­te und die Stadt sah, wein­te er über sie und sprach: Wenn auch du an die­sem Tag erkannt hät­test, was zum Frie­den dient! Jetzt aber ist es vor dei­nen Augen ver­bor­gen. Denn Tage wer­den über dich kom­men, da wer­den dei­ne Fein­de einen Wall um dich auf­schüt­ten und dich umzin­geln und dich von allen Sei­ten ein­engen; und sie wer­den dich und dei­ne Kin­der in dir zu Boden wer­fen und wer­den in dir nicht einen Stein auf dem ande­ren las­sen, dafür, dass du die Zeit dei­ner Heim­su­chung nicht erkannt hast. (Lukas 19,41–44)

Jesus wies auch bei ande­ren Gele­gen­hei­ten auf die­ses Ereig­nis hin. So sagt er zu sei­nen Jüngern:

Wenn sie euch aber ver­fol­gen in die­ser Stadt, so flieht in die ande­re! Denn wahr­lich, ich sage euch, ihr wer­det mit den Städ­ten Isra­els nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Men­schen gekom­men sein wird. (Mat­thä­us 10,23)

In den vor­her­ge­hen­den Ver­sen in Mat­thä­us 10,16–22 kün­digt Jesus ihnen schlim­me Ver­fol­gun­gen an, beson­ders durch ihre jüdi­schen Volks­ge­nos­sen. Er trös­tet sie damit, dass sie bis zu sei­nem Kom­men, näm­lich wenn Gott das Volk für die Ableh­nung des Mes­si­as rich­ten wird, immer eine Zuflucht fin­den wer­den. Hät­te er hier sei­ne Wie­der­kunft zu Leb­zei­ten sei­ner Jün­ger gemeint, dann hät­te er sich geirrt.[3] Es ist aber kein Irr­tum, son­dern Jesus hebt mit die­sem Wort die Bedeu­tung der Tem­pel­zer­stö­rung her­vor, die eini­ge der Jün­ger noch erle­ben wer­den. Das Gericht über Isra­el ist auch das Vor­zei­chen des End­ge­richts, das letzt­lich über alle Men­schen kom­men wird. Der geist­li­che Zusam­men­hang die­ser bei­den „Gerichts­ta­ge“ wird z. B. in fol­gen­der Aus­sa­ge deutlich:

27 Denn der Sohn des Men­schen wird kom­men in der Herr­lich­keit sei­nes Vaters mit sei­nen Engeln, und dann wird er einem jeden ver­gel­ten nach sei­nem Tun. 28 Wahr­lich, ich sage euch: Es sind eini­ge von denen, die hier ste­hen, die wer­den den Tod kei­nes­falls schme­cken, bis sie den Sohn des Men­schen haben kom­men sehen in sei­nem Reich. (Mat­thä­us 16,27 f.)

Ohne Zwei­fel spricht Jesus in Vers 27 vom Gericht bei sei­ner Wie­der­kunft. Es liegt daher nahe, dass es auch in Vers 28 um ein Gerichts­han­deln Jesu geht, das man­che der Jün­ger sogar noch erle­ben wer­den. Die­ses Gericht war die bereits erwähn­te Zer­stö­rung Jeru­sa­lems unge­fähr 40 Jah­re nach die­sem Wort Jesu. Zu die­ser Zeit waren man­che der Jün­ger schon gestor­ben, aber eini­ge waren noch am Leben.

3 Was bedeu­ten die Aus­drü­cke Erfül­lung der Zeit, Ende der Tage, letz­te Tage, letz­te Stunde?

3.1 Die Erfül­lung der Zeit

Jesus spricht schon am Anfang sei­nes Wir­kens von der Erfül­lung der Zeit und mahnt sei­ne Zuhö­rer zur Umkehr:

Und nach­dem Johan­nes über­lie­fert war, kam Jesus nach Gali­läa und pre­dig­te das Evan­ge­li­um Got­tes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Got­tes ist nahe gekom­men. Tut Buße und glaubt an das Evan­ge­li­um! (Mar­kus 1,14–15)

Die Zeit war erfüllt, nicht weil das Ende der Welt nahe war, son­dern weil in Jesus die Gna­de Got­tes unter ihnen erschie­nen ist. Für die Juden war es an der Zeit, die fal­schen Vor­stel­lun­gen über den Mes­si­as[4] und über ihre beson­de­re Stel­lung vor Gott[5] auf­zu­ge­ben. Sie soll­ten viel­mehr ler­nen, dem Herrn im Glau­ben, d. h. in tie­fem Ver­trau­en, zu dienen.

3.2 Die letz­ten Tage

Das Neue Tes­ta­ment zeigt uns, dass die letz­ten Tage mit dem Auf­tre­ten Jesu begon­nen haben.

Nach­dem Gott viel­fäl­tig und auf vie­ler­lei Wei­se ehe­mals zu den Vätern gere­det hat in den Pro­phe­ten, hat er am Ende die­ser Tage zu uns gere­det im Sohn, den er zum Erben aller Din­ge ein­ge­setzt hat, durch den er auch die Wel­ten gemacht hat. (Hebrä­er 1,1 f.)

Mit die­sen Wor­ten beginnt der Hebrä­er­brief[6]. Wir kön­nen dar­an sehen, dass nicht erst die Men­schen des 20. oder 21. Jahr­hun­derts, son­dern schon die ers­ten Chris­ten in der End­zeit leb­ten. Jesu Leben im voll­kom­me­nen Gehor­sam zeigt uns den Weg zum Vater, noch viel stär­ker als es die Pro­phe­ten vor­her taten. Dar­über hin­aus ist er als Sohn das Abbild des Wesens Got­tes. Er ist die stärks­te und somit letz­te Offen­ba­rung Got­tes in der Geschich­te. Das nächs­te heils­ge­schicht­li­che Ereig­nis wird sein zwei­tes Kom­men sein. Der Aus­druck „am Ende die­ser Tage“ muss im Zusam­men­hang der ver­schie­de­nen Epo­chen der Heils­ge­schich­te ver­stan­den wer­den. Er sagt nichts über die Dau­er die­ser Peri­ode aus.

Pau­lus schreibt an Timo­theus über die letz­ten Tage:

1 Dies aber wis­se, dass in den letz­ten Tagen schwe­re Zei­ten ein­tre­ten wer­den; 2 denn die Men­schen wer­den selbst­süch­tig sein, geld­lie­bend, prah­le­risch, hoch­mü­tig, Läs­te­rer, den Eltern unge­hor­sam, undank­bar, unhei­lig, 3 lieb­los, unver­söhn­lich, Ver­leum­der, unent­halt­sam, grau­sam, das Gute nicht lie­bend, 4 Ver­rä­ter, unbe­son­nen, auf­ge­bla­sen, mehr das Ver­gnü­gen lie­bend als Gott, 5 die eine Form der Gott­se­lig­keit haben, deren Kraft aber ver­leug­nen. Und von die­sen wen­de dich weg! (2. Timo­theus 3,1–5, ELB)

Lei­der waren durch alle Zeit­epo­chen hin­durch die meis­ten Men­schen selbst­süch­tig, geld­lie­bend, prah­le­risch, wie schon die Sint­flut­ge­schich­te lehrt. Pau­lus spricht hier nicht über eine Epo­che, die erst viel spä­ter begin­nen wür­de. Es hät­te kei­nen Sinn, an Timo­theus über die Ver­dor­ben­heit der Men­schen des 21. Jahr­hun­derts zu schrei­ben. Wie Vers 5 zeigt, leben ja bei­de schon in den letz­ten Tagen, denn Timo­theus soll sich von sol­chen Zeit­ge­nos­sen fern­hal­ten. In der Zeit nach Jesus wird es vie­le Men­schen geben, die sich Gott nahe füh­len und „ …die eine Form der Gott­se­lig­keit haben, aber deren Kraft ver­leug­nen“. Pau­lus sieht damit anhand der Ent­wick­lung in sei­ner eige­nen Zeit schon das Schein­chris­ten­tum vor­aus, des­sen Wur­zeln tat­säch­lich bis ins ers­te Jahr­hun­dert rei­chen. Das geht auch aus Kapi­tel 4,1–5 her­vor. Er warnt davor, dass sich vie­le Gläu­bi­ge oder am Glau­ben Inter­es­sier­te von der Wahr­heit abkeh­ren und sich Fabeln zuwen­den wer­den, und mahnt Timo­theus des­halb, unbe­irrt an der rich­ti­gen Leh­re fest­zu­hal­ten. Dass die­se Situa­ti­on nicht erst in spä­te­rer Zeit ein­trifft, son­dern in Ansät­zen schon in der Zeit des Pau­lus Rea­li­tät war, wird fer­ner aus 1. Timo­theus 4,1–11, 6,20 f. und Apos­tel­ge­schich­te 20,29 f. deutlich.

3.3 Die letz­te Stun­de und das Kom­men des Antichristen

Die Ver­dre­hung der christ­li­chen Leh­re ist auch der Hin­ter­grund, wenn der Apos­tel Johan­nes vom Kom­men des Anti­chris­ten spricht:

Kin­der, es ist die letz­te Stun­de, und wie ihr gehört habt, dass der Anti­christ kommt, so sind auch jetzt vie­le Anti­chris­ten auf­ge­tre­ten; daher wis­sen wir, dass es die letz­te Stun­de ist. (1. Johan­nes 2,18, ELB)

Johan­nes hat die Leser sei­nes Brie­fes nicht auf die bal­di­ge Wie­der­kunft Jesu ein­stim­men wol­len.[7] Dafür gibt es auch im Rest des Brie­fes kei­nen Anhalts­punkt. Das Auf­tre­ten der ers­ten Irr­leh­rer in den neu­tes­ta­ment­li­chen Gemein­den bestä­tigt die Wahr­heit des Wor­tes Jesu:

Er sprach aber zu sei­nen Jün­gern: Es ist unmög­lich, dass nicht Ver­füh­run­gen kom­men. Wehe aber dem, durch den sie kom­men! Es wäre ihm nütz­li­cher, wenn ein Mühl­stein um sei­nen Hals gelegt und er ins Meer gewor­fen wür­de, als dass er einem die­ser Klei­nen Anlass zur Sün­de gäbe! (Lukas 17,1 f.)

Ver­füh­run­gen wer­den also kom­men. Die frü­hen Gemein­den wur­den vor allem durch das Wir­ken der Juda­is­ten[8] und den Ein­fluss der Gno­sis[9] bedroht. Selbst­er­dach­te Leh­ren gab es schon vor Jesus. Die Klar­heit sei­ner Wor­te und sein abso­lu­ter Wahr­heits­an­spruch haben jedoch auch die Ver­füh­run­gen viel raf­fi­nier­ter wer­den las­sen. Der Apos­tel Johan­nes zeigt uns in sei­nem Brief, dass neben den Dif­fe­ren­zen im Lehr­in­halt vor allem die feh­len­de Bru­der­lie­be ein siche­res Zeug­nis für die Falsch­heit der Irr­leh­rer ist. Dies gilt auch heu­te, sodass es für einen offe­nen Men­schen trotz vie­ler Irr­leh­ren mög­lich ist, zu beur­tei­len, ob eine Gemein­schaft den Gebo­ten Jesu treu folgt oder nicht.

4 Was will Jesus uns leh­ren, wenn er von sei­ner Wie­der­kunft spricht?

Jesus hebt immer wie­der her­vor, wie wich­tig Auf­rich­tig­keit und Wach­sam­keit sind. In all den Wor­ten, die wir in den Evan­ge­li­en bezüg­lich der Wie­der­kunft fin­den, geht es nie um erkenn­ba­re Zei­chen, son­dern um ein Leben in Treue und Wahrhaftigkeit:

Es sei­en eure Len­den umgür­tet und die Lam­pen bren­nend; und ihr, seid Men­schen gleich, die auf ihren Herrn war­ten, wann er auf­bre­chen mag von der Hoch­zeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auf­ma­chen. Glück­se­lig jene Knech­te, die der Herr, wenn er kommt, wachend fin­den wird! Wahr­lich, ich sage euch: er wird sich umgür­ten und sie sich zu Tisch legen las­sen und wird hin­zu­tre­ten und sie bedie­nen. Und wenn er in der zwei­ten Wache kommt und in der drit­ten Wache kommt und fin­det sie so – glück­se­lig sind jene!  (Lukas 12,35–38)

Nur die auf­rich­ti­ge Lie­be zum Herrn bewahrt uns vor einem schein­hei­li­gen Leben. Das bekräf­tigt Jesus mit den anschlie­ßen­den Gleich­nis­sen vom Dieb in der Nacht[10] und dem treu­en und untreu­en Knecht:

Glück­se­lig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei sol­chem Tun fin­den wird! In Wahr­heit sage ich euch, dass er ihn über sei­ne gan­ze Habe set­zen wird.  Wenn aber jener Knecht in sei­nem Her­zen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit mit dem Kom­men und anfängt, die Knech­te und Mäg­de zu schla­gen und zu essen und zu trin­ken und sich zu berau­schen, so wird der Herr jenes Knech­tes kom­men an einem Tag, an dem er es nicht erwar­tet, und in einer Stun­de, die er nicht weiß und wird ihn ent­zwei­schnei­den und ihm sei­nen Teil set­zen mit den Ungläu­bi­gen. (Lukas 12,43–46)

Aus­drück­lich lehrt Jesus, dass es immer dar­auf ankommt, ihm gehor­sam und mit unge­teil­tem Her­zen zu die­nen. Wir dür­fen uns nicht von ande­ren Din­gen bin­den las­sen, ins­be­son­de­re nicht von unse­ren eige­nen Wünschen.

Dar­über hin­aus müs­sen wir uns vor Augen hal­ten, dass die aller­meis­ten Men­schen den Tag der Wie­der­kunft erle­ben, wenn sie ster­ben. Der untreue Knecht steht nicht für die letz­te Gene­ra­ti­on der Men­schen. Nach Selbst­ver­leug­nung und Gehor­sam zu stre­ben ist immer nötig, denn Wider­stand gegen die Gebo­te Got­tes führt schon bald zur Ver­här­tung des Her­zens. Wir sol­len nicht „nach­sich­tig“ mit uns selbst sein und mei­nen, wir könn­ten ja spä­ter immer noch umkeh­ren. Das haben wir nicht in der Hand. Des­halb warnt Jesus sei­ne Gemein­den und spricht von sei­nem Kom­men, ohne zu mei­nen, dass sei­ne Wie­der­kunft auf Erden nahe bevorstünde:

Wach auf und stär­ke das Übri­ge, das im Begriff stand zu ster­ben! Denn ich habe vor mei­nem Gott dei­ne Wer­ke nicht als völ­lig befun­den. Den­ke nun dar­an, wie du emp­fan­gen und gehört hast, und bewah­re es und tue Buße! Wenn du nun nicht wachst, wer­de ich kom­men wie ein Dieb, und du wirst nicht wis­sen, zu wel­cher Stun­de ich über dich kom­men wer­de. (Offen­ba­rung 3,2 f.)

Das Bild vom Dieb benutzt Jesus hier, um die selbst­si­che­ren Gläu­bi­gen der Gemein­de von Sar­des zu war­nen, damit sie ihre Erret­tung nicht ver­lie­ren. Es ist unmög­lich, trotz War­nun­gen im Unge­hor­sam zu ver­har­ren und doch am Fest mit Jesus teilzuhaben.

4.1 Ein paar Wor­te zum Buch der Offenbarung

Eine der zen­tra­len Bot­schaf­ten des Buches der Offen­ba­rung ist die Auf­for­de­rung zu bedin­gungs­lo­ser Treue und Gehor­sam, selbst in Zei­ten schwe­rer Ver­fol­gung. Lei­der ist die­ses Buch seit vie­len Jahr­hun­der­ten Aus­gangs­punkt von Spe­ku­la­tio­nen über die Zeit der Wie­der­kunft. Es ist kein Zufall, dass vie­le frü­he­re und jet­zi­ge Aus­le­ger einen genau­en Ablauf der Geschich­te in die zahl­rei­chen Bil­der hin­ein­deu­ten. Die Zukunft oder die Wie­der­kunft vor­aus­sa­gen zu kön­nen, ist für man­che sehr verlockend.

Chris­tus hat uns aber die Offen­ba­rung nicht als Quel­le für Spe­ku­la­tio­nen gege­ben, son­dern damit wir uns nicht von der Welt ver­füh­ren las­sen. Dies zeigt sich auch dar­an, dass Jesus die Gemein­de in Phil­adel­phia für ihren Gehor­sam lobt und ihnen ver­spricht, sie in der Stun­de der Ver­su­chung zu bewahren.

Weil du das Wort vom Har­ren auf mich bewahrt hast, wer­de auch ich dich bewah­ren vor der Stun­de der Ver­su­chung, die über den gan­zen Erd­kreis kom­men wird, um die zu ver­su­chen, die auf der Erde woh­nen. Ich kom­me bald. Hal­te fest, was du hast, damit nie­mand dei­nen Sie­ges­kranz neh­me! Wer über­win­det, den wer­de ich im Tem­pel mei­nes Got­tes zu einer Säu­le machen, und er wird nie mehr hin­aus­ge­hen; und ich wer­de auf ihn schrei­ben den Namen mei­nes Got­tes und den Namen der Stadt mei­nes Got­tes, des neu­en Jeru­sa­lem, das aus dem Him­mel her­ab­kommt von mei­nem Gott, und mei­nen neu­en Namen. Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemein­den sagt! (Offen­ba­rung 3,10–13)

4.2 „Ich kom­me bald“

Der Aus­spruch „Ich kom­me bald“ ist hier wie auch über­haupt in der Offen­ba­rung als Ermu­ti­gung für die Gläu­bi­gen zu ver­ste­hen, am Gehor­sam unter allen Umstän­den fest­zu­hal­ten. Denn die Erlö­sung ist allen Gläu­bi­gen jeder­zeit nahe.

Bei der Aus­le­gung die­ser Aus­sa­ge ist es wich­tig zu berück­sich­ti­gen, dass das Buch der Offen­ba­rung in der zwei­ten Hälf­te des ers­ten Jahr­hun­derts, also vor fast 2000 Jah­ren, ent­stan­den ist. Daher kann „bald“ auch in unse­rer Zeit nicht so ver­stan­den wer­den, als stün­de die Wie­der­kunft Jesu ein­deu­tig unmit­tel­bar bevor.

Oben, in Kapi­tel 3.2, haben wir erwähnt, dass das Juden­tum die Geschich­te in heils­ge­schicht­li­che Epo­chen unter­teilt hat. Dem­nach gab es bei­spiels­wei­se das Zeit­al­ter der Patri­ar­chen, der Rich­ter, dann die Zeit des König­reichs und so wei­ter, bis hin zum Kom­men der letz­ten Tage, das mit dem Wir­ken Jesu begann und seit­dem andauert.

Im Zusam­men­hang mit der Heils­ge­schich­te ist das nächs­te und zugleich letz­te Ereig­nis die Wie­der­kunft Jesu zusam­men mit der Auf­er­ste­hung und dem Jüngs­ten Gericht. Da die­ses nächs­te Ereig­nis „bald“ ein­tre­ten wird, ist es unab­hän­gig davon, ob bis dahin Jahr­zehn­te oder Jahr­hun­der­te ver­ge­hen. Des­halb konn­te der Apos­tel Pau­lus auch an die Chris­ten in Rom schrei­ben: „Die Nacht ist vor­ge­rückt, der Tag ist nahe“ (Römer­brief 13,12).

Für die­je­ni­gen, die Jesus lie­ben und wirk­lich auf sein Kom­men war­ten, ist auch eine lan­ge Zeit kurz, so wie Jakob sei­ne lang­jäh­ri­gen, schwe­ren Jah­re des Diens­tes für Rahel nur als weni­ge Tage empfand:

So dien­te Jakob für Rahel sie­ben Jah­re; und sie waren in sei­nen Augen wie eini­ge ‹weni­ge› Tage, weil er sie lieb­te. (1. Mose 29,20)

Eben­so ist für Jesus auf­grund sei­ner Lie­be zu uns der Tag unse­rer Begeg­nung mit ihm nahe:

Im Hau­se mei­nes Vaters sind vie­le Woh­nun­gen. Wenn es nicht so wäre, wür­de ich euch gesagt haben: Ich gehe hin, euch eine Stät­te zu berei­ten? Und wenn ich hin­ge­he und euch eine Stät­te berei­te, so kom­me ich wie­der und wer­de euch zu mir neh­men, damit auch ihr seid, wo ich bin. (Johan­nes 14,2–3)

5 Schluss­wort

Es gibt noch vie­le ande­re Bibel­stel­len, in denen Jesus und die Apos­tel uns auf­ru­fen, die Leh­re rein zu bewah­ren und danach zu leben. Wir hof­fen, dass wir dir trotz unse­rer kur­zen und das The­ma nur teil­wei­se erschöp­fen­den Gedan­ken hel­fen konn­ten, die Bibel­stel­len über die End­zeit tie­fer zu ver­ste­hen. Wir sind dank­bar für jede dies­be­züg­li­che Nach­richt und freu­en uns, inter­es­sier­te Men­schen ken­nen­zu­ler­nen, die ger­ne ihre Gedan­ken mit uns über die­ses oder ande­re Fra­gen des Glau­bens aus­tau­schen möchten.

Anhang 1: Mat­thä­us 24

Im fol­gen­den Abschnitt wol­len wir grob den Gedan­ken­gang die­ses Kapi­tels nach­zeich­nen, um die bereits im Haupt­text auf­ge­führ­ten Argu­men­te zu ver­tie­fen. Die von Jesus erwähn­ten Zei­chen konn­ten nur sol­che für die Zer­stö­rung Jeru­sa­lems sein. Sein Kom­men als Rich­ter aller Men­schen ist sicher, aber wann er kommt, ist nicht voraussehbar.

Die Jün­ger bestaun­ten die präch­ti­gen Gebäu­de des Jeru­sa­le­mer Tem­pels, die die Grö­ße und Unbe­sieg­bar­keit Got­tes gut zu sym­bo­li­sie­ren schie­nen. Es muss sie des­halb sehr bewegt haben, dass Jesus, statt in das Stau­nen ein­zu­stim­men, die Zer­stö­rung die­ses Hau­ses vor­aus­sagt. Sie woll­ten nicht nur wis­sen, wann dies geschieht, son­dern ein sol­ches Ereig­nis konn­ten sie sich nur im Zusam­men­hang mit der Voll­endung des Zeit­al­ters, mit dem Beginn der mes­sia­ni­schen Zeit vorstellen.

Die Fra­ge, wann es geschieht und wel­che Zei­chen es dafür gibt, beant­wor­tet Jesus in den Ver­sen 4–28 und 32–34. Die Ver­füh­rer im Vers 5, die unter sei­nem Namen[11] kom­men, sind die auch in Vers 24 erwähn­ten fal­schen Chris­tus­se. Tat­säch­lich bean­spruch­ten eini­ge jüdi­sche Rebel­len­füh­rer den Titel Mes­si­as für sich.[12]

In den fol­gen­den Ver­sen 6–13 macht Jesus die Ver­schlech­te­rung der all­ge­mei­nen Umstän­de deut­lich und sagt auch Ver­fol­gung und Ver­füh­rung vor­aus. Man muss an der zeit­ge­schicht­li­chen Bedeu­tung die­ser pro­phe­ti­schen Wor­te Jesu fest­hal­ten. Jesus hebt ja spä­ter klar her­vor, dass es für sei­ne Wie­der­kunft über­haupt kein Zei­chen gibt. Vie­le Aus­le­ger bezie­hen die in Mat­thä­us 24,3–28[13] erwähn­ten Zei­chen auf Krie­ge und Erd­be­ben kurz vor Jesu Wie­der­kunft. Die End­zeit sehen sie durch der­ar­ti­ge Ereig­nis­se in ihrer eige­nen Zeit als ein­ge­läu­tet an. Infol­ge des­sen wür­de Jesus also bald kom­men. Die Falsch­heit frü­he­rer der­ar­ti­ger Vor­aus­sa­gen ist einer­seits durch den Fort­gang der Geschich­te offen­bar gewor­den. Aber ande­rer­seits muss man sich ganz grund­sätz­lich fra­gen: Gab es auf die­ser Welt jemals eine Zeit ohne Krie­ge und Erd­be­ben? Wohl kann ein begrenz­tes Ter­ri­to­ri­um auf vie­le Jahr­zehn­te hin von Natur­ka­ta­stro­phen ver­schont blei­ben und auch län­ge­re Frie­dens­zei­ten erle­ben. Für die Men­schen einer sol­chen Gegend wird eine Kriegs­ge­fahr ers­tes Anzei­chen einer deut­li­chen Ver­schlech­te­rung der Situa­ti­on sein. Aber glo­bal betrach­tet gab es lei­der nie län­ge­re Peri­oden des Frie­dens, wes­halb Kriegs­ge­rüch­te (Vers 6) als Zei­chen für das End­ge­richt völ­lig unge­eig­net wären. Dazu kommt, dass durch den tech­ni­schen Fort­schritt die Waf­fen viel effek­ti­ver wur­den, sodass die Zahl der Toten in krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen seit dem 19. Jahr­hun­dert immens anstieg. Zudem ist die Welt­be­völ­ke­rung im Ver­gleich zur Zeit Jesu auf ein Viel­fa­ches ange­wach­sen, wes­halb bei Krie­gen und Natur­ka­ta­stro­phen meist viel mehr Opfer zu bekla­gen sind als in frü­he­ren Zei­ten. Und vor allem sind wir durch die Ent­wick­lung der Mas­sen­me­di­en täg­lich einer Flut von schlech­ten Nach­rich­ten aus­ge­setzt, so dass es schei­nen mag, die Häu­fig­keit sol­cher Ereig­nis­se habe rapi­de zuge­nom­men. Aber Jesus woll­te weder sei­ne Jün­ger noch uns dazu ermun­tern, Sta­tis­ti­ken über die Anzahl der gegen­wär­ti­gen Krie­ge und Natur­ka­ta­stro­phen zu erhe­ben, anhand derer wir dann den Zeit­punkt der Wie­der­kunft ablei­ten könn­ten. Sei­ne Wor­te sind an sei­ne Jün­ger gerich­tet, die aus den Zei­chen in ihrer Zeit die rich­ti­ge Schluss­fol­ge­rung zie­hen sollten.

Auch der Vers 14 ist im zeit­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hang der Gene­ra­ti­on der ers­ten Chris­ten ver­ständ­lich. Im ers­ten Jahr­hun­dert leb­ten vie­le Juden nicht in Judäa und Gali­läa, son­dern ver­streut auf dem gan­zen Erd­kreis[14], d. h. im Römi­schen Reich und dar­über hin­aus. Trotz­dem waren wohl die meis­ten von ihnen stark mit dem Land ihrer Väter ver­bun­den, nicht zuletzt wegen der wich­ti­gen Fes­te in Jeru­sa­lem, zu denen sie oft pil­ger­ten.[15] Zwar waren die­se Dia­spo­ra­ju­den von der grie­chi­schen Kul­tur geprägt und fühl­ten sich daher viel­leicht etwas weni­ger dem Gesetz ver­pflich­tet als die­je­ni­gen in Paläs­ti­na, doch waren auch sie von der Hoff­nung auf den Mes­si­as erfüllt. Es ist zu ver­mu­ten, dass vie­le von ihnen zur Zeit des Jüdi­schen Krie­ges (66 – 70) mit ihren gegen die Römer kämp­fen­den Brü­dern sym­pa­thi­sier­ten. Die­ses von Jesus vor­aus­ge­sag­te schreck­li­che Ende des Tem­pels, der Stadt und all der Kämp­fer für das falsch ver­stan­de­ne Got­tes­reich wäre für all jene Men­schen Anlass zu völ­li­ger Ver­zweif­lung gewe­sen, wenn sie nicht schon die Bot­schaft des Evan­ge­li­ums von Jesus durch die Mis­si­ons­tä­tig­keit der Apos­tel erfah­ren hät­ten. Und auch für alle ande­ren Bewoh­ner des Erd­krei­ses war es gut, die Mög­lich­keit zu haben, die tie­fe­re Bedeu­tung die­ser Nie­der­la­ge ver­ste­hen zu können.

Die Ver­se 15–28 han­deln nun direkt von der kom­men­den Drang­sal. Es ist auch dies kei­ne exak­te Beschrei­bung von Ereig­nis­sen, son­dern Jesus hebt durch die Erin­ne­rung an eine frü­he­re Zeit der Bedräng­nis her­vor, dass die Hei­li­gen unbe­dingt flie­hen müs­sen: Zwei Jahr­hun­der­te vor­her, zur Zeit des Seleu­ki­den­kö­nigs Antio­chus Epi­pha­nes, der neben vie­len ande­ren Bos­hei­ten auch den Tem­pel ent­wei­hen ließ, muss­ten die geset­zes­treu­en Juden in die Ber­ge flie­hen.[16] Das Gräu­el­bild der Ver­wüs­tung muss jedem Juden immer noch Sym­bol für eine Zeit schwers­ter Trüb­sal gewe­sen sein. Die Chris­ten Judä­as sol­len dafür beten, dass die Flucht nicht im Win­ter oder an einem Sab­bat gesche­he. Außer­dem soll sich nie­mand durch wun­der­bar schei­nen­de Erfol­ge der Auf­rüh­rer im Kampf gegen die Römer ver­füh­ren las­sen. Alle Hoff­nun­gen auf einen Sieg der Rebel­len sind unrea­lis­tisch. Die Adler (Sym­bol der römi­schen Legio­nen) kom­men und wer­den das Aas, näm­lich die in der Stadt ein­ge­schlos­se­nen tod­ge­weih­ten Kämp­fer, ver­zeh­ren. Dies ist das unmiss­ver­ständ­li­che Urteil und Gericht Got­tes über sein Volk, das sei­nen Sohn und des­sen Frie­dens­bot­schaft ablehn­te.[17]

Ver­se 29–31: Die­se Wor­te Jesu, der die immense Bedeu­tung der Tem­pel­zer­stö­rung mit sym­bol­haf­ter Spra­che unter­mau­ert, sol­len nicht durch wört­li­che Aus­le­gung die­ser in Vers 29 erwähn­ten Sym­bo­le als kos­mi­sche und irdi­sche Kata­stro­phe aus­ge­legt wer­den. Auch in den Pro­phe­ten fin­den wir Ähn­li­ches, wenn star­ke poli­ti­sche oder geist­li­che Ver­än­de­run­gen vor­aus­ge­sagt wer­den. Die­se Ver­se könn­te man so ver­ste­hen, dass Jesus einen Bogen von der Drang­sal des Jüdi­schen Krie­ges bis zu sei­ner sicht­ba­ren Wie­der­kunft spannt.[18] Das alte Volk Got­tes ver­liert sei­ne Posi­ti­on (29), wäh­rend die Gemein­de des Herrn das Zei­chen für den Erlö­ser ist, wodurch noch Israe­li­ten weh­kla­gen, d. h. zur Reue fin­den wer­den (30). Schließ­lich wer­den alle Chris­ten beim Herrn ver­sam­melt (31).

In den Ver­sen 34–36 betont Jesus, dass sich sei­ne Pro­phe­tie mit Sicher­heit erfüllt, denn sei­ne Wor­te sind Got­tes Wor­te. Für das Ein­tref­fen des Gerichts über die Juden gibt er im Vers 34 einen kla­ren Zeit­rah­men an: Noch in der Gene­ra­ti­on sei­ner Zuhö­rer wird das gesche­hen. Im Gegen­satz dazu ist es unmög­lich zu wis­sen, wann jener Tag, näm­lich das im Vers 31 schon ange­deu­te­te End­ge­richt, kom­men wird, so dass sich Jesus sogar selbst – als Mensch – in die­ses Nicht­wis­sen einschließt.

So haben alle auf Vers 36 fol­gen­den Aus­sa­gen die­se Gemein­sam­keit: Für die­sen Tag gibt es über­haupt kein Zei­chen. Chris­ten brau­chen sich schon des­halb nicht mit den „Zei­chen“ für sei­ne Wie­der­kunft zu beschäf­ti­gen, da sie durch die Wor­te Jesu wis­sen, dass sol­che nicht exis­tie­ren. Das Bei­spiel Noahs steht dafür, dass das Leben der Leu­te in den gewohn­ten Bah­nen lief, das Gericht sie also völ­lig unvor­be­rei­tet traf.[19] Das Gleich­nis vom Dieb in der Nacht wird auch von Petrus (2. Petrus 3,10) und Pau­lus (1. Thes­sa­lo­ni­cher 5,2) ver­wen­det, um die Gläu­bi­gen zum beson­ne­nen und eif­ri­gen Wan­del in den Gebo­ten des Herrn zu ermu­ti­gen und jeden Spe­ku­la­tio­nen von vorn­her­ein den Boden zu ent­zie­hen. Nur bestän­di­ge, selbst­lo­se Lie­be und demü­ti­ges Die­nen gemäß dem Wort Jesu wird die­sen Tag für uns zu einem Freu­den­tag machen, wann er auch kom­men mag. Wer nicht aus­harrt, Jesus zu fol­gen und immer dar­auf bedacht zu sein, dem Herrn zu gefal­len und Gutes zu tun, kann in Ewig­keit nicht am Fest teil­neh­men. Dabei ist es uner­heb­lich, ob man ihn nicht so bald erwar­te­te (sie­he dazu das Gleich­nis vom untreu­en Knecht in Mat­thä­us 24,45–51), oder viel frü­her mit ihm rech­ne­te (Gleich­nis von den zehn Jung­frau­en in Mat­thä­us 25,1–13), oder sich in sei­ner Lax­heit gar metho­disch einen Platz sichern woll­te (Gleich­nis von den anver­trau­ten Talen­ten in Mat­thä­us 25,14–30).

Anhang 2: Gibt es eine Ent­rü­ckung der Gläu­bi­gen vor dem Endgericht?

Jesus und das Neue Tes­ta­ment spre­chen nur über eine ein­zi­ge Wie­der­kunft Jesu am Letz­ten Tag. An die­sem Tag wer­den die Gott­lo­sen gerich­tet und die Gläu­bi­gen auf­er­weckt, wie Jesus es sei­nen Jün­gern zum Bei­spiel nach dem Gleich­nis vom Unkraut des Ackers erklärt:

Dann ent­ließ er die Volks­men­gen und kam in das Haus; und sei­ne Jün­ger tra­ten zu ihm und spra­chen: Deu­te uns das Gleich­nis vom Unkraut des Ackers! Er aber ant­wor­te­te und sprach: Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Men­schen, der Acker aber ist die Welt; der gute Same aber sind die Söh­ne des Rei­ches, das Unkraut aber sind die Söh­ne des Bösen; der Feind aber, der es gesät hat, ist der Teu­fel; die Ern­te aber ist die Voll­endung des Zeit­al­ters, die Schnit­ter aber sind Engel. Wie nun das Unkraut zusam­men­ge­le­sen und im Feu­er ver­brannt wird, so wird es in der Voll­endung des Zeit­al­ters sein. Der Sohn des Men­schen wird sei­ne Engel aus­sen­den, und sie wer­den aus sei­nem Reich alle Ärger­nis­se zusam­men­le­sen und die, die Gesetz­lo­ses tun, und sie wer­den sie in den Feu­er­ofen wer­fen; da wird das Wei­nen und das Zäh­ne­knir­schen sein. Dann wer­den die Gerech­ten leuch­ten wie die Son­ne in dem Reich ihres Vaters. Wer Ohren hat, der höre! (Mat­thä­us 13,36–43)

Von der Auf­er­we­ckung der Gläu­bi­gen spricht er auch in der fol­gen­den Stelle:

Dies aber ist der Wil­le des­sen, der mich gesandt hat, dass ich von allem, was er mir gege­ben hat, nichts ver­lie­re, son­dern es auf­er­we­cke am letz­ten Tag. Denn dies ist der Wil­le mei­nes Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewi­ges Leben habe; und ich wer­de ihn auf­er­we­cken am letz­ten Tag. (Johan­nes 6,39–40)

Nach Ansicht vie­ler Frei­kir­chen wer­den jedoch noch vor dem Beginn eines angeb­lich bevor­ste­hen­den Tau­send­jäh­ri­gen irdi­schen Frie­dens­reichs, also auch vor dem Jüngs­ten Tag, die zu die­sem Zeit­punkt leben­den Chris­ten samt allen schon ver­stor­be­nen in den Him­mel ent­rückt. Von einer Tau­send­jäh­ri­gen Herr­schaft Chris­ti ist aller­dings nur in Offen­ba­rung 20 die Rede. Da die Bot­schaft die­ses Buches im Unter­schied zu allen ande­ren neu­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten fast gänz­lich durch Bil­der und Sym­bo­le gewis­ser­ma­ßen ver­schlüs­selt ist und auch Zah­len meist nicht wört­lich zu ver­ste­hen sind, ist es gefähr­lich, kon­kre­te Leh­ren über zukünf­ti­ge Ereig­nis­se allein aus die­sem Kapi­tel abzu­lei­ten. Des­halb bemü­hen sich die Ver­tre­ter die­ser Leh­re, Hin­wei­se in ande­ren Schrif­ten aus­fin­dig zu machen. Man­che sehen einen sol­chen in Mat­thä­us 24,40 f.:

Dann wer­den zwei auf dem Feld sein, einer wird genom­men und einer gelas­sen; zwei Frau­en wer­den an dem Mühl­stein mah­len, eine wird genom­men und eine gelas­sen. (Mat­thä­us 24,40–41)

Jesus mahnt im Zusam­men­hang die­ses Ver­ses zu Treue und Wach­sam­keit wegen des unvor­her­seh­bar und plötz­lich kom­men­den Gerichts. Das zeigt auch der Ver­gleich mit der Sint­flut (Ver­se 38–39). Es kann sich des­halb nicht um die Beschrei­bung einer Ent­rü­ckung han­deln, die doch angeb­lich vor dem Gericht statt­fin­det. Das geben auch man­che Ver­tre­ter die­ser Leh­re zu.

Aus den Evan­ge­li­en wird noch Johan­nes 14,2 f. auf die Ent­rü­ckung bezogen:

Im Hau­se mei­nes Vaters sind vie­le Woh­nun­gen. Wenn es nicht so wäre, wür­de ich euch gesagt haben: Ich gehe hin, euch eine Stät­te zu berei­ten? Und wenn ich hin­ge­he und euch eine Stät­te berei­te, so kom­me ich wie­der und wer­de euch zu mir neh­men, damit auch ihr seid, wo ich bin. (Johan­nes 14,2–3)

Jesus spricht hier von sei­nem Wie­der­kom­men, um die Jün­ger zu sich zu neh­men, doch gibt es kei­nen Grund anzu­neh­men, dass dies nicht am Gerichts­tag, son­dern vor­her geschä­he. Viel­mehr kann man aus der Gesamt­heit der Wor­te Jesu bezüg­lich der Wie­der­kunft erken­nen, dass dann jedem nach sei­nem Tun ver­gol­ten wird (z. B. Mat­thä­us 7,21–23; 16,27; 24,45–25,46; 26,64 und Johan­nes 5,28 f.). Auch das ein­gangs erwähn­te Gleich­nis vom Unkraut des Ackers sowie das vom Fisch­netz (Mat­thä­us 13,24–43 bzw. 13,47–50) zei­gen, dass es einen Tag des Gerichts und der Ver­gel­tung gibt: Die treu­en Nach­fol­ger des Herrn und alle Gerech­ten gehen ein zum ewi­gen Leben, wäh­rend die, die Got­tes Wil­len nicht getan haben, dar­an in Ewig­keit nicht teil­ha­ben kön­nen. Wir müs­sen also fest­stel­len, dass es für eine plötz­li­che Hin­weg­nah­me der Chris­ten aus dem wei­ter­lau­fen­den All­tag kei­nen Anhalts­punkt in den Evan­ge­li­en gibt.

Als Haupt­ar­gu­ment wird daher eine Stel­le im 1. Thes­sa­lo­ni­cher­brief angeführt:

Wir wol­len euch aber, Brü­der, nicht in Unkennt­nis las­sen über die Ent­schla­fe­nen, damit ihr nicht betrübt seid wie die Übri­gen, die kei­ne Hoff­nung haben. Denn wenn wir glau­ben, dass Jesus gestor­ben und auf­er­stan­den ist, wird auch Gott eben­so die Ent­schla­fe­nen durch Jesus mit ihm brin­gen. Denn dies sagen wir euch in einem Wort des Herrn, dass wir, die Leben­den, die übrig blei­ben bis zur Ankunft des Herrn, den Ent­schla­fe­nen kei­nes­wegs zuvor­kom­men wer­den. Denn der Herr selbst wird beim Befehls­ruf, bei der Stim­me eines Erz­engels und bei dem Schall der Posau­ne Got­tes her­ab­kom­men vom Him­mel, und die Toten in Chris­tus wer­den zuerst auf­er­ste­hen; danach wer­den wir, die Leben­den, die übrig blei­ben, zugleich mit ihnen ent­rückt wer­den in Wol­ken dem Herrn ent­ge­gen in die Luft; und so wer­den wir alle­zeit beim Herrn sein. So ermun­tert nun ein­an­der mit die­sen Wor­ten! (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4,13–18)

Ver­tre­ter der Ent­rü­ckungs­leh­re argu­men­tie­ren, dass nach die­sen Wor­ten die Chris­ten in Wol­ken zum Herrn ent­rückt wer­den, was bedeu­te, dass Chris­tus hier nicht auf die Erde käme. Die Gläu­bi­gen trä­fen den Herrn in den obe­ren Luft­schich­ten. Des­halb kön­ne hier nur von der Ent­rü­ckung und nicht vom Gericht am letz­ten Tag die Rede sein. Obwohl sie mei­nen, so dem Wort­laut des Tex­tes am bes­ten gerecht zu wer­den, hal­ten wir es für sehr frag­wür­dig, aus die­sem Detail einen sol­chen Schluss zu zie­hen. Wie wir noch sehen wer­den, spre­chen sowohl der Text selbst als auch das fol­gen­de Kapi­tel des Brie­fes gegen die­se Auslegung.

Was der genaue Hin­ter­grund für die Betrüb­nis eini­ger der noch sehr jun­gen Chris­ten in die­ser Stadt war, kön­nen wir nur ver­mu­ten. Wahr­schein­lich war die Vor­stel­lung der Auf­er­ste­hung des Lei­bes für von der grie­chi­schen Kul­tur gepräg­te Men­schen schwie­rig (Apg. 17,18.32). Wich­tig ist, dass Pau­lus sich in sei­ner Erklä­rung, dass sowohl die leben­den als auch die schon ent­schla­fe­nen Chris­ten gleich­zei­tig zum Herrn gehen, auf ein Wort des Herrn bezieht. Wie wir vor­her sahen, ist die Ent­rü­ckungs­leh­re aus kei­nem Wort Jesu ableit­bar, wes­halb sich deren Befür­wor­ter auf 1. Korin­ther 15,51 beru­fen, wo Pau­lus offen­sicht­lich vom glei­chen Ereig­nis spricht, die­ses aber als ein Geheim­nis bezeichnet:

Sie­he, ich sage euch ein Geheim­nis: Wir wer­den nicht alle ent­schla­fen, wir wer­den aber alle ver­wan­delt wer­den, in einem Nu, in einem Augen­blick, bei der letz­ten Posau­ne; denn posau­nen wird es, und die Toten wer­den auf­er­weckt wer­den, unver­gäng­lich sein, und wir wer­den ver­wan­delt wer­den. Denn die­ses Ver­gäng­li­che muss Unver­gäng­lich­keit anzie­hen und die­ses Sterb­li­che Unsterb­lich­keit anzie­hen. (1. Korin­ther 15,51–53)

Aus der Ver­wen­dung des Wor­tes „Geheim­nis“ meint man ablei­ten zu kön­nen, dass Jesus in sei­ner Wir­kungs­zeit nicht über die Ent­rü­ckung gespro­chen, sie nun aber durch das Wort des Apos­tels offen­bart habe. Pau­lus spricht hier jedoch gar nicht von einer Ent­rü­ckung im Ver­lauf der Geschich­te, son­dern von der Ver­wand­lung der Toten und der Leben­den – näm­lich bei der letz­ten Posau­ne, also vom Jüngs­ten Tag. Dass er dabei nur die Auf­er­ste­hung und Ver­wand­lung der Gläu­bi­gen im Auge hat und die Ungläu­bi­gen nicht erwähnt, ist kein Argu­ment dage­gen. Anfan­gend mit dem Bei­spiel Jesu lehrt Pau­lus hier Grund­sätz­li­ches über das Ziel des Lebens, die Auf­er­ste­hung, weil eini­ge der Korin­ther eine Mei­nung ver­tra­ten, die der christ­li­chen Leh­re zuwi­der lief. Dass nun vie­le Men­schen wegen ihrer Ent­schei­dun­gen gegen Gott dem ewi­gen Gericht ver­fal­len, ist trau­ri­ge Rea­li­tät. Die ewi­ge Exis­tenz die­ser Men­schen im geist­li­chen Tod woll­te Pau­lus aber nicht als Unsterb­lich­keit bezeichnen.

Pau­lus offen­bart also weder hier noch im Thes­sa­lo­ni­cher­brief das Geheim­nis der Ent­rü­ckung. Das Geheim­nis, eine vor­her nicht so klar aus­ge­spro­che­ne Rea­li­tät, liegt eher dar­in, dass man­che Chris­ten ver­wan­delt wer­den, ohne den Tod erfah­ren zu müs­sen. Wenn Pau­lus auf ein Wort Jesu Bezug näh­me, das nur ihm zuteil gewor­den wäre, hät­te er es zitiert. Jedoch lässt sich der Inhalt des Gesag­ten aus den bekann­ten Wor­ten Jesu ablei­ten, selbst wenn wir kein genau pas­sen­des Zitat ken­nen. Pau­lus möch­te die Unkennt­nis man­cher Chris­ten in Thes­sa­lo­nich ja mit einem kla­ren Hin­weis auf Jesu Leh­re been­den. Ein sol­ches Wort über die Auf­er­ste­hung fin­den wir im Johannesevangelium:

Denn wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn gege­ben, Leben zu haben in sich selbst; und er hat ihm Voll­macht gege­ben, Gericht zu hal­ten, weil er des Men­schen Sohn ist. Wun­dert euch dar­über nicht, denn es kommt die Stun­de, in der alle, die in den Grä­bern sind, sei­ne Stim­me hören und her­vor­kom­men wer­den; die das Gute getan haben zur Auf­er­ste­hung des Lebens, die aber das Böse ver­übt haben zur Auf­er­ste­hung des Gerichts. (Johan­nes 5,26–29)

In jener Stun­de wer­den alle Toten auf­er­ste­hen und vor dem Rich­ter­stuhl des Mes­si­as‘ ste­hen, und da Jesus Rich­ter aller Men­schen ist, schließt das auch die zu die­sem Zeit­punkt auf der Erde Leben­den mit ein. Wie oben erwähnt, las­sen auch die anschlie­ßen­den Gedan­ken des Pau­lus im Brief an die Thes­sa­lo­ni­cher kei­nen ande­ren Schluss zu:

Was aber die Zei­ten und Zeit­punk­te betrifft, Brü­der, so habt ihr nicht nötig, dass euch geschrie­ben wird. Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: Frie­de und Sicher­heit!, dann kommt ein plötz­li­ches Ver­der­ben über sie, wie die Geburts­we­hen über die Schwan­ge­re; und sie wer­den nicht ent­flie­hen. Ihr aber, Brü­der, seid nicht in Fins­ter­nis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergrei­fe; denn ihr alle seid Söh­ne des Lich­tes und Söh­ne des Tages; wir gehö­ren nicht der Nacht und nicht der Fins­ter­nis. (1. Thes­sa­lo­ni­cher 5,1–4)

Hier schreibt Pau­lus ein­deu­tig über den Jüngs­ten Tag und es gibt kei­nen Grund anzu­neh­men, dass er im Kapi­tel 4 ein ande­res Ereig­nis gemeint haben könn­te. Das zeigt sich u. a. dar­an, dass die Chris­ten von die­sem Tag nicht ergrif­fen wer­den, weil sie Söh­ne des Lichts und des Tages sind. Hät­te Pau­lus an eine Ent­rü­ckung der Chris­ten vor dem Gericht geglaubt, hät­ten die­se Wor­te kei­nen Sinn.

Da nun nir­gend­wo im Neu­en Tes­ta­ment außer in der Offen­ba­rung von einer „ers­ten Auf­er­ste­hung“ noch vor dem Gericht die Rede ist, stellt sich die Fra­ge, wovon Johan­nes dort spricht:

Und ich sah Thro­ne, und sie setz­ten sich dar­auf, und das Gericht wur­de ihnen über­ge­ben; und ich sah die See­len derer, die um des Zeug­nis­ses Jesu und um des Wor­tes Got­tes wil­len ent­haup­tet wor­den waren, und die, wel­che das Tier und sein Bild nicht ange­be­tet und das Mal­zei­chen nicht an ihre Stirn und an ihre Hand ange­nom­men hat­ten, und sie wur­den leben­dig und herrsch­ten mit dem Chris­tus tau­send Jah­re. Die Übri­gen der Toten wur­den nicht leben­dig, bis die tau­send Jah­re voll­endet waren. Dies ist die ers­te Auf­er­ste­hung. Glück­se­lig und hei­lig, wer teil­hat an der ers­ten Auf­er­ste­hung! Über die­se hat der zwei­te Tod kei­ne Macht, son­dern sie wer­den Pries­ter Got­tes und des Chris­tus sein und mit ihm herr­schen die tau­send Jah­re. (Offen­ba­rung 20, 4–6)

Wie ein­gangs erwähnt, ist die Aus­le­gung der Offen­ba­rung wegen der reich­li­chen Ver­wen­dung sym­bo­li­scher Aus­drü­cke schwie­rig. Trotz­dem ist es auch hier wich­tig, zuerst zu ver­ste­hen, wel­che Bot­schaft die­se Schrift für ihre ers­ten Adres­sa­ten, die Chris­ten in der zwei­ten Hälf­te des ers­ten Jahr­hun­derts, ent­hält. So erfah­ren wir, dass der Apos­tel Johan­nes den Inhalt wäh­rend sei­ner Gefan­gen­schaft auf der Insel Pat­mos emp­fing. Die Send­schrei­ben an sie­ben klein­asia­ti­sche Gemein­den in den Kapi­teln 2 und 3 gewäh­ren uns Ein­blick in ihre geist­li­che Situa­ti­on. Allein die­se offen­sicht­lich im his­to­ri­schen Rah­men die­ser Zeit ver­an­ker­ten Bot­schaf­ten sind seit vie­len Jahr­hun­der­ten Objekt von Spe­ku­la­tio­nen. Angeb­lich gehe es um die sie­ben Epo­chen der Kir­chen­ge­schich­te, wobei die jewei­li­gen Aus­le­ger den­ken, selbst in der vor­letz­ten oder letz­ten die­ser Epo­chen zu leben. Der Text stützt die­se Gedan­ken nicht. Auch ist die Fra­ge berech­tigt, ob die uns zugäng­li­che „Kirchen“geschichte tat­säch­lich die Geschich­te der Kir­che ist.[20]

Zudem: Wel­ches Ziel hät­te Gott mit einer sol­chen Geschichts­vor­schau ver­fol­gen kön­nen? Wel­chen Sinn hät­te es, wenn der Leser sich in irgend­ei­ner die­ser Epo­chen wie­der­fän­de? Soll­te er erken­nen, dass es noch lan­ge oder nicht mehr lan­ge dau­ert, bis Jesus wie­der­kommt? Nein, dar­um geht es Gott nicht. Die ent­hal­te­nen Ermah­nun­gen und Ermun­te­run­gen zur Lie­be, zum Durch­schau­en der Irr­leh­rer, zum Aus­har­ren in der Ver­fol­gung gel­ten den direk­ten Adres­sa­ten. Wie alle ande­ren Brie­fe des Neu­en Tes­ta­ments sind auch die Send­schrei­ben von gro­ßem Wert für alle Chris­ten, denn sie ermun­tern zur Selbst­prü­fung, zum Aus­har­ren, zum Fest­hal­ten an der Zuver­sicht und an der rich­ti­gen Lehre.

Wenn schon die­se Kapi­tel so miss­deu­tet wer­den, ist die­se Gefahr beim Rest des Buches umso grö­ßer. Wir den­ken, dass mit dem Inhalt des Buches in ers­ter Linie die im ers­ten Jahr­hun­dert ver­folg­ten Chris­ten ermun­tert und getrös­tet wer­den sol­len und des­halb auch Rück­bli­cke auf bereits Gesche­he­nes vor­han­den sind. Man­che Aus­le­ger aber schlie­ßen Bezü­ge auf Situa­tio­nen vor und wäh­rend der Abfas­sungs­zeit aus. Natür­lich den­ken auch wir, dass alle spä­ter leben­den Gläu­bi­gen dadurch eben­falls ermun­tert wer­den, die Ver­fol­gun­gen zu erdul­den. Damit soll­te aber nicht Raum für Spe­ku­la­tio­nen geschaf­fen werden.

Dies gilt auch für Offen­ba­rung 20. Die in der Ver­fol­gung stand­haft geblie­be­nen, zum Groß­teil getö­te­ten Chris­ten wer­den mit Chris­tus herr­schen. Wer die tau­send Jah­re buch­stäb­lich ver­steht, lässt die sym­bo­li­sche Ver­wen­dung von Zah­len beson­ders in der Offen­ba­rung außer Acht. Es gibt in kei­ner der bibli­schen Schrif­ten Zeit­an­ga­ben, die tau­send Jah­re über­schrei­ten. Nur über Gott heißt es, dass tau­send Jah­re wie ein Tag sind. Das darf uns nicht dazu füh­ren zu den­ken, dass dann zwei­tau­send Jah­re wie zwei Tage sind. Viel­mehr sym­bo­li­siert die­se Zahl eine unfass­ba­re Grö­ße, wie es Gott ent­spricht, der auch die Zeit geschaf­fen hat. Damit ist nicht nur sein Ste­hen über der Zeit gemeint, son­dern auch sei­ne gro­ße Macht. Somit steht der gro­ßen Macht Got­tes und denen, die zu ihm gehö­ren, das ohn­mäch­ti­ge Auf­bäu­men des Satans, für eine kur­ze Zeit, gegen­über. Es legt sich auch aus einem ande­ren Grund nahe, nicht zeit­lich auf­ein­an­der­fol­gen­de Ereig­nis­se, son­dern die Herr­schafts­ver­hält­nis­se in zeit­li­cher Form aus­ge­drückt zu sehen. Denn wenn Gott den Satan schon völ­lig aus­ge­schal­tet hät­te, ergä­be sich die Fra­ge, wie­so er ihn dann noch ein­mal los­las­sen soll­te, um dem Bösen wie­der freie Hand zum Ver­füh­ren zu las­sen. Damit wäre Gott nicht nur der, der das böse Trei­ben zulässt, son­dern der­je­ni­ge, der dem Bösen wie­der Raum zum Wir­ken verschafft.

Die Vor­stel­lung der Anhän­ger der Ent­rü­ckungs­leh­re, dass plötz­lich vie­le Men­schen völ­lig unauf­find­bar ver­schwin­den, lie­fert viel­leicht Stoff für Unter­hal­tungs­fil­me, mit der Leh­re der Bibel haben der­ar­ti­ge Gedan­ken aber nichts zu tun. Es ent­sprä­che auch nicht dem Wesen Got­tes, durch sol­che mas­si­ven über­na­tür­li­chen Ereig­nis­se Druck aus­zu­üben. Er will doch, dass wir uns ihm auf­grund der Wahr­heit in Jesus anver­trau­en, unser altes, sün­di­ges Leben bereu­en und aus Lie­be zu ihm Nach­fol­ger sei­nes Soh­nes werden.

Anhang 3: Das Buch Dani­el wird für will­kür­li­che Berech­nun­gen der End­zeit verwendet

Obwohl das Buch Dani­el pro­phe­ti­sche Tex­te ent­hält, unter­schei­det es sich in sei­ner gesam­ten Form stark von den pro­phe­ti­schen Büchern der Bibel. Hier ist nicht der Platz zu erklä­ren, war­um das so ist, jedoch ist der lite­ra­ri­sche Cha­rak­ter der dar­ge­stell­ten Geschich­ten unse­rer Mei­nung nach unüber­seh­bar. Außer­dem ist Dani­el im Kanon der hebräi­schen Bibel nicht unter den Pro­phe­ten zu fin­den, son­dern unter den Schrif­ten.[21] Grund dafür könn­te sei­ne spä­te Fer­tig­stel­lung gewe­sen sein.

Der apo­ka­lyp­ti­sche Cha­rak­ter des Buches Dani­el hängt – ähn­lich wie im Buch Offen­ba­rung – mit dem Ziel zusam­men, die Gläu­bi­gen in ver­schlüs­sel­ter Wei­se auf die Zeit der Ver­fol­gung vor­zu­be­rei­ten (hier durch Antio­chus Epi­pha­nes in 167–164 v. Chr.) und sie dar­in zu stär­ken, eine geist­li­che Per­spek­ti­ve auf die schreck­li­chen Ereig­nis­se zu gewinnen.

Für uns als Chris­ten ent­hält die­ses Buch sehr wich­ti­ge pro­phe­ti­sche Aus­sa­gen. Jesus nimmt in Johan­nes 5,28–29 in einer Aus­sa­ge über die Auf­er­ste­hung Bezug auf Dani­el 12,2, die klars­te Stel­le über die­se Rea­li­tät über­haupt. Sei­ne Selbst­be­zeich­nung „Men­schen­sohn“ ist der mes­sia­ni­schen Pro­phe­tie in Dani­el 7 ent­nom­men. Und sogar den Tod des Mes­si­as und die erneu­te Zer­stö­rung des Jeru­sa­le­mer Tem­pels fin­den wir in Dani­el 9,24–26 vorausgesagt.

Kein ande­res Buch des Alten Tes­ta­ments han­delt so inten­siv von Träu­men und Visio­nen sowie deren Deu­tun­gen. Dadurch ist es auch beson­ders inter­es­sant für Men­schen, die sich vor­neh­men, die Zukunft vor­her­zu­sa­gen. Reli­giö­se Grup­pie­run­gen wie die Zeu­gen Jeho­vas und die Adven­tis­ten ver­dan­ken ihre Exis­tenz in star­kem Maße bestimm­ten spe­ku­la­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen eini­ger Tex­te aus die­sem Buch. Des­halb wol­len wir sol­che Tex­te anschauen.

Bedeu­ten Sie­ben Zei­ten 2520 Jahre?

Im Kapi­tel 4 hat König Nebu­kad­ne­zar einen Traum, der ihn beun­ru­higt. Er sieht einen bis an den Him­mel rei­chen­den Baum, der umge­hau­en und des­sen Stumpf für sie­ben Zei­ten in Ket­ten gelegt wird. Nur Dani­el ist fähig, den Traum zu deu­ten. Er ist eine War­nung Got­tes an den König, mit sei­nen Sün­den zu bre­chen und in Gerech­tig­keit und Barm­her­zig­keit zu leben. Da jener sich aber nicht ändert, son­dern im Stolz ver­harrt, geschieht nach Jah­res­frist das von Dani­el vor­aus­ge­sag­te Übel. Nebu­kad­ne­zar wird von Thron und Gesell­schaft ent­fernt und vege­tiert gleich einem wil­den Tier dahin. Aber am Ende von sie­ben Jah­ren kehrt sein Ver­stand zurück, er blickt zum Him­mel, preist Gott und bekennt:

Nun rüh­me ich, Nebu­kad­ne­zar, und erhe­be und ver­herr­li­che den König des Him­mels, des­sen Wer­ke alle­samt Wahr­heit und des­sen Wege Recht sind und der die ernied­ri­gen kann, die in Stolz ein­her­ge­hen. (Dani­el 4,34)

Damit drückt er die wich­tigs­te Leh­re und die ent­schei­den­de Schluss­fol­ge­rung die­ser Geschich­te aus. Man müss­te dem nichts hinzufügen.

Da aber das Buch Dani­el an ande­ren Stel­len von der Zeit des Endes spricht, sah man es als gerecht­fer­tigt an, die­ser Geschich­te in Dani­el 4 eine ver­bor­ge­ne, tie­fe­re „Deu­tung“ abzugewinnen.

Sie­ben Zei­ten bedeu­ten im Text von Kapi­tel 4 wirk­lich sie­ben Jah­re, denn das vor­aus­ge­sag­te Ereig­nis soll­te noch wäh­rend Nebu­kad­ne­zars Leb­zei­ten in Erfül­lung gehen. Die­se kur­ze Zeit­span­ne eig­net sich daher nicht für Vor­aus­sa­gen, die in unse­re moder­ne Epo­che rei­chen soll­ten. Es kommt an eini­gen Stel­len des Alten Tes­ta­ments vor, dass ein Tag sym­bo­lisch für ein Jahr steht. Hier zwei Beispiele:

Der Pro­phet Hese­kiel soll 390 Tage auf der einen und 40 Tage auf der ande­ren Sei­te lie­gen, um so die Schuld Isra­els (des Nord­rei­ches) und Judas (des Süd­rei­ches) zu tra­gen. Die „Jah­re ihrer Schuld“ wer­den mit­hil­fe die­ser Anzahl von Tagen aus­ge­drückt (Hese­kiel 4,4–7).

Im Kapi­tel 9 des Daniel­bu­ches wird die 70-Jahr-Pro­phe­tie von Jere­mia durch einen Engel neu gedeu­tet. Er spricht von 70 „Sie­be­nern“. Im Sin­ne von 70 Wochen ergä­be das nur eine Peri­ode von weni­ger als 2 Jah­ren. Aus dem Text lässt sich aber schlie­ßen, dass der Zeit­rah­men erwei­tert wer­den soll. Des­halb muss man die „Sie­be­ner“ hier als Jahr­wo­chen ver­ste­hen, wodurch sich eine Zeit von 70 x 7 Jah­ren = 490 Jah­ren ergibt.

Wohl ermun­tert durch sol­che Bei­spie­le mein­ten die Bibel­for­scher[22], auch für Dani­el 4 die Regel „ein Tag für ein Jahr“ anwen­den zu dür­fen. 7 x 360 Tage erge­ben 2520 Tage, die nun wie­der­um 2520 Jah­ren ent­spre­chen sol­len. Um die­se aber für eine End­zeit­aus­sa­ge benut­zen zu kön­nen, war auch die inhalt­li­che Umdeu­tung des Kapi­tels not­wen­dig. Man ent­schied sich, die Ent­mach­tung Nebu­kad­ne­zars als das Ende Jeru­sa­lems und des davi­di­schen König­tums zu ver­ste­hen. Dies ist eine sehr selt­sa­me Inter­pre­ta­ti­on, vor allem wenn man bedenkt, dass es gera­de Nebu­kad­ne­zar war, der die Stadt zer­stör­te. Um es trotz­dem recht­fer­ti­gen zu kön­nen, fol­ger­te man noch aus einem Wort Jesu, dass die Zer­stö­rung Jeru­sa­lems durch die Baby­lo­ni­er den Beginn der Zei­ten der Hei­den dar­stel­le.[23]

Nach Mei­nung aller His­to­ri­ker zer­stör­ten die Baby­lo­ni­er Jeru­sa­lem im Jah­re 587/6 v. Chr. Die Zeu­gen Jeho­vas aber behaup­ten bis heu­te, dass dies 607 v. Chr. geschah. Die­ses Datum ent­springt aller­dings nicht der his­to­ri­schen For­schung, son­dern einem fun­da­men­ta­lis­ti­schen Bibel­ver­ständ­nis, das mit eigen­wil­li­gen Inter­pre­ta­tio­nen gepaart ist.

607 v. Chr. + 2520 ergibt 1914. Für die­ses Jahr wur­de im 19. Jahr­hun­dert von C. T. Rus­sell der Anbruch des Frie­dens­reichs Chris­ti auf Erden vor­aus­be­rech­net. Er hat­te die unsicht­ba­re Wie­der­kunft Jesu für das Jahr 1874 vor­her­ge­sagt. Der Nach­fol­ger Rus­sells, J. F. Ruther­ford, erklär­te dann 1914 zum Jahr der unsicht­ba­ren Wie­der­kunft. In sei­nem Buch von 1920 „Mil­li­ons now living will never die“, sag­te er für 1925 die Wie­der­auf­er­ste­hung der bibli­schen Erz­vä­ter vor­aus. Auf­grund der fal­schen Deu­tung von Mat­thä­us 24,35 wur­de behaup­tet, dass die Gene­ra­ti­on von 1914 nicht ver­ge­hen wer­de, bis das Ende des Sys­tems der Din­ge käme. In die­sem Sin­ne wur­de lan­ge Zeit mit gro­ßer Sicher­heit 1975 als das Jahr des Endes vorausgesagt.

Um Got­tes Wort und auch das Buch Dani­el rich­tig zu ver­ste­hen, ist es wich­tig, „nicht über das hin­aus ⟨zu den­ken⟩, was geschrie­ben ist“ (1. Korin­ther 4,6). Das geschieht hier aber, z. B. durch die will­kür­li­che Anwen­dung der Regel „ein Tag steht für ein Jahr“, durch eine zusam­men­hangs­lo­se Aus­wahl des Beginns der 2520 Jah­re sowie durch selbst fest­ge­leg­te Zeit­räu­me wie 360 Tage für ein Jahr oder dass eine bestehen­de Gene­ra­ti­on noch 65 Jah­re lebt. Wenn man Bibel­ver­se sucht, um eige­ne Vor­stel­lun­gen damit bele­gen zu kön­nen, will man den Text nicht auf­rich­tig ver­ste­hen und kommt nicht zu rich­ti­gen Erkennt­nis­sen über Gott und sein Han­deln. Es ver­wun­dert daher nicht, dass kei­ne der bis­he­ri­gen Vor­her­sa­gen die­ser Orga­ni­sa­ti­on ein­ge­trof­fen ist.

Sind 2300 Aben­de und Mor­gen gleich 2300 Jahre?

Auch die Gemein­schaft der Sieb­ten-Tags-Adven­tis­ten ent­nimmt ein für sie wich­ti­ges Datum dem Buch Dani­el. Im Kapi­tel 8 heißt es dort, dass Dani­el ein Gesicht von einem Wid­der und einem Zie­gen­bock sieht. Das Reich der Meder und Per­ser (Wid­der) wird durch einen gro­ßen König aus Grie­chen­land (Zie­gen­bock = Alex­an­der der Gro­ße) erobert. Des­sen Reich aber zer­fällt. In einem der Teil­rei­che wird ein Frev­ler die Herr­schaft über­neh­men, der dann den Juden sogar die Aus­übung ihrer Reli­gi­on ver­bie­tet. Er nimmt ihnen das regel­mä­ßi­ge Opfer weg und ent­weiht in schlimms­ter Wei­se den Tem­pel. Noch im Rah­men der Visi­on fragt ein Hei­li­ger, wie lan­ge die­se Situa­ti­on andau­ern wird und er bekommt eine Antwort:

Und ich hör­te einen Hei­li­gen reden. Und es sprach ein Hei­li­ger zu jeman­dem – dem Reden­den näm­lich -: Bis wann gilt die Visi­on von dem regel­mä­ßi­gen Opfer und von dem ent­setz­li­chen Ver­bre­chen, dass sowohl das Hei­lig­tum als auch der Opfer­dienst zur Zer­tre­tung preis­ge­ge­ben sind? Und er sag­te zu mir: Bis zu 2 300 Aben­den und Mor­gen; dann wird das Hei­lig­tum wie­der gerecht­fer­tigt. (Dani­el 8,13 f.)

In die­sen Wor­ten deu­tet nichts dar­auf hin, dass der his­to­ri­sche Rah­men der Visi­on ver­las­sen wird. Es ergibt sich nur die Fra­ge, ob es um 2.300 oder nur 1.150 Tage geht. Das regel­mä­ßi­ge Opfer, um das sich der Fra­gen­de sorgt, wur­de an jedem Abend und jedem Mor­gen dar­ge­bracht. Von daher liegt es nahe, dass die Dau­er der Tem­pel­ent­wei­hung mit 1.150 Tagen ange­ge­ben wird, was auch ziem­lich genau dem tat­säch­li­chen Ereig­nis unter dem Seleu­ki­den­kö­nig Antio­chus IV. Epi­pha­nes ent­spricht.[24]

In der dar­auf fol­gen­den Aus­le­gung der Visi­on wird zwei­mal von der Zeit des Endes gespro­chen (Ver­se 17+19). Die­ses Ende muss aber nicht das Ende der Welt sein, son­dern kann sich auch auf die Zeit der Erfül­lung der eben geschau­ten Ereig­nis­se bezie­hen. Der im 19. Jahr­hun­dert leben­de ame­ri­ka­ni­sche Bap­tis­ten­pre­di­ger Wil­liam Mil­ler woll­te die Visi­on jedoch auf das ver­meint­lich bald kom­men­de Ende der Welt deu­ten. Zuerst über­sah er, dass es nur um 1.150 Tage geht. Dann inter­pre­tier­te er die nun­mehr 2.300 Tage als eben so vie­le Jah­re. Ein sei­ner Mei­nung nach geeig­ne­ter Zeit­punkt für den Beginn der 2.300 Jah­re war das Wort des Per­ser­kö­nigs Arta­xer­xes I., Jeru­sa­lem wie­der auf­zu­bau­en. Angeb­lich habe Esra dies im 7. Jahr des Königs auf­ge­schrie­ben, was nach unse­rer Zeit­rech­nung dann das Jahr 457 v. Chr. wäre. Auf die­ser Grund­la­ge ver­kün­dig­te er das Jahr 1843 als das Jahr der Wie­der­kunft Chris­ti. Als die­se aus­blieb, ver­schob er das Datum mehr­fach um ein paar Mona­te und leg­te schließ­lich sogar den genau­en Tag fest – den 22. Okto­ber 1844.

Da die­se berech­ne­ten Daten bereits in der Ver­gan­gen­heit lie­gen, lässt sich ihre Falsch­heit leicht erken­nen. Das Haupt­pro­blem besteht nicht dar­in, dass jemand etwas aus der Bibel miss­ver­stan­den hat, weil wir alle fehl­bar und kor­rek­tur­be­dürf­tig sind. Doch wenn ein Mensch Din­ge in gött­li­cher Auto­ri­tät ver­kün­det, ohne zu mer­ken, dass die­se Wor­te nicht von Gott stam­men, kann sein Herz nicht auf­rich­tig gewe­sen sein.

Wer aus sich selbst redet, sucht sei­ne eige­ne Ehre; wer aber die Ehre des­sen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahr­haf­tig, und Unge­rech­tig­keit ist nicht in ihm. (Johan­nes 7,18)

Die Lie­be zur Wahr­heit hilft einem Chris­ten, die Rea­li­tät und sei­ne eige­nen Gren­zen zu erkennen.

Die von Mil­ler ange­sto­ße­ne Bewe­gung zer­fiel zwar bald, doch hiel­ten man­che an dem von ihm errech­ne­ten Datum fest, gaben ihm aller­dings einen neu­en Inhalt. Angeb­lich sei Jesus 1844 ins himm­li­sche Hei­lig­tum ein­ge­zo­gen und habe mit einem Hei­li­gungs­dienst begon­nen. Die­se Leh­re wird vor allem von den Sieb­ten-Tags-Adven­tis­ten ver­tre­ten und bil­det auch wei­ter­hin die Grund­la­ge für deren Nah­erwar­tung, ohne dass man noch wagt, ein Datum dafür zu benennen.

Wahr­schein­lich gab es zu allen Zei­ten Men­schen, die ger­ne die Zukunft wis­sen woll­ten. Mit die­ser Aus­rich­tung ver­fehlt man aber das Eigentliche:

Wenn ich Weis­sa­gung habe und alle Geheim­nis­se und alle Erkennt­nis weiß … aber kei­ne Lie­be habe, so bin ich nichts. (1. Korin­ther 13,2)

Die Lie­be Got­tes, die Chris­ten ein­an­der nach dem Bei­spiel Jesu in tie­fer Glau­bens­ge­mein­schaft wei­ter­ge­ben – und nicht die Geheim­nis­se der Welt­ge­schich­te –, ist das Wich­tigs­te, was Jesus uns offen­bart hat. Für ihn zählt, ob wir Got­tes Wil­len im Jetzt erken­nen und tun.

Vie­le wer­den an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht durch dei­nen Namen geweis­sagt und durch dei­nen Namen Dämo­nen aus­ge­trie­ben und durch dei­nen Namen vie­le Wun­der­wer­ke getan? Und dann wer­de ich ihnen beken­nen: Ich habe euch nie­mals gekannt. Weicht von mir, ihr Übel­tä­ter! (Mat­thä­us 7,22 f.)


Fußnoten

  1. Jeru­sa­lem wur­de im Jahr 70, also 40 Jah­re nach der Kreu­zi­gung Jesu, durch die Römer im Krieg zerstört.
  2. Wahr­schein­lich im letz­ten Jahr sei­nes Wirkens.
  3. Die­se Ansicht ist unter libe­ra­len Theo­lo­gen ver­brei­tet. Sie wider­spricht aller­dings einer ande­ren fest ver­an­ker­ten Annah­me in der moder­nen Theo­lo­gie, näm­lich dass ein gro­ßer Teil der Wor­te Jesu in den Evan­ge­li­en in Wahr­heit Wor­te von Män­nern aus den Gemein­den des spä­ten ers­ten Jahr­hun­derts sei­en. So wird behaup­tet, die Chris­ten damals hät­ten geglaubt, dass Jesus noch zu ihrer Leb­zeit wie­der­kä­me. Da die­ses nicht geschah, habe man Jesu Wor­te umge­deu­tet oder ver­än­dert, um das Ver­zö­gern zu erklä­ren. War­um ein so dras­ti­scher Irr­tum wie in Mat­thä­us 10,23 nicht aus­ge­merzt wur­de, bleibt dann aller­dings unverständlich.
  4. Das hebräi­sche Wort Mes­si­as bedeu­tet auf Grie­chisch „Chris­tos“, auf Latein „Chris­tus“, auf Deutsch “der Gesalb­te“ – nach jüdi­scher Vor­stel­lung jemand, der zum König gesalbt wur­de. Die Erwar­tung eines star­ken poli­ti­schen Füh­rers, eines neu­en Davids, war groß.
  5. Sie­he dazu Lukas 3,7–9.
  6. Unge­fähr im Jah­re 65 geschrieben.
  7. Wenn man sich die Zeit als die gleich­mä­ßig ver­ge­hen­den Jah­re auf einem Zeit­strahl vor­stellt, könn­te man  mei­nen, Johan­nes habe gedacht, das Ende aller Zeit stün­de unmit­tel­bar bevor. Im jüdi­schen Den­ken jedoch ist der Inhalt der Zeit wich­ti­ger als ihre blo­ße Dau­er. Es hat kei­ne Bedeu­tung, wie lan­ge es noch dau­ert, bis Jesus wie­der­kommt. Zeit­li­che Begrif­fe wie Tag oder Stun­de darf man in sol­chen Zusam­men­hän­gen nicht wört­lich ver­ste­hen, als ob die letz­te Stun­de der letz­te Zeit­raum der letz­ten Tage sei­en, sowe­nig wie die letz­ten Tage das End­sta­di­um der letz­ten Zeit darstellen.
  8. Juden, die zwar Jesus für den Mes­si­as hiel­ten, jedoch das Ein­hal­ten des mosai­schen Geset­zes auch für Hei­den­chris­ten als not­wen­dig zum Heil ansahen.
  9. Sam­mel­be­griff für aus dem Grie­chen­tum stam­men­de Leh­ren, die in der mate­ri­el­len Exis­tenz den Grund für das Böse sahen. Gnos­ti­ker hat­ten Inter­es­se am Chris­ten­tum und ver­wen­de­ten christ­li­ches Voka­bu­lar, füll­ten die­ses aber mit eige­nen, der apos­to­li­schen Leh­re wider­spre­chen­den Inhalten.
  10. Lukas 12,39–40; sie­he auch unter 2.
  11. Dies bedeu­tet nicht, dass in fer­nen Zei­ten Leu­te auf­tre­ten und sich als Jesus aus­ge­ben wer­den. So jemand wäre doch völ­lig unglaub­wür­dig, denn das zwei­te Kom­men Jesu been­det die Geschich­te der Menschheit.
  12. Bekannt sind z. B. Simon bar Gio­ra im Krieg mit den Römern und Simon bar Koch­ba im Bar-Kochba-Aufstand.
  13. Uns ist bewusst, dass eini­ge Aus­sa­gen des Tex­tes auf den ers­ten Blick viel bes­ser auf die Wie­der­kunft zu pas­sen scheinen.
  14. Sie­he dazu Lukas 2,1–3. Die anti­ken Schrei­ber dach­ten beim Erd­kreis nicht an die uns heu­te bekann­te Erd­ku­gel, son­dern an die damals bekann­te bewohn­te Erde oder gar nur an das Römi­sche Reich.
  15. Das wird u. a. durch den Bericht des Lukas in Apos­tel­ge­schich­te 2,5–11 bestätigt.
  16. Von die­sen Ereig­nis­sen berich­tet das Buch Dani­el bzw. die apo­kry­phen Makkabäerbücher.
  17. Sie­he auch das Gleich­nis von den bösen Win­zern Mat­thä­us 21,33–46.
  18. Ver­glei­che das Ende Babels in Jesa­ja 13,9–22, das Ende Ägyp­tens in Hese­kiel 32,1–15 oder auch die Geist­aus­gie­ßung in Joel 3,1–5/Apg. 2,14–21.
  19. Uns ist bewusst, dass das glei­che Bild in Lukas 17,26–27 eine etwas ande­re Funk­ti­on erfüllt und im Zusam­men­hang mit der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems steht. Wir wis­sen aus den Evan­ge­li­en, dass Jesus manch­mal glei­che oder ähn­li­che Bil­der und Gleich­nis­se für unter­schied­li­che Zwe­cke ver­wen­det hat.
  20. Sie­he dazu unse­ren Arti­kel „Die Kir­che“.
  21. Die Juden tei­len die Bücher des von Chris­ten soge­nann­ten Alten Tes­ta­ments in drei Grup­pen: Gesetz, Pro­phe­ten, Schrif­ten. Das Buch Dani­el zählt zu den Schrif­ten (wie z. B. auch die Psal­men, die Chro­nik­bü­cher und das Buch Ruth) und nicht zu den Pro­phe­ten (wie Josua, Rich­ter, Samu­el, Köni­ge, Jesa­ja, Jere­mia, Hese­kiel und das Zwölfprophetenbuch).
  22. Eine Bewe­gung, aus der die Wacht­turm­ge­sell­schaft der Zeu­gen Jeho­vas her­vor­ge­gan­gen ist.
  23. Sie­he Lukas 21,24 – aller­dings spricht Jesus hier über die Zer­stö­rung der Stadt durch die Römer, die dann im Jah­re 70 geschah.
  24. Die­ser ent­weih­te den Tem­pel, indem er im Dezem­ber des Jah­res 167 v. Chr. eine Sta­tue des Zeus auf dem Brand­op­fer­al­tar auf­stel­len ließ. Etwas mehr als 3 Jah­re spä­ter, im Dezem­ber des Jah­res 164 v. Chr., wur­de dann ein neu­er Altar für Jah­we eingeweiht.


Jeru­sa­lem wur­de im Jahr 70, also 40 Jah­re nach der Kreu­zi­gung Jesu, durch die Römer im Krieg zerstört.

Wahr­schein­lich im letz­ten Jahr sei­nes Wirkens.

Die­se Ansicht ist unter libe­ra­len Theo­lo­gen ver­brei­tet. Sie wider­spricht aller­dings einer ande­ren fest ver­an­ker­ten Annah­me in der moder­nen Theo­lo­gie, näm­lich dass ein gro­ßer Teil der Wor­te Jesu in den Evan­ge­li­en in Wahr­heit Wor­te von Män­nern aus den Gemein­den des spä­ten ers­ten Jahr­hun­derts sei­en. So wird behaup­tet, die Chris­ten damals hät­ten geglaubt, dass Jesus noch zu ihrer Leb­zeit wie­der­kä­me. Da die­ses nicht geschah, habe man Jesu Wor­te umge­deu­tet oder ver­än­dert, um das Ver­zö­gern zu erklä­ren. War­um ein so dras­ti­scher Irr­tum wie in Mat­thä­us 10,23 nicht aus­ge­merzt wur­de, bleibt dann aller­dings unverständlich.

Das hebräi­sche Wort Mes­si­as bedeu­tet auf Grie­chisch „Chris­tos“, auf Latein „Chris­tus“, auf Deutsch “der Gesalb­te“ – nach jüdi­scher Vor­stel­lung jemand, der zum König gesalbt wur­de. Die Erwar­tung eines star­ken poli­ti­schen Füh­rers, eines neu­en Davids, war groß.

Sie­he dazu Lukas 3,7–9.

Unge­fähr im Jah­re 65 geschrieben.

Wenn man sich die Zeit als die gleich­mä­ßig ver­ge­hen­den Jah­re auf einem Zeit­strahl vor­stellt, könn­te man  mei­nen, Johan­nes habe gedacht, das Ende aller Zeit stün­de unmit­tel­bar bevor. Im jüdi­schen Den­ken jedoch ist der Inhalt der Zeit wich­ti­ger als ihre blo­ße Dau­er. Es hat kei­ne Bedeu­tung, wie lan­ge es noch dau­ert, bis Jesus wie­der­kommt. Zeit­li­che Begrif­fe wie Tag oder Stun­de darf man in sol­chen Zusam­men­hän­gen nicht wört­lich ver­ste­hen, als ob die letz­te Stun­de der letz­te Zeit­raum der letz­ten Tage sei­en, sowe­nig wie die letz­ten Tage das End­sta­di­um der letz­ten Zeit darstellen.

Juden, die zwar Jesus für den Mes­si­as hiel­ten, jedoch das Ein­hal­ten des mosai­schen Geset­zes auch für Hei­den­chris­ten als not­wen­dig zum Heil ansahen.

Sam­mel­be­griff für aus dem Grie­chen­tum stam­men­de Leh­ren, die in der mate­ri­el­len Exis­tenz den Grund für das Böse sahen. Gnos­ti­ker hat­ten Inter­es­se am Chris­ten­tum und ver­wen­de­ten christ­li­ches Voka­bu­lar, füll­ten die­ses aber mit eige­nen, der apos­to­li­schen Leh­re wider­spre­chen­den Inhalten.

Lukas 12,39–40; sie­he auch unter 2.

Dies bedeu­tet nicht, dass in fer­nen Zei­ten Leu­te auf­tre­ten und sich als Jesus aus­ge­ben wer­den. So jemand wäre doch völ­lig unglaub­wür­dig, denn das zwei­te Kom­men Jesu been­det die Geschich­te der Menschheit.

Bekannt sind z. B. Simon bar Gio­ra im Krieg mit den Römern und Simon bar Koch­ba im Bar-Kochba-Aufstand.

Uns ist bewusst, dass eini­ge Aus­sa­gen des Tex­tes auf den ers­ten Blick viel bes­ser auf die Wie­der­kunft zu pas­sen scheinen.

Sie­he dazu Lukas 2,1–3. Die anti­ken Schrei­ber dach­ten beim Erd­kreis nicht an die uns heu­te bekann­te Erd­ku­gel, son­dern an die damals bekann­te bewohn­te Erde oder gar nur an das Römi­sche Reich.

Das wird u. a. durch den Bericht des Lukas in Apos­tel­ge­schich­te 2,5–11 bestätigt.

Von die­sen Ereig­nis­sen berich­tet das Buch Dani­el bzw. die apo­kry­phen Makkabäerbücher.

Sie­he auch das Gleich­nis von den bösen Win­zern Mat­thä­us 21,33–46.

Ver­glei­che das Ende Babels in Jesa­ja 13,9–22, das Ende Ägyp­tens in Hese­kiel 32,1–15 oder auch die Geist­aus­gie­ßung in Joel 3,1–5/Apg. 2,14–21.

Uns ist bewusst, dass das glei­che Bild in Lukas 17,26–27 eine etwas ande­re Funk­ti­on erfüllt und im Zusam­men­hang mit der Zer­stö­rung Jeru­sa­lems steht. Wir wis­sen aus den Evan­ge­li­en, dass Jesus manch­mal glei­che oder ähn­li­che Bil­der und Gleich­nis­se für unter­schied­li­che Zwe­cke ver­wen­det hat.

Sie­he dazu unse­ren Arti­kel „Die Kir­che“.

Die Juden tei­len die Bücher des von Chris­ten soge­nann­ten Alten Tes­ta­ments in drei Grup­pen: Gesetz, Pro­phe­ten, Schrif­ten. Das Buch Dani­el zählt zu den Schrif­ten (wie z. B. auch die Psal­men, die Chro­nik­bü­cher und das Buch Ruth) und nicht zu den Pro­phe­ten (wie Josua, Rich­ter, Samu­el, Köni­ge, Jesa­ja, Jere­mia, Hese­kiel und das Zwölfprophetenbuch).

Eine Bewe­gung, aus der die Wacht­turm­ge­sell­schaft der Zeu­gen Jeho­vas her­vor­ge­gan­gen ist.

Sie­he Lukas 21,24 – aller­dings spricht Jesus hier über die Zer­stö­rung der Stadt durch die Römer, die dann im Jah­re 70 geschah.

Die­ser ent­weih­te den Tem­pel, indem er im Dezem­ber des Jah­res 167 v. Chr. eine Sta­tue des Zeus auf dem Brand­op­fer­al­tar auf­stel­len ließ. Etwas mehr als 3 Jah­re spä­ter, im Dezem­ber des Jah­res 164 v. Chr., wur­de dann ein neu­er Altar für Jah­we eingeweiht.