Gottes Gerechtigkeit und Vergebung
Warum wir diesen Text schreiben
Der Gedanke, dass Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zwei Aspekte in Gottes Wesen darstellen, die einander entgegengesetzt sind, ist heute in religiösen Kreisen verbreitet. Es wird behauptet, dass einerseits Gottes Gerechtigkeit von ihm verlangt, die Sünde zu bestrafen, dass er aber andererseits barmherzig ist, dass er vergeben möchte und den Sünder nicht bestrafen will. Diese Vorstellung eines Gegensatzes zwischen Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hat eine Vorstellung über Gottes Erlösung geformt, die heute von vielen vertreten wird. In dieser Abhandlung wollen wir zeigen, dass es einen derartigen Gegensatz in Gott nicht gibt und dass Jesus nicht deswegen gekommen ist, um diesen Gegensatz aufzulösen. Jesus wurde als Mensch geboren, lebte ein Leben des Gehorsams, er ist gestorben und von den Toten auferstanden. So ist er der vollkommene Mittler zwischen Mensch und Gott. Er ist gekommen, damit wir in einer Beziehung zum Vater und zu ihm leben können, eine Beziehung, die bis in die Ewigkeit währt. Der biblische Ausdruck „Gerechtigkeit“ muss im Zusammenhang einer Beziehung verstanden werden, nicht als ein unpersönliches juristisches Prinzip, das erfüllt werden muss.

1 Gottes Gerechtigkeit, Treue und Barmherzigkeit
Viele Menschen verbinden den Begriff „Gerechtigkeit Gottes“ mit seinem unparteiischen und unvoreingenommenen Gericht. Wir finden diesen Aspekt von Gottes Gerechtigkeit etwa in folgenden Bibelstellen ausgedrückt:
Da wird der Mensch gebeugt und der Mann erniedrigt, und die Augen der Hochmütigen werden erniedrigt. Und der HERR der Heerscharen wird im Gericht erhaben sein, und Gott, der Heilige, sich heilig erweisen in Gerechtigkeit (hebräisch: zedaqa). (Jesaja 5,15–16)
Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit (griechisch: dikaiosyne) durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen dadurch den Beweis gegeben, dass er ihn auferweckt hat aus den Toten. (Apostelgeschichte 17,30–31)
Die Bedeutung des Wortes „Gerechtigkeit“ – hebräisch: zedaqa, griechisch: dikaiosyne –, das in den hier zitierten Bibelstellen vorkommt, beschränkt sich nicht auf ein „unparteiisches und unvoreingenommenes Gericht“. Das ist nicht überraschend, wenn wir die Fülle des Wesens Gottes als Ausgangspunkt unserer Überlegungen nehmen. Wenn wir Gottes Gerechtigkeit verstehen wollen, dann müssen wir von der Tatsache ausgehen, dass Gott Liebe ist (1. Johannes 4,16). Es gibt keinen Widerspruch im Wesen Gottes. Deshalb ist es unmöglich, Gottes Gerechtigkeit[1] von seiner Barmherzigkeit, Treue, Güte, Gnade und Vergebung zu trennen oder sie im Gegensatz zu diesen Eigenschaften zu sehen, die seine Liebe ausdrücken.
Für Juden biblischer Zeit waren diese Begriffe auch keine Widersprüche, sondern in ihrer Sprache – dem Hebräischen – hatte das Wort „Gerechtigkeit“ eine breitere Bedeutung und drückte in verschiedener Weise die Beziehung zwischen Gott und Mensch aus. Ein Punkt sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Als die Juden das Alte Testament vom Hebräischen ins Griechische übersetzten (diese Übersetzung wird Septuaginta genannt), übersetzten sie das hebräische Wort für „Gerechtigkeit“ zedaqa meist mit dem griechischen Wort dikaiosyne (das übliche griechische Wort für „Gerechtigkeit“), manchmal aber auch mit einem Wort, das „Barmherzigkeit“[2] bedeutet. An einigen anderen Stellen übersetzten sie das hebräische Wort für „Gnade“ (chäsäd) ins Griechische mit dikaiosyne (was Gerechtigkeit bedeutet).[3] Sie konnten verschiedene Wörter dafür wählen, da sie keinen Widerspruch zwischen Gerechtigkeit, Gnade und Barmherzigkeit sahen.[4]
Wir möchten anhand einiger biblischer Beispiele aufzeigen, wie Gottes Gerechtigkeit mit seiner Treue, Hilfe, Güte und Barmherzigkeit verbunden sind.
Wir wollen dabei das Leben eines Gerechten aus der Zeit des Alten Testaments herausgreifen, um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen:
Danach machte David sich auf, ging aus der Höhle hinaus und rief hinter Saul her: Mein Herr und König! Und Saul sah sich um, und David neigte sein Gesicht zur Erde und warf sich nieder. Da sagte David zu Saul: Warum hörst du auf die Worte von Menschen, die sagen: Siehe, David sucht dein Unglück? Siehe, an diesem Tag haben deine Augen gesehen, dass der HERR dich heute in meine Hand gegeben hat in der Höhle. Und man drängte mich, dich umzubringen. Aber ich habe dich verschont und dachte: Ich will meine Hand nicht an meinen Herrn legen, denn er ist der Gesalbte des HERRN! […] Und es geschah, als David diese Worte an Saul beendet hatte, sagte Saul: Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul erhob seine Stimme und weinte. Dann sagte er zu David: Du bist gerechter als ich. Denn du hast mir Gutes erwiesen, ich aber habe dir Böses erwiesen. (1. Samuel 24,9–11.17–18)
Von Eifersucht getrieben verfolgte König Saul David bis in die Wüste. Unterwegs begab sich Saul in eine Höhle, um seine Notdurft zu verrichten. Er wusste nicht, dass David sich in dieser Höhle versteckt hielt – eine einzigartige Gelegenheit für David, seinen Erzfeind zu vernichten und ihn so der gerechten Vergeltung für seine Taten zuzuführen. Seine Begleiter forderten ihn zum Handeln auf: „Da sagten die Männer Davids zu ihm: Siehe, das ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Siehe, ich werde deinen Feind in deine Hand geben, damit du mit ihm tun kannst, wie es gut ist in deinen Augen. Und David stand auf und schnitt heimlich einen Zipfel von dem Oberkleid Sauls ab“ (1. Samuel 24,5). David handelte gerecht, aber nicht in dem Sinne einer gerechten Strafe. David schlug das Herz (Vers 6), denn er wollte Saul in keiner Weise schaden. David war barmherzig und zeigte, dass er nur das Beste für Saul wollte, auch wenn dieser es nicht verdient hatte. Durch Davids Barmherzigkeit musste Saul erkennen, dass David „gerechter“ war als er. Wenn David, ein gottesfürchtiger Mann, keinen Widerspruch darin sah, barmherzig gegenüber Saul zu sein, obwohl er ihn gerechterweise hätte strafen können, um wie viel weniger steht für den Vater der Erbarmungen[5] Gottes Gerechtigkeit im Widerspruch zu einem barmherzigen Handeln den Menschen gegenüber, die es nicht verdient haben?
1.1 Gottes Gerechtigkeit seinem Volk gegenüber
In einer der schwersten Zeiten der Geschichte Israels betete Daniel für sein Volk:
HERR! Bei uns ist die Beschämung des Angesichts, bei unseren Königen, unseren Obersten und unseren Vätern, weil wir gegen dich gesündigt haben. Bei dem Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung. Denn wir haben uns gegen ihn aufgelehnt […] Und so war der HERR auf das Unglück bedacht und ließ es über uns kommen. Denn der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er tut. Aber wir haben nicht auf seine Stimme gehört. (Daniel 9,8–9.14)
Dann setzt er fort:
Wir haben gesündigt, wir haben gottlos gehandelt. Herr, nach all den Taten deiner Gerechtigkeit mögen doch dein Zorn und deine Erregung sich wenden von deiner Stadt Jerusalem, dem Berg deines Heiligtums! Denn wegen unserer Sünden und wegen der Vergehen unserer Väter sind Jerusalem und dein Volk zum Hohn geworden für alle rings um uns her. (Daniel 9,15b-16)
Im hebräischen Text kommt das Wort „gerecht“ in den Versen 14 und 16 vor. In Vers 14 spricht er über Gottes Gericht, während in Vers 16 Daniel, der auf Gottes Treue zu seinem Bund vertraut, Gott aufgrund dessen gerechten Taten um Barmherzigkeit bittet. Er tut dies, weil im Alten Testament Gottes Gerechtigkeit nicht auf sein unvoreingenommenes Gericht begrenzt ist. Es drückt seine Treue zu seinem Bund und seinen Verheißungen aus. Seine Gerechtigkeit wird dadurch noch größer, weil er treu bleibt, auch wenn sein Volk untreu ist. Er vergibt ihnen und erfüllt seine Verheißungen trotz des Versagens seines Volkes.
An einer anderen Stelle sagt Gott:
Hört auf mich, ihr Trotzigen, die ihr fern seid von Gerechtigkeit! Ich habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht, sie ist nicht fern, und mein Heil zögert nicht. Und ich gebe in Zion Heil, für Israel meine Herrlichkeit. (Jesaja 46,12–13)
Hier spricht der Prophet die Juden als trotzige Menschen an, die fern von der Gerechtigkeit sind, als solche, die der Vergebung Gottes unwürdig sind. Trotzdem sagt Gott ihnen in seiner Treue und Liebe das Heil und seine Herrlichkeit zu. Dieser Text setzt Gottes Gerechtigkeit mit seinem Heil gleich und meint nicht das Gericht.
An diesen und anderen Stellen sehen wir, dass für die Juden kein Widerspruch zwischen Gottes Gerechtigkeit und seiner Gnade bzw. Vergebung bestand. Im Gegenteil: Durch seine Barmherzigkeit bestätigt Gott seine Gerechtigkeit, weil er dadurch seine Treue beweist, auch wenn sein Volk untreu ist.[6]
Als Gott mit seinem Volk einen Bund schloss, versprach er, mit ihnen zu sein, sie zu führen und sich ihnen zu offenbaren. Als Antwort darauf versprach auch das Volk Israel, ihm zu gehorchen, ihm zu folgen und treu zu sein, indem sie keine anderen Götter neben ihm haben würden. Diese Treue – vonseiten Gottes und des Menschen – wird in der Bibel auch „Gerechtigkeit“ genannt. Es ist gerecht, wenn Gott und Menschen so handeln, wie sie es einander versprochen haben.[7]
1.2 Gottes Gerechtigkeit einzelnen Gläubigen im Alten Testament gegenüber
Im Alten Testament bezeugen Gläubige Gottes Gerechtigkeit, die sie durch Vergebung und Gnade erfahren haben. So heißt es in einem Psalm:
Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Gnade; tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit! (Psalm 51,3)
Diese Worte sind eine Bitte um Vergebung einer schwerwiegenden Sünde. David wusste, dass er als Sünder kein Recht auf Gnade hatte und dass Gottes Gericht gerecht sein würde:
Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen; damit du im Recht bist mit deinem Reden, rein erfunden in deinem Richten. (Psalm 51,6)
In tiefer Reue über seine Sünden vertraut David einzig auf Gottes Barmherzigkeit. Es ist ihm klar, dass er Gott keine Wiedergutmachung für seine Sünden anbieten kann. Er kann nur darauf hoffen, dass ihm Gott seine Sünden aus unverdienter Gnade heraus vergibt.
Rette mich von Blutschuld, Gott, du Gott meines Heils, so wird meine Zunge deine Gerechtigkeit jubelnd preisen. Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund dein Lob verkünde. Denn du hast keine Lust am Schlachtopfer, sonst gäbe ich es; Brandopfer gefällt dir nicht. Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten. (Psalm 51,16–19)
Die Zuversicht Davids führt ihn zum jubelnden Lob von Gottes Gerechtigkeit. Wenn Gott Gnade schenkt, handelt er in seiner Treue und erweist er seine Gerechtigkeit.
Auch in einem anderen Psalm lesen wir, dass sich der Beter seiner vielen Sünden tief bewusst war. Trotzdem bittet er, dass Gott ihn gemäß seiner Treue, Güte, Barmherzigkeit und Hilfe bewahrt. Als Ermunterung für viele verkündet er die Gerechtigkeit Gottes, die in diesen Eigenschaften Gottes liegt:
Ich habe Gerechtigkeit verkündet in großer Versammlung; siehe, meine Lippen hemmte ich nicht – HERR, du weißt es! Deine Gerechtigkeit habe ich nicht verborgen im Innern meines Herzens; deine Zuverlässigkeit und deine Hilfe habe ich ausgesprochen, deine Gnade und deine Treue nicht verhehlt vor der großen Versammlung. Du, HERR, wirst dein Erbarmen nicht von mir zurückhalten; deine Gnade und deine Treue werden beständig mich behüten! Denn Übel bis zur Unzahl haben mich umgeben, meine Sünden haben mich erreicht, dass ich nicht aufzublicken vermag; zahlreicher sind sie als die Haare meines Hauptes, und mein Herz hat mich verlassen. (Psalm 40,10–13)
Psalm 103 preist die Barmherzigkeit Gottes. Vers 6 spricht von Gottes Gerechtigkeit denen gegenüber, die in Bedrängnis sind.
Der HERR verschafft Gerechtigkeit und Recht allen, die bedrückt werden. (Psalm 103,6)
Gottes Gerechtigkeit zeigt sich auch in der Ermahnung eines Sünders. Doch weil seine Barmherzigkeit und Gnade so groß sind, wird er nicht für immer zürnen:
Barmherzig und gnädig ist der HERR, langsam zum Zorn und groß an Gnade. Er wird nicht immer rechten, nicht ewig zürnen. Er hat uns nicht getan nach unseren Vergehen, nach unseren Sünden uns nicht vergolten. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so übermächtig ist seine Gnade über denen, die ihn fürchten. (Psalm 103,8–11)
Für die, die Gott fürchten, bilden Gottes Gerechtigkeit und Gnade eine Einheit:
Die Gnade des HERRN aber währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, seine Gerechtigkeit bis zu den Kindeskindern (Psalm 103,17)
Gottes Gerechtigkeit schenkt den Gläubigen die Hoffnung auf Rettung:
Bei dir, HERR, habe ich mich geborgen; lass mich niemals zuschanden werden; rette mich in deiner Gerechtigkeit! (Psalm 31,2)
Der Psalmist wusste, dass er wegen seiner Sünden die erfahrene Hilfe nicht verdient hatte.
Denn in Kummer schwindet mein Leben dahin und meine Jahre in Seufzen; meine Kraft wankt durch meine Schuld, und es verfallen meine Gebeine. (Psalm 31,11)
Der Grund seiner Hoffnung war Gottes Treue, die er durch seine Gnade immer wieder erfuhr.
1.3 Gottes Gerechtigkeit im Neuen Testament
Auch das Neue Testament lehrt uns, dass Gott treu und gerecht ist und dass er uns vergibt.
Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit. (1. Johannes 1,9)
Gott braucht sich vor niemandem verantworten, dass er gütig ist. Jesus drückt das im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg aus, wo der Besitzer des Weinberges sagt:
[…] Nimm das Deine und geh hin! Ich will aber diesem Letzten geben wie auch dir. Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will? Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin? (Matthäus 20,14–15)
Nach menschlichen Maßstäben scheint es ungerecht zu sein, dass derjenige, der nur eine Stunde arbeitete, den gleichen Lohn erhielt wie der, der sich zwölf Stunden plagte. Gott ist aber nicht an menschliche Maßstäbe gebunden. Seine Großherzigkeit, Güte und Liebe gehen weit über alle menschlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Lohn hinaus.
Jesus lehrt uns, ohne Erwartung einer Gegenleistung oder Wiedergutmachung, vergebungsbereit zu sein.
Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal? Jesus spricht zu ihm: Ich sage dir: Nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal siebenmal!Deswegen ist es mit dem Reich der Himmel wie mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. Da er aber nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Der Knecht nun fiel nieder, bat ihn kniefällig und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt, gab ihn los und erließ ihm das Darlehen. Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist! Sein Mitknecht nun fiel nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe. Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war. Da rief ihn sein Herr herbei und spricht zu ihm: Böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest. Solltest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmt haben, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn den Folterknechten, bis er alles bezahlt habe, was er ihm schuldig war. So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt. (Matthäus 18,21–35)
Der Betrag, den der Knecht dem König schuldete, war unbezahlbar.[8] Niemand würde dem König Ungerechtigkeit vorwerfen, wenn er gütigerweise seinem Schuldner die Schulden erlässt. Im Gegenteil: Wenn wir über die Barmherzigkeit des Königs hören, freuen wir uns darüber und stimmen seinem Verhalten zu. Ja, das ist gerecht, so ist es gut.
Jesus lehrte uns auch zu beten:
[…] und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben (Matthäus 6,12)
Wenn Gott von uns erwartet, dass wir freimütig vergeben, sollte er dann nicht in der Lage sein, das Gleiche zu tun? Das angeführte Gleichnis über den König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte, zeigt, dass der König (der im Gleichnis für Gott steht) ohne Gegenleistung vergeben kann, und es auch tut.
2 Wer kann Vergebung empfangen?
Wenn Gott frei vergeben kann, warum vergibt er dann nicht jedem? Im Buch des Propheten Jesaja lesen wir, dass ein unbußfertiger Mensch Gottes Gnade missbrauchen würde, wenn er sie erführe:
Wird dem Gottlosen Gnade zuteil, lernt er nicht Gerechtigkeit; im Land der Geradheit handelt er unrecht und sieht nicht die Hoheit des HERRN. (Jesaja 26,10)
Wenn ein böser Mensch Vergebung erführe, würde er weiterhin in seiner Bosheit leben. Ihm zu vergeben würde dann nur dazu führen, dass er die Vergebung missbraucht. Gott vergibt solchen Menschen nicht, da er das Böse nicht unterstützen möchte. Er vergibt nicht jedem.
[…] wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,15)
[…] wenn aber jemand gegen den Heiligen Geist reden wird, dem wird nicht vergeben werden, weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen. (Matthäus 12,32b)
Er vergibt denen, die sich demütigen, ihre Sünden bekennen und von Gott lernen, in Gerechtigkeit zu leben. Das ist die richtige Antwort auf seine Gnade.
Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen, und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in dem jetzigen Zeitlauf (Titus 2,11–12)
Jesu Ziel war es, uns Gott nahe zu bringen und in uns Reue für unsere Sünden und Liebe zu Gott zu wecken. Das erlebte auch eine Frau in der folgenden Situation:
Es bat ihn aber einer der Pharisäer, dass er mit ihm essen möge; und er ging in das Haus des Pharisäers und legte sich zu Tisch. Und siehe, da war eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war; und als sie erfahren hatte, dass er in dem Haus des Pharisäers zu Tisch lag, brachte sie eine Alabasterflasche mit Salböl, trat von hinten an seine Füße heran, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen, und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes. Dann küsste sie seine Füße und salbte sie mit dem Salböl. Als aber der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so würde er erkennen, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sagt: Lehrer, sprich! ‑Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig; da sie aber nicht zahlen konnten, schenkte er es beiden. Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon aber antwortete und sprach: Ich nehme an, der, dem er das meiste geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; sie aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Salböl meine Füße gesalbt. Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. (Lukas 7,36–47)
Sie war in Sünden verstrickt und hatte zu wenig Kraft, ihre Situation zu ändern. Von den „frommen“ Juden verachtet, erschien ihre Situation hoffnungslos. Vermutlich hatte sie Jesus schon reden gehört und wurde nun durch die Begegnung mit ihm von dem Wunsch nach reiner Liebe und wirklichem Leben erfüllt. Sie zögerte darum nicht, das zum Ausdruck zu bringen. Sie wollte nicht mehr sündigen und drückte ihre Bereitschaft zur Umkehr aus. Deshalb konnte Jesus ihr vergeben. Dieses Angebot gilt auch für uns. Wenn wir dem Ruf Jesu folgen – wie diese Frau es tat –, dann können auch wir seine Vergebung erfahren.
Fußnoten
- Das Hebräischwörterbuch (Hebräisches und Aramäisches Lexikon zum Alten Testament von Ludwig Koehler und Walter Baumgartner, Dritte Auflage, Band II, Leiden Boston 2004; S. 941; Unterpunkte zu Punkt 6) gibt uns 4 Bedeutungen an, wenn es darum geht, dass Gott (יְהוָה – Jahwe) gerecht (צַדִּיק – zaddiq, das Adjektiv von zedaqa) ist:1. gerecht (richtend/strafend) – Psalm 7,12; 129,4; Hiob 34,172. gerecht (Recht stiftend oder setzend) – Zefania 3,5; Psalm 119,1373. gerecht (im Recht gegenüber Anschuldigungen) – Exodus 9,27; Jeremia 12,1; Klagelieder 1,18; Daniel 9,14; Nehemia 9,33; 2. Chronik 12,64. gerecht (in der Bedeutung hilfreich, treu) – Deuteronomium 32,4; Jesaja 45,21; Psalm 11,7; Psalm 116,5 (parallel mit gnädig: חַנּוּן – channun), Psalm 145,17 (parallel mit gütig: חָסִיד – chasid), Esra 9,15; Nehemia 9,8.
- Psalm 24,5; 33,5; 103,6; Jesaja 1,27; 28,17; 56,1; 59,16 (wie auch in Daniel 9,16 in der Theodotion-Übersetzung aus ca. 200 n. Chr.).
- Genesis 24,27; 32,10; Exodus 15,13; 34,7; Jesaja 63,7.
- Einige Gelehrte (z. B. McGrath, Alister E. Iustitia Dei: A History of the Christian Doctrine of Justification. Cambridge, 2002, 1–16.; Goppelt, Leonhard. Theologie des Neuen Testaments. [Teil 2, Vielfalt und Einheit des apostolischen Christuszeugnisses]. Göttingen, 1980, 465–471.; Buber, Martin. Zur Verdeutschung des letzten Bandes der Schrift, Abschnitt 1, 5–6. Beilage zu: Die Schrift. Stuttgart, 1992, Band 4) sind der Ansicht, dass in der hebräischen Kultur der biblische Begriff „Gerechtigkeit“ (und andere Schlüsselbegriffe wie „Gnade“ oder „Opfer“) weitgehend im Zusammenhang der Beziehung zu Gott (d. h. des Bundes) verstanden wurde. Aus diesem Grund war für die jüdischen Schreiber die Bedeutung von Wörtern wie „Gerechtigkeit“, „Treue“, „Barmherzigkeit“ und „Gnade“ eng miteinander verbunden. Sie drückten unterschiedliche Aspekte der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen aus. Die Griechische und Römische Kultur, in deren Sprache die Bibel übersetzt wurde, waren nicht von diesem Konzept einer Beziehung zu Gott geprägt. Für die Griechen war die Gesellschaft der Maßstab, nach dem beurteilt wurde, was gerecht und ungerecht ist. Für die Römer war es das Gesetz. Dieser Umstand machte es ziemlich schwer, eine griechische bzw. lateinische Entsprechung für das hebräische zedaqa (צְדָקָה – „Gerechtigkeit“) zu finden.In den ersten beiden Jahrhunderten des Christentums war Griechisch die Sprache der Kirche und die Christen verwendeten die von Juden erstellte griechische Übersetzung des Alten Testaments. Ab dem zweiten Jahrhundert begann die Kirche im Westen des Römischen Reiches mehr und mehr die lateinische Sprache zu verwenden und so wurde die Bibel auch auf Latein übersetzt. Die Ausdrücke „Gerechtigkeit“ oder „(jemanden) gerecht machen“ wurden ins Lateinische mit iustitia und iustificare übersetzt. Beide Ausdrücke kommen aus der Rechtssprechung und sind von daher geprägt.Das Denken vieler lateinischer Kirchenväter war durch juridisches Denken geprägt, das die Grundlage der römischen Bildung darstellte. Im Lauf der Jahrhunderte wurde im Westen das Bild einer Gerichtsverhandlung das zentrale Bild, mit dem die Erlösung erklärt wurde. Die Sünde wurde mit einem Verbrechen verglichen, der Sünder mit dem schuldigen Täter, Gnade mit dem Freispruch des Täters, Gerechtigkeit mit der Bestrafung des Schuldigen.In diesem Zusammenhang wurde dem Tod Jesu am Kreuz im westlichen Denken letztlich eine Funktion zugeschrieben, die im Osten unbekannt war.Griechische Kirchenväter waren von diesem Denken nicht beeinflusst und haben eine nicht juridische Sicht der Erlösung bewahrt und erklärten sie als eine Begegnung mit Gott, der unsere menschliche Natur annahm, damit wir in seine Ähnlichkeit verwandelt werden. In dieser Sichtweise sind die Menschwerdung und die Auferstehung die Schlüsselelemente. So verstanden etwa Irenäus und Athanasius von Alexandrien die in Christus geschenkte Erlösung als durch seine Menschwerdung wirksam geworden. Die Kreuzigung ist dabei ein integraler Teil der Menschwerdung (Irenäus, Gegen die Häresien III,18, Athanasius, Über die Menschwerdung des Logos).
- 2. Korinther 1,3.
- Gottes Treue bedeutet jedoch nicht, dass er immer vergibt.Es gibt auch zahlreiche Beispiele im Alten Testament, in denen Gott nicht vergab. Über den gottesfürchtigen König Josija lesen wir:Vor Josia gab es keinen König wie ihn, der zu dem HERRN umgekehrt wäre mit seinem ganzen Herzen und mit seiner ganzen Seele und mit seiner ganzen Kraft nach dem ganzen Gesetz des Mose. Und auch nach ihm ist seinesgleichen nicht aufgestanden. Doch kehrte sich der HERR nicht ab von der großen Glut seines Zornes, mit der sein Zorn gegen Juda entbrannt war, wegen all der Kränkungen, mit denen Manasse ihn gekränkt hatte (2. Könige 23,25–26).Der Grund dafür, dass die Gerechtigkeit des Königs nicht den Zorn Gottes wegnehmen konnte, war, dass sich trotz Josijas Gehorsams das Herz des Volkes nicht zu Gott bekehrte. Über die gleiche Zeit lesen wir in Jeremia:Und selbst bei alldem ist ihre Schwester Juda, die Treulose, nicht mit ihrem ganzen Herzen zu mir zurückgekehrt, sondern nur zum Schein, spricht der HERR (Jeremia 3,10).
- Vergleiche dazu, was das Bibelwerk zum Thema Gerechtigkeit schreibt: Der hebräische Begriff zedaka/Gerechtigkeit bezeichnet nicht die Übereinstimmung mit einer abstrakten Norm, sondern ein an der Gemeinschaft orientiertes Handeln, das Tun der Gerechtigkeit. So besteht die Gerechtigkeit zwischen Gott und seinem Volk in der Treue zum Bund: Gott erweist seine Gerechtigkeit, indem er seinem Volk hilft und es aus Gefahr rettet (Ps 40,11; 71,2.15; 85,14 u. ö.). Menschen werden der Beziehung zu Gott gerecht, wenn sie seine Gebote halten (Dtn 6,25) und seinem Wort Vertrauen schenken (Gen 15,6).
- 1 Talent = 6000 Denare; 1 Denar = 1 Tageslohn.