Fun­da­men­ta­lis­mus? – Über den rich­ti­gen Zugang zur Bibel

Themenbereiche: Kontroverse Fragen

Die meis­ten der soge­nann­ten christ­li­chen Kon­fes­sio­nen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten bezeich­nen in offi­zi­el­len Doku­men­ten die Schrif­ten des Alten und des Neu­en Tes­ta­ments als von Gott inspi­rier­tes Wort. Aller­dings bestehen gro­ße Unter­schie­de im Ver­ständ­nis des­sen, wie Gott den Autoren ein­ge­ge­ben habe, was sie sagen oder schrei­ben sollen.

Eine riesige Klippe mit einem Kreuz auf der Spitze: eine warnende Szene, den christlichen Glauben auf wirklich solide Grundlagen zu stellen.

1 War­um wir etwas über Fun­da­men­ta­lis­mus schreiben

Man­che Men­schen, zu denen auch wir uns zäh­len, gehen von einer ech­ten Zusam­men­ar­beit zwi­schen Gott und Schrei­ber aus, wobei Letz­te­rer vol­le Ver­ant­wor­tung für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on der gött­li­chen Gedan­ken trägt. Die Bibel ist somit Got­tes Bot­schaft, durch Men­schen­hand vermittelt.

Dage­gen sind heu­te vie­le Theo­lo­gen in den soge­nann­ten Volks­kir­chen sehr libe­ral. Ihre Skep­sis gegen­über wirk­li­cher Offen­ba­rung und Pro­phe­tie führt dazu, Got­tes Ein­fluss auf die Schrif­ten der Bibel eher zu leug­nen, sie also de fac­to als rein mensch­li­ches Werk zu betrachten.

Die­se Her­an­ge­hens­wei­se an die Hei­li­ge Schrift ist eine der Ursa­chen für das Auf­kom­men des Fun­da­men­ta­lis­mus. Es ist natür­lich ver­ständ­lich, einen Text zuerst ein­mal so zu neh­men, wie er „dasteht“, und nicht gleich umzu­deu­ten. Wenn man die Absicht des Schrei­bers ver­ste­hen will, wird man auch sehen, ob sei­ne Aus­sa­gen buch­stäb­lich oder bild­lich gemeint sind. Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn man nicht mehr unvor­ein­ge­nom­men an den Text her­an­geht. So hat sich etwa der Katho­li­zis­mus lan­ge Zeit aus Furcht vor Macht­ver­lust mit fun­da­men­ta­lis­ti­schen Argu­men­ten gegen Bibel­kri­tik und Natur­for­schung gewandt. Den wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Fort­schritt betrach­te­te man als Teufelszeug.

Heu­ti­ge Fun­da­men­ta­lis­ten tun dies im All­ge­mei­nen nicht. Sie erken­nen meist an, dass die Bibel kein natur­wis­sen­schaft­li­ches Buch ist, behaup­ten aber den­noch, dass man in ihr kei­ne Wider­sprü­che zur Wis­sen­schaft fän­de. Um die­se The­se auch in Bezug auf die Ent­ste­hung des Uni­ver­sums und des Lebens hal­ten zu kön­nen, hat sich ein beson­de­rer Zweig des Fun­da­men­ta­lis­mus her­aus­ge­bil­det: der Krea­tio­nis­mus. Des­sen Ver­tre­ter haben maß­geb­li­chen Anteil dar­an, dass das Chris­ten­tum immer häu­fi­ger als Feind der Wis­sen­schaft ange­se­hen wird.

Grund­la­ge für den Fun­da­men­ta­lis­mus ist die Ansicht, Gott habe jedes ein­zel­ne Wort den jewei­li­gen Schrei­bern direkt ein­ge­ge­ben. Man spricht auch gern von voll­stän­di­ger und ver­ba­ler Inspi­ra­ti­on der Hei­li­gen Schrift.

Wir sehen sowohl in der libe­ra­len Theo­lo­gie als auch im Fun­da­men­ta­lis­mus Extre­me, die dem Wesen Got­tes und sei­nem Wort nicht gerecht wer­den. Im Fol­gen­den wol­len wir einer­seits über unse­re Auf­fas­sung von Inspi­ra­ti­on schrei­ben und ande­rer­seits zei­gen, dass das fun­da­men­ta­lis­ti­sche Bibel­ver­ständ­nis mit dem Zeug­nis der Hei­li­gen Schrift nicht zu ver­ein­ba­ren ist und oft sogar vom Wesent­li­chen ablenkt.

2 Die Schrif­ten der Bibel – von Gott inspiriert

War­um neh­men wir an, dass die Bibel die von Gott gege­be­ne Hei­li­ge Schrift ist? Wur­de sie doch nicht in unbe­kann­ter Spra­che auf Gol­de­nen Plat­ten (die spä­ter wie­der ver­schwan­den) durch einen Engel über­reicht (wie angeb­lich das Buch Mor­mon). Auch ist sie nicht einem ein­zi­gen Men­schen durch geheim­nis­vol­les Dik­tat eines Engels „offen­bart“ wor­den (wie es Mus­li­me vom Koran glau­ben). Der­ar­ti­ge Bücher waren vom jewei­li­gen Ver­fas­ser schon im Vor­hin­ein als „hei­li­ge“ Schrif­ten gedacht wor­den. Die Bibel hin­ge­gen ist eine Zusam­men­stel­lung von Schrif­ten unter­schied­li­chen Cha­rak­ters, die noch dazu aus ver­schie­de­nen Zei­ten stam­men. Wir kön­nen ver­mu­ten, dass sich die meis­ten der Autoren über den geist­li­chen Wert ihrer Wer­ke bewusst waren, aber kei­ner die Absicht hat­te, die Bibel zu schrei­ben. Mit­tel­punkt all die­ser Bücher ist Gott und sein Wir­ken in der Geschich­te Isra­els bis hin zu dem Punkt, an dem er selbst Mensch wur­de. Nicht Geschich­te um ihrer selbst wil­len ist das Ziel. Der Mensch soll Gott sowie Ursprung und Ziel sei­nes Lebens ken­nen­ler­nen! Kein ande­res Buch zeich­net ein so kla­res Bild von Gott und sei­nem Wil­len, der sich gegen das rich­tet, was vie­len Men­schen so nahe liegt: Hoch­mut, Eigen­sinn und Las­ter­haf­tig­keit. Er, der die Mensch­heit aus Lie­be erschuf, lässt sei­ne Geschöp­fe nicht im Unkla­ren über sei­nen Heils­plan und dar­über, was er von uns for­dert, damit wir nicht am Ziel des Lebens vor­bei­glei­ten. Jeder soll eine freie Ent­schei­dung tref­fen, ob er Gott lie­ben will oder nicht. Um die­se Frei­heit zu wah­ren, zwingt er uns die Erkennt­nis sei­ner Grö­ße und Gna­de nicht auf, son­dern hat in sei­ner Weis­heit gläu­bi­ge Men­schen alles erfah­ren und sagen las­sen, was uns die Bezie­hung zu ihm mög­lich macht. Wer nicht nach ihm fragt und ande­re Göt­ter, Wege und „Wahr­hei­ten“ sucht, kann die Bibel auch als irri­ges Men­schen­wort oder gar als Fäl­schung und Betrug abtun.

Wie sol­len wir uns nun den Vor­gang der Inspi­ra­ti­on vor­stel­len? Am Bei­spiel der Pro­phe­ten sehen wir, dass die­se durch ihre Lie­be zu Wahr­heit und Gerech­tig­keit für Got­tes Befeh­le und Gedan­ken sehr offen waren. So konn­ten sie Got­tes Sprach­rohr sein und mit Leib und Leben hin­ter den Wor­ten Got­tes stehen:

Und ich hör­te die Stim­me des Herrn, der sprach: Wen soll ich sen­den, und wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sen­de mich! (Jesa­ja 6,8)

Das Wort, das vom HERRN zu Jere­mia geschah: Stell dich in das Tor des Hau­ses des HERRN, rufe dort die­ses Wort aus und sprich: Hört das Wort des HERRN, ganz Juda, die ihr durch die­se Tore kommt, um den HERRN anzu­be­ten! So spricht der HERR der Heer­scha­ren, der Gott Isra­els: Macht gut eure Wege und eure Taten, dann will ich euch an die­sem Ort woh­nen las­sen! (Jere­mia 7,1–3)

Ihre Wor­te, in Wahr­heit und Auf­rich­tig­keit gespro­chen, stie­ßen oft auf Ableh­nung. Doch sogar in Todes­ge­fahr lie­ßen sie nicht ab, das Volk Isra­el zu ermah­nen, auf­rich­tig, demü­tig und treu zu sein, das Gute zu lie­ben und das Böse zu has­sen. Nie­mals ging es ihnen dabei um den eige­nen Ruhm. Nein, sie lieb­ten Gott und han­del­ten zu sei­ner Ehre. Des­halb konn­te Gott sie befä­hi­gen, sei­ne Gedan­ken tief zu ver­ste­hen und aus­zu­spre­chen. Das heißt aber gera­de nicht, dass der Wil­le, die Vor­stel­lungs­kraft, der Eifer und der Glau­be die­ser Men­schen von Gott aus­ge­schal­tet wur­den. Im Gegen­teil: All das ist gera­de­zu Vor­aus­set­zung dafür, dass das Wort ein authen­ti­sches Zeug­nis des Wir­kens Got­tes im Gläu­bi­gen ist. Völ­lig zurecht kön­nen wir sie daher als Autoren ihrer Schrif­ten bezeich­nen. So schreibt Petrus über das Wir­ken der Propheten:

Im Hin­blick auf die­se Ret­tung such­ten und forsch­ten Pro­phe­ten, die über die an euch erwie­se­ne Gna­de weis­sag­ten. Sie forsch­ten, auf wel­che oder auf was für eine Zeit der Geist Chris­ti, der in ihnen war, hin­deu­te­te, als er die Lei­den, die auf Chris­tus kom­men soll­ten, und die Herr­lich­kei­ten danach vor­her bezeug­te. (1. Petrus 1,10 f.)

Die­se Aus­sa­ge beschreibt die Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem „Sen­der“ und dem „Emp­fän­ger“ der gött­li­chen Gedan­ken. Suchen und For­schen sind Tätig­kei­ten, die wir nur von Men­schen, nie­mals aber von Gott erwar­ten kön­nen. Die Wor­te von Petrus bezie­hen sich kon­kret auf mes­sia­ni­sche Ver­hei­ßun­gen. Er und alle Chris­ten betrach­ten sie als in Jesus erfüllt, den­noch zeu­gen sie von den irdi­schen Hoff­nun­gen und Vor­stel­lun­gen der Schreiber:

Sie­he, Tage kom­men, spricht der HERR, da wer­de ich dem David einen gerech­ten Spross erwe­cken. Der wird als König regie­ren und ver­stän­dig han­deln und Recht und Gerech­tig­keit im Land üben. In sei­nen Tagen wird Juda geret­tet wer­den und Isra­el in Sicher­heit woh­nen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nen­nen wird: „Der HERR, unse­re Gerech­tig­keit“. Dar­um sie­he, Tage kom­men, spricht der HERR, da wird man nicht mehr sagen: So wahr der HERR lebt, der die Söh­ne Isra­el aus dem Land Ägyp­ten her­auf­ge­führt hat! – son­dern: So wahr der HERR lebt, der die Nach­kom­men des Hau­ses Isra­el her­auf­ge­führt und sie gebracht hat aus dem Land des Nor­dens und aus all den Län­dern, wohin ich sie ver­trie­ben hat­te! Und sie sol­len in ihrem Land woh­nen. (Jere­mia 23,5–8)

Grund­sätz­lich rich­te­ten die Pro­phe­ten ihre Wor­te an ihre Zeit­ge­nos­sen, wes­halb es uns manch­mal schwer­fällt, die Bedeu­tung der Bil­der und Aus­drü­cke sofort rich­tig zu ver­ste­hen. Den­noch haben vie­le Inhal­te zeit­lo­sen Cha­rak­ter. Jesa­jas schar­fe Wor­te gegen die hoch­mü­ti­gen Frau­en Jeru­sa­lems (Jesa­ja 3,16–24) ver­kün­di­gen auch den heu­ti­gen eit­len Men­schen Got­tes Urteil. Die Gerichtsan­dro­hun­gen des Jere­mia betref­fen die Israe­li­ten der Zeit vor und wäh­rend des baby­lo­ni­schen Exils (z. B. Jere­mia 2), gel­ten jedoch jedem Men­schen, der sich hoch­mü­tig von Gott abwen­det. Umge­kehrt gel­ten die Wor­te über Reue, Umkehr und Heil denen, die Got­tes Seg­nun­gen in der jewei­li­gen his­to­ri­schen Situa­ti­on erfuh­ren (z. B. Jesa­ja 57,14 f.), doch sind sie Trost und Hoff­nung für alle demü­ti­gen Men­schen. Geformt wur­den all die­se Wor­te durch den jewei­li­gen Autor, immer aber steht Got­tes Auto­ri­tät dahin­ter. Dies bezeugt auch Petrus, wenn er sagt:

Und so besit­zen wir das pro­phe­ti­sche Wort umso fes­ter, und ihr tut gut, dar­auf zu ach­ten als auf eine Lam­pe, die an einem dunk­len Ort leuch­tet, bis der Tag anbricht und der Mor­gen­stern in euren Her­zen auf­geht, indem ihr dies zuerst wisst, dass kei­ne Weis­sa­gung der Schrift aus eige­ner Deu­tung geschieht. Denn nie­mals wur­de eine Weis­sa­gung durch den Wil­len eines Men­schen her­vor­ge­bracht, son­dern von Gott her rede­ten Men­schen, getrie­ben von Hei­li­gem Geist. (2. Petrus 1,19–21)

Wer die Bibel mit ehr­li­chem Inter­es­se liest, um Gott ken­nen­zu­ler­nen und sei­ne Wei­sun­gen anzu­neh­men, wird die gro­ße Ein­heit der Zeug­nis­se der Schrei­ber erken­nen und trotz­dem bemer­ken, dass jeder von ihnen gewis­se Eigen­hei­ten hat. Die Autoren haben der Bot­schaft Got­tes jeweils ihren eige­nen Stem­pel auf­ge­drückt, was alle Exege­ten grund­sätz­lich aner­ken­nen. Dar­aus müs­sen wir schlie­ßen, dass es unab­ding­bar ist, über die Anlie­gen und die ver­wen­de­ten Stil­mit­tel der Autoren nach­zu­den­ken, um den Sinn der Tex­te rich­tig zu erfas­sen. Es bleibt dann nicht ver­bor­gen, dass man­che Anga­ben über­trie­ben oder im Wider­spruch zu ande­ren Infor­ma­tio­nen zu ste­hen schei­nen. Beim wei­te­ren Nach­den­ken wer­den sich zwar vie­le der­ar­ti­ge Pro­ble­me lösen las­sen, jedoch gibt es tat­säch­lich Span­nun­gen und Unge­nau­ig­kei­ten. Ange­sichts des­sen sol­len wir nicht das Ver­trau­en ver­lie­ren und die Bibel aus der Hand legen. Aber igno­rie­ren dür­fen wir sol­che Schwie­rig­kei­ten auch nicht. Viel­mehr sind wir über­zeugt, dass es für unse­ren Glau­ben wich­tig ist, zu sol­chen Unzu­läng­lich­kei­ten zu ste­hen. Dann kön­nen wir erken­nen, wor­auf es Gott tat­säch­lich ankommt und wie wun­der­bar sei­ne Heils­bot­schaft ist.

Dass die­se Schrif­ten den Geist Got­tes atmen, haben gläu­bi­ge Zeit­ge­nos­sen sowie Gläu­bi­ge spä­te­rer Gene­ra­tio­nen erkannt und sie daher bewahrt und ver­viel­fäl­tigt. Wir sind über­zeugt, dass auch hier­bei Got­tes Füh­rung die ent­schei­den­de Rol­le spiel­te. Nicht Ver­samm­lun­gen von Gelehr­ten, die zum Groß­teil selbst nicht in Got­tes Wegen wan­del­ten, haben die­se Bücher zu hei­li­gen Schrif­ten gemacht. Die­se Ent­schei­dung war durch Gebrauch und Über­lie­fe­rung der Gläu­bi­gen bereits gefal­len. Die Juden zur Zeit Jesu jeden­falls schei­nen sich über den Umfang der Schrift einig gewe­sen zu sein, so dass sie ver­wun­dert fra­gen konnten:

Wie kennt die­ser die Schrif­ten, da er doch nicht gelernt hat? (Johan­nes 7,15)

Und Jesus wirft sei­nen Geg­nern vor:

Ihr erforscht die Schrif­ten, denn ihr meint, in ihnen ewi­ges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeu­gen; und ihr wollt nicht zu mir kom­men, damit ihr Leben habt. (Johan­nes 5,39 f.)

Ähn­lich ver­hält es sich im Fal­le des Neu­en Tes­ta­ments, nur dass es eben die im Römi­schen Reich ver­streut leben­den Chris­ten waren, die die für sie so kost­ba­ren Schrif­ten lasen, bewahr­ten und vervielfältigten.

Schon Brie­fe des Neu­en Tes­ta­ments bezeu­gen, dass die frü­hen Chris­ten nicht nur Gesetz, Pro­phe­ten und Psal­men (sie­he Lukas 24,27.44), son­dern auch Tex­te über Jesus und Brie­fe des Pau­lus als Hei­li­ge Schrift betrachteten:

Denn die Schrift sagt: „Du sollst dem Och­sen, der da drischt, nicht das Maul ver­bin­den“, und: „Der Arbei­ter ist sei­nes Loh­nes wert.“ (1. Timo­theus 5,18)

Pau­lus zitiert hier neben Deu­te­ro­no­mi­um 25,4 auch eine Aus­sa­ge Jesu, die wir in Lukas 10,7 (ähn­lich auch in Mat­thä­us 10,10) fin­den. Das zeigt klar, dass die Chris­ten nicht erst durch das Aus­blei­ben der von ihnen angeb­lich bald erwar­te­ten Wie­der­kunft anfin­gen, die Leh­re Jesu schrift­lich fest­zu­hal­ten, wie immer wie­der behaup­tet wird.

Und Petrus schreibt in sei­nem zwei­ten Brief:

Und seht in der Lang­mut unse­res Herrn die Ret­tung, wie auch unser gelieb­ter Bru­der Pau­lus nach der ihm gege­be­nen Weis­heit euch geschrie­ben hat, wie auch in allen Brie­fen, wenn er in ihnen von die­sen Din­gen redet. In die­sen Brie­fen ist eini­ges schwer zu ver­ste­hen, was die Unwis­sen­den und Unge­fes­tig­ten ver­dre­hen, wie auch die übri­gen Schrif­ten zu ihrem eige­nen Ver­der­ben. (2. Petrus 3,15 f.)

Die von ihm erwähn­ten übri­gen Schrif­ten kön­nen nur die ande­ren hei­li­gen Schrif­ten sein, also das Alte Tes­ta­ment und ande­re Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments. Über den Umfang der Schrif­ten jeden­falls schei­nen Petrus und sei­ne Adres­sa­ten einer Mei­nung zu sein.

Nach Pau­lus ver­folgt Gott mit der Hei­li­gen Schrift ein Hauptziel:

Das End­ziel der Wei­sung aber ist Lie­be aus rei­nem Her­zen und gutem Gewis­sen und unge­heu­chel­tem Glau­ben. (1. Timo­theus 1,5)

Und der Nut­zen aller Schrift liegt in der Unter­wei­sung zur Gerechtigkeit:

Alle Schrift ist von Gott ein­ge­ge­ben und nütz­lich zur Leh­re, zur Über­füh­rung, zur Zurecht­wei­sung, zur Unter­wei­sung in der Gerech­tig­keit, damit der Mensch Got­tes rich­tig sei, für jedes gute Werk aus­ge­rüs­tet. (2. Timo­theus 3,16–17)

– und nicht im Mit­tei­len wis­sen­schaft­li­cher Fak­ten. Wenn wir uns die Bibel anschau­en, kön­nen wir sehen, dass nicht jedes Wort oder jeder Inhalt genau den von Pau­lus beschrie­be­nen Nut­zen hat, wohl aber dient jede ein­zel­ne Schrift – in unter­schied­li­chem Maße – die­sem Ziel. Gott will die Umkehr der Men­schen, damit sie nicht in ihren Sün­den ver­har­ren oder in sie zurück­fal­len und so das ewi­ge Leben nicht erlan­gen. Wir dür­fen also von der Schrift erwar­ten, dass sie uns die Rea­li­tät Got­tes und sei­nen Wil­len so ver­mit­telt, dass wir uns danach aus­rich­ten und ver­än­dern kön­nen. Dass man dazu eine offe­ne und auf­rich­ti­ge Gesin­nung braucht, drückt Pau­lus mit dem Begriff „Mensch Got­tes“ aus. Ein Mensch, der Gott nicht sucht oder der sich sein Bild von Gott selbst erdenkt, wird mit die­ser Hal­tung die wesent­li­chen Aus­sa­gen der Schrift nicht ver­ste­hen oder ande­re Din­ge für wich­tig erach­ten. Gera­de die­se Ablen­kung vom Wesent­li­chen ist ein Kenn­zei­chen des Fundamentalismus.

3 Der Begriff „Fun­da­men­ta­lis­mus“

Das Wort „Fun­da­men­ta­lis­mus“ lässt vie­le zuerst an mili­tan­te, sich auf den Islam beru­fen­de Bewe­gun­gen den­ken. Mit­un­ter wer­den auch Mit­glie­der von Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die in ihren eige­nen Augen mei­nen, den Glau­ben ernst zu neh­men, als Fun­da­men­ta­lis­ten bezeich­net. Der Begriff hat dann einen nega­ti­ven Bei­geschmack, weil man ihn mit Eng­stir­nig­keit in reli­giö­sen, gesell­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Ansich­ten ver­bin­det. Man­che Men­schen wer­den als Fun­da­men­ta­lis­ten bezeich­net, weil sie sich klar gegen Abtrei­bung aus­spre­chen oder gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten als Ver­ir­rung anse­hen. Es ist lei­der üblich, mit nega­tiv bela­de­nen Begrif­fen Men­schen zu ver­un­glimp­fen, die durch ihr Fest­hal­ten an kla­ren ethi­schen Grund­sät­zen gegen den all­ge­mei­nen Trend zur „wert­frei­en“ Tole­ranz vie­len ein Dorn im Auge sind.

Wir aber ver­wen­den im Fol­gen­den die­ses Wort nur für die Ver­tre­ter des soge­nann­ten bibli­schen Fun­da­men­ta­lis­mus. Der Begriff wur­de näm­lich am Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts von sol­chen Men­schen geprägt, die zei­gen woll­ten, dass der „Fun­da­men­ta­list“ an gewis­se Grund­la­gen (eng­lisch: fun­da­men­tals) glaubt, die natür­lich schon frü­her als wesent­li­che Ele­men­te die­ses Den­kens gal­ten. Als Reak­ti­on auf die libe­ra­le Theo­lo­gie wur­den auf ver­schie­de­nen Kon­fe­ren­zen Grund­sät­ze for­mu­liert, die fort­an als „fun­da­men­tals“ gemein­sam geglaubt wer­den soll­ten, ohne wei­ter­hin in Fra­ge gestellt zu wer­den. Die „Nia­ga­ra Bible Con­fe­ren­ces“, die von 1876 bis 1897 jähr­lich statt­fan­den, zäh­len zu den wich­tigs­ten und sol­len hier bei­spiel­haft erwähnt wer­den. Auf der Kon­fe­renz des Jah­res 1878 wur­den vier­zehn Arti­kel als Glau­bens­be­kennt­nis for­mu­liert. Die­se sind laut David O. Bea­le in „In Pur­su­it of Purity“:

  1. ver­ba­le und voll­stän­di­ge Inspi­ra­ti­on der Bibel in ihren ursprüng­li­chen Handschriften
  2. Drei­ei­nig­keit
  3. Erschaf­fung des Men­schen, Sün­den­fall und völ­li­ge Verderbtheit
  4. die all­ge­mei­ne Über­tra­gung des geist­li­chen Todes Adams
  5. die Not­wen­dig­keit der Wiedergeburt
  6. Erlö­sung durch das Blut Christi
  7. Ret­tung durch den Glau­ben an Jesus Christus
  8. Glau­bens­ge­wiss­heit
  9. Jesus Chris­tus als Mit­tel­punkt der Schriften
  10. Die wah­re Kir­che besteht aus ech­ten Gläubigen.
  11. Per­so­nen­haf­tig­keit des Hei­li­gen Geistes
  12. Auf­ruf der Gläu­bi­gen zu einem hei­li­gen Leben
  13. Die See­len der Gläu­bi­gen gelan­gen unmit­tel­bar beim Tod zu Christus.
  14. das zwei­te Kom­men Jesu vor dem Tau­send­jäh­ri­gen Reich

Wenn die­se Punk­te über wei­te­re Dis­kus­sio­nen erha­ben sein sol­len, bedeu­tet das, dass sie dog­ma­ti­schen Cha­rak­ter haben. Die­se Vor­gangs­wei­se ist in sich noch nicht ver­werf­lich. Wenn man meint, dass das Aner­ken­nen gewis­ser Dog­men Fun­da­men­ta­lis­mus bedeu­tet, muss man alle gro­ßen Kon­fes­sio­nen als fun­da­men­ta­lis­tisch bezeich­nen, da sie – ob sie es so nen­nen oder nicht – Dog­men ver­kün­den und glau­ben. Jedoch nicht die Tat­sa­che, dass jemand Glau­bens­grund­sät­ze for­mu­liert, ist das Pro­blem, son­dern deren Inhal­te. Auch müs­sen wir uns immer bewusst machen, dass alle spä­ter for­mu­lier­ten Glau­bens­be­kennt­nis­se und ‑grund­sät­ze und alle sons­ti­gen For­men der Lehr­ver­kün­di­gung bes­ten­falls Inter­pre­ta­tio­nen der Bibel sind und des­halb nie­mals den­sel­ben nor­ma­ti­ven Cha­rak­ter haben kön­nen wie der Ursprung.

Der ers­te der vier­zehn Punk­te, die Ver­bal­in­spi­ra­ti­on, beinhal­tet die Auf­fas­sung, dass Gott die Schrei­ber der Bibel so inspi­riert habe, dass die­se frei von Irr­tü­mern sei. Dadurch wird ver­ständ­lich, war­um die Ver­tre­ter die­ser Ansicht nicht bereit sind, Wider­sprü­che und Unge­nau­ig­kei­ten in der Schrift als Feh­ler zu bezeichnen.

4 Wört­li­ches Verständnis

Oft wird Ver­bal­in­spi­ra­ti­on mit einem wört­li­chen Ver­ständ­nis der Bibel ver­bun­den, doch ist das nicht ein und das­sel­be. Wenn ein Leh­rer den Schü­lern einen Text dik­tiert, ist damit noch nicht fest­ge­legt, ob es sich um einen Tat­sa­chen­be­richt oder eine Sage han­delt. Genau­so ver­hält es sich auch mit den bibli­schen Tex­ten. Gleich­nis­se, Lehrerzäh­lun­gen und Lie­der könn­ten auf glei­che Wei­se ver­bal inspi­riert sein wie Tatsachenberichte.

Ver­sucht man, die gan­ze Bibel wört­lich zu neh­men, ist man mit vie­len ver­schie­de­nen Pro­ble­men kon­fron­tiert, die sich sofort auf­lö­sen, wenn man ein bild­lich-lite­ra­ri­sches Ver­ständ­nis nicht aus­schließt. Weni­ge Bei­spie­le sol­len genügen.

König Nebu­kad­ne­zar befiehlt in sei­nem Zorn über die drei Freun­de Dani­els, den Ofen sie­ben­mal hei­ßer zu hei­zen als üblich (Dani­el 3,19). Man könn­te nun berech­tig­ter­wei­se fra­gen, wel­cher Brenn­stoff und wel­ches Geblä­se zur Ver­fü­gung stan­den, um dies zu errei­chen, oder wor­aus der Ofen gebaut war, der das aus­hielt, oder ein­fach, ob damals über­haupt eine Tem­pe­ra­tur­ska­la und Mess­in­stru­men­te exis­tier­ten, mit denen man die Ein­hal­tung des Befehls hät­te über­prü­fen kön­nen. Wenn wir dage­gen aner­ken­nen, dass Zah­len in der Bibel (und auch anders­wo) oft in einem sym­bo­li­schen oder bild­li­chen Sin­ne ver­wen­det wer­den, haben wir kei­ne Schwie­rig­keit, die Absicht des Schrei­bers zu erken­nen, näm­lich die Empö­rung des Königs auch mit die­ser Anwei­sung darzustellen.

Das Buch Jesa­ja beschreibt im Kapi­tel 40 ein­mal mehr die unver­gleich­li­che Grö­ße Gottes:

Wer hat das Was­ser gemes­sen mit sei­ner hoh­len Hand und den Him­mel abge­mes­sen mit der Span­ne? Und wer hat den Staub der Erde mit einem Maß erfasst und die Ber­ge mit der Waa­ge gewo­gen, die Hügel mit Waag­scha­len? (Jesa­ja 40,12)

Dach­te denn der Pro­phet im Ernst, Gott hät­te Fin­ger und Hän­de oder benut­ze Hilfs­in­stru­men­te wie Waa­gen und Scha­len? Wir kön­nen die­se Fra­ge getrost mit „Nein“ beant­wor­ten. Gott in mensch­li­cher Wei­se dar­zu­stel­len ist ein Stil­mit­tel, das uns in den bibli­schen Büchern sehr oft begeg­net. Man nennt das Anthro­po­mor­phis­mus. Die Autoren muss­ten Miss­ver­ständ­nis­se bei den Lesern nicht befürch­ten, denn es war den Israe­li­ten klar, dass Gott all­ge­gen­wär­ti­ger und all­mäch­ti­ger Geist ist. So konn­ten sie in sehr anschau­li­cher Wei­se wich­ti­ge geist­li­che Inhal­te vermitteln.

Ein wort­wört­li­ches Ver­ständ­nis wirft aber nicht nur Pro­ble­me auf. Es erge­ben sich auch theo­lo­gi­sche Wider­sprü­che. So heißt es etwa in Gene­sis, dass Gott am sie­ben­ten Tag ruhte:

Und Gott hat­te am sie­ben­ten Tag sein Werk voll­endet, das er gemacht hat­te; und er ruh­te am sie­ben­ten Tag von all sei­nem Werk. Und Gott seg­ne­te den sie­ben­ten Tag und hei­lig­te ihn; denn an dem­sel­ben ruh­te er von all sei­nem Werk, das Gott geschaf­fen hat­te, indem er es mach­te. (Gene­sis 2,2–3)

Aber wie kann Gott ruhen? Die­ses Ruhen am sieb­ten Tag hie­ße doch, dass Gott von der Zeit abhän­gig und ihr damit unter­wor­fen wäre. Damit wäre er aber nicht mehr der Aller­höchs­te, die Zeit stün­de über Ihm. Wir kön­nen aber ganz sicher davon aus­ge­hen, dass der Autor glaub­te und wuss­te, dass Gott der Aller­höchs­te ist. Er woll­te sei­ne Leser auch nicht glau­ben machen, Gott habe am ach­ten Tag die Schöp­fungs­tä­tig­keit fort­ge­setzt und am 14. Tag wie­der­um geruht. Bei einem Tat­sa­chen­be­richt wären sol­che Mut­ma­ßun­gen völ­lig ver­ständ­lich, bei einem in sich abge­schlos­se­nen Bild dage­gen nicht. Die Absicht des Autors lag offen­sicht­lich u. a. dar­in, die Sie­ben-Tage-Woche als Ein­rich­tung Got­tes zu bezeu­gen und vor allem den Sab­bat zu begrün­den. Wir kön­nen bei lite­ra­ri­scher Betrach­tungs­wei­se eini­ge wei­te­re Details ent­de­cken, die uns zei­gen, dass der Autor sei­nen eige­nen Text nicht als Tat­sa­chen­be­richt und dem­zu­fol­ge auch nicht wört­lich ver­stan­den hat (sie­he: Sind die Schöp­fungs­ge­schich­ten Tat­sa­chen­be­rich­te?). Auch Jesus hat die­sen Text nicht auf die­se Wei­se wört­lich ver­stan­den, wenn er an einem Sab­bat sagt:

Mein Vater wirkt bis jetzt und ich wir­ke (Johan­nes 5,17)

und damit das unun­ter­bro­che­ne Han­deln und Heils­han­deln Got­tes dem for­ma­lis­ti­schen Sab­bat­ver­ständ­nis sei­ner Geg­ner gegenüberstellt.

Im ers­ten Buch der Köni­ge kün­digt der Pro­phet Micha ben Jim­la dem König Ahab den Tod in der Schlacht an. Unter ande­rem sagt er ihm Folgendes:

Und Micha sprach: Dar­um höre das Wort des HERRN! Ich sah den HERRN auf sei­nem Thron sit­zen, und das gan­ze Heer des Him­mels stand um ihn, zu sei­ner Rech­ten und zu sei­ner Lin­ken. Und der HERR sprach: Wer will Ahab betö­ren, dass er hin­auf­zieht und bei Ramot in Gilead fällt? Und der eine sag­te dies, und der ande­re sag­te das. Da trat der Geist her­vor und stell­te sich vor den HERRN und sag­te: Ich will ihn betö­ren. Und der HERR sprach zu ihm: Womit? Da sag­te er: Ich will aus­ge­hen und will ein Lügen­geist sein im Mund aller sei­ner Pro­phe­ten. Und er sprach: Du sollst ihn betö­ren und wirst es auch kön­nen. Geh aus und mache es so! (1. Köni­ge 22,19–22)

Hat Micha tat­säch­lich gese­hen und gehört, was er hier sagt? Kön­nen wir anneh­men, dass Gott unter dem Heer des Him­mels einen Wett­be­werb um die bes­ten Ideen initi­iert? Muss der All­wis­sen­de den Geist nach den Details sei­nes Pla­nes fra­gen? Und vor allem: Trach­tet Gott danach, Men­schen ins Unglück zu stür­zen? Sagt er doch so klar:

Soll­te ich wirk­lich Gefal­len haben am Tod des Gott­lo­sen, spricht der Herr, HERR, nicht viel­mehr dar­an, dass er von sei­nen Wegen umkehrt und lebt? (Eze­chi­el 18,23)

Fra­gen wir nun nach dem Sinn von Michas „Visi­on“, so wird deut­lich: Er woll­te den König war­nen, damit die­ser von sei­nen Kriegs­plä­nen ablässt und erkennt, dass all sei­ne „Pro­phe­ten“ Lüg­ner sind, die nur sagen, was ihr Arbeit­ge­ber ihrer Mei­nung nach hören möch­te. Dafür nutz­te er auch das Mit­tel einer Lehr­ge­schich­te. Wir sind über­zeugt, dass die­se wie auch sei­ne übri­gen Gedan­ken von Gott inspi­riert waren, jedoch nicht in dem Sin­ne, dass Gott ihn eine himm­li­sche Rats­ver­samm­lung schau­en ließ und er deren Ergeb­nis an sei­ne Hörer weitergab.

Das Bei­spiel zeigt gut, dass wir stets dar­auf ach­ten sol­len, wor­um es im Text geht, damit wir kei­ne vor­ei­li­gen und fal­schen Schlüs­se zie­hen, ins­be­son­de­re, wenn es um Got­tes Wesen geht. Die Erkennt­nis, dass Gott abso­lut gerecht sowie all­mäch­tig, all­wis­send, all­ge­gen­wär­tig ist, dass also weder Ver­gan­gen­heit noch Zukunft noch irgend etwas ande­res vor ihm ver­bor­gen ist, müs­sen wir bei allen Schrei­bern der Bibel vor­aus­set­zen. So sagt der Psalmist:

Nicht ver­bor­gen war mein Gebein vor dir, als ich gemacht wur­de im Ver­bor­ge­nen, gewo­ben in den Tie­fen der Erde. Mei­ne Urform sahen dei­ne Augen. Und in dein Buch waren sie alle ein­ge­schrie­ben, die Tage, die gebil­det wur­den, als noch kei­ner von ihnen da war. (Psalm 139,15 f.)

Wenn es nun in Gene­sis 6 am Anfang der Sint­flut­erzäh­lung heißt:

Und es reu­te den HERRN, dass er den Men­schen auf der Erde gemacht hat­te, und es beküm­mer­te ihn in sein Herz hin­ein (Gene­sis 6,6)

bedeu­tet das kei­nes­wegs, dass Gott von der Bos­heit der Men­schen über­rascht war, er also davon vor­her nichts gewusst hät­te. Viel­mehr han­delt es sich hier­bei wie­der um einen Anthro­po­mor­phis­mus, mit dem der Schrei­ber das Miss­fal­len Got­tes an der Ent­wick­lung der Mensch­heit aus­drückt. Gott ist nicht ein­ver­stan­den mit dem fort­schrei­ten­den Sün­di­gen der Men­schen, er erwar­tet etwas ganz ande­res. Nicht die Reue Got­tes ist das The­ma, son­dern dass er vom Men­schen das Tun des Guten for­dert. Er, der Gute, hat uns dazu auch die Fähig­keit ver­lie­hen. Han­deln wir böse und ego­is­tisch, wer­den wir eben­falls gerich­tet, wie uns die Geschich­te von der Sint­flut vor Augen füh­ren will. Dies ist nur einer von zahl­rei­chen ande­ren Bele­gen, dass die Leh­re der Prä­de­sti­na­ti­on (sie­he unse­ren Arti­kel über „Vor­her­be­stim­mung – Prä­de­sti­na­ti­on“) unbi­blisch ist, die aber von nicht weni­gen Ver­tre­tern der Ver­bal­in­spi­ra­ti­on gelehrt wird.

5 Ver­bal­in­spi­ra­ti­on

Wie schon erwähnt, ver­steht man unter „Ver­bal­in­spi­ra­ti­on“, dass Gott selbst der Autor der Bibel sei und als Urhe­ber der Inspi­ra­ti­on hin­ter jedem ein­zel­nen Wort im Urtext der Bibel ste­he. Zwar bestrei­ten Ver­tre­ter die­ser Ansicht, dass die Schrei­ber blo­ße Emp­fän­ger eines Dik­tats waren. Es wird aber nicht erklärt, wie man sich deren eige­nen Anteil am Inhalt des Geschrie­be­nen vor­stel­len soll. Die Bibel jeden­falls sei irr­tums­los, nicht nur bezüg­lich der Heils­aus­sa­gen, son­dern auch in allen ande­ren Aspek­ten. Dar­aus erge­ben sich die fol­gen­den Fragen:

5.1 Wel­cher Text ist der ursprüngliche?

Wenn für Gott jedes ein­zel­ne Wort so wich­tig ist, dass er es selbst ein­gibt, soll­ten wir anneh­men, dass er in sei­ner All­macht auch dafür sorgt, dass genau die­ser Text zu allen Zei­ten zur Ver­fü­gung steht oder jeden­falls genau erhal­ten bleibt. Nun gibt es aber von allen bibli­schen Büchern zahl­rei­che Text­va­ri­an­ten. Die aller­meis­ten die­ser Unstim­mig­kei­ten sind inhalt­lich völ­lig belang­los, eini­ge aber zwin­gen uns zu über­le­gen und zu ent­schei­den, wel­cher Text ursprüng­lich ist. Fun­da­men­ta­lis­ten ver­su­chen das Pro­blem zu lösen, indem sie den Mehr­heits­text[1] bevor­zu­gen, und behaup­ten, dies sei der bes­te Text.

Nun wur­den aber die Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments geschrie­ben, an ver­schie­dens­ten Orten kopiert und ver­brei­tet, lan­ge bevor zen­tra­le „Stan­dar­di­sie­rungs­kom­mis­sio­nen“ des Staa­tes oder der mäch­tig gewor­de­nen „Kir­che“ hät­ten Ein­fluss neh­men kön­nen. Des­halb ist es nicht ver­wun­der­lich, dass wir Hand­schrif­ten aus ver­schie­de­nen Zei­ten an vie­len Orten fin­den. Dar­in erken­nen wir, dass den Schrei­bern manch­mal Feh­ler unter­lie­fen oder auch Kor­rek­tu­ren von ihnen vor­ge­nom­men wur­den. Aber war Gott zu schwach, um dafür zu sor­gen, dass sein Wort über alle Zei­ten abso­lut unver­än­dert blieb? Auf­grund des heu­te wis­sen­schaft­lich aus­ge­wer­te­ten Text­be­fun­des kann man zwar oft ziem­lich sicher sagen, wie der ursprüng­li­che Text lau­tet, doch han­delt es sich dabei um Abwä­gun­gen. Außer­dem gibt es immer noch eine Rei­he von Fra­gen, die viel­leicht erst durch wei­te­re Ent­de­ckun­gen bes­ser gelöst wer­den kön­nen. Wir sind jedoch über­zeugt, dass Gott sein Wort wun­der­bar bewahrt hat. Wenn wir auf die Inhal­te der Schrif­ten schau­en, kön­nen wir nur stau­nen, wie gewis­sen­haft die­se wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Lie­gen aber unter­schied­li­che Vari­an­ten des glei­chen Tex­tes vor, ist es vom paläo­gra­fi­schen[2] Stand­punkt her grund­sätz­lich gebo­ten, den älte­ren und kür­ze­ren Les­ar­ten den Vor­zug zu geben. Ein Bei­spiel soll dies verdeutlichen:

Im 1. Johan­nes­brief fin­den wir in jün­ge­ren Hand­schrif­ten und auch im soge­nann­ten Tex­tus Recep­tus[3] eine Stel­le, die als Com­ma Johan­ne­um bezeich­net wird:

Er ist es, der durch Was­ser und Blut gekom­men ist, Jesus der Chris­tus; nicht durch Was­ser allein, son­dern durch Was­ser und Blut. Und der Geist ist es, der Zeug­nis gibt, weil der Geist die Wahr­heit ist. Denn drei sind es, die Zeug­nis able­gen im Him­mel: der Vater, das Wort und der Hei­li­ge Geist, und die­se drei sind eins; und drei sind es, die Zeug­nis able­gen auf der Erde: der Geist und das Was­ser und das Blut, und die drei stim­men über­ein. (1. Johan­nes 5,6–8 aus Schlach­ter 2000)

Der unter­stri­che­ne Teil der Ver­se fehlt in nahe­zu allen grie­chi­schen Hand­schrif­ten. Die aller­meis­ten Abschrei­ber haben gene­rell nicht gewagt, den Text zu ver­än­dern. Absicht­li­che Aus­las­sun­gen sind daher eher unwahr­schein­lich. Zufü­gun­gen tre­ten manch­mal auf, vor allem dort, wo etwa eine Aus­sa­ge Jesu in einem Evan­ge­li­um an eine par­al­le­le, aber doch län­ge­re Aus­sa­ge in einem ande­ren Evan­ge­li­um ange­gli­chen wur­de. Bei vie­len Hand­schrif­ten tre­ten jedoch Rand­glos­sen auf, die spä­ter mit­un­ter mit oder ohne Absicht in den Text ein­ge­fügt wur­den. Es ist daher wahr­schein­lich, dass jemand im Lau­fe des Über­lie­fe­rungs­pro­zes­ses die im obi­gen Zitat unter­stri­che­ne Aus­sa­ge für geeig­net hielt, sie als wört­li­chen Beleg für die Drei­ein­heit ein­zu­fü­gen, obwohl das Neue Tes­ta­ment die­se Leh­re ohne­hin klar genug bezeugt. Dage­gen muss man es als unmög­lich betrach­ten, dass die­se Aus­sa­ge tat­säch­lich von Johan­nes stammt, ein oder meh­re­re Abschrei­ber sie aber aus­lie­ßen. Wir betrach­ten es als Zei­chen von Got­tes Wach­sam­keit über den Text, dass sol­che Zufü­gun­gen nicht uner­kannt blei­ben. Davon fin­det man im Mehr­heits­text noch wei­te­re Bei­spie­le. Es ent­spricht daher nicht den Tat­sa­chen, dass er dem Urtext am nächs­ten komme.

5.2 Wor­in besteht der Anteil der Schreiber?

Wir sind aber vor allem des­halb davon über­zeugt, dass die Ver­bal­in­spi­ra­ti­on abzu­leh­nen ist, weil bei die­ser Ansicht ein äußerst wich­ti­ger Umstand in dem Ver­hält­nis zwi­schen Gott und Mensch igno­riert wird: Der Anteil des Men­schen am Ent­ste­hen der Hei­li­gen Schrift wird auf das blo­ße Schrei­ben redu­ziert. Der Mensch, das Eben­bild Got­tes, mit frei­em Wil­len und Ent­schei­dungs­ho­heit aus­ge­rüs­tet – ein wil­len­lo­ser Schreib­ge­hil­fe? Zei­gen nicht z. B. die Psal­men und die Pro­phe­ten­bü­cher, wie stark die Kom­mu­ni­ka­ti­on des Men­schen mit Gott ist? Wor­te der Sehn­sucht und der Angst, der Trau­er und der Freu­de, auch Gebe­te der Gläu­bi­gen for­men einen Groß­teil der hei­li­gen Schrif­ten. Die Bibel ist damit das größ­te Zeug­nis von der Bezie­hung zwi­schen Mensch und Gott. Die Annah­me, Gott hät­te Davids Buß­psal­men (z. B. Psalm 51), Jere­mi­as Wor­te über sei­ne inne­ren Kämp­fe (Jere­mia 20,7–9 und 14–18) oder die stren­gen und „in Tor­heit“ geschrie­be­nen Ermah­nun­gen des Pau­lus an die Korin­ther Wort für Wort ein­ge­ge­ben, ist daher wider­sin­nig. Dies sind deren Wor­te. Die Rea­li­tät von Got­tes Lie­be wird gera­de durch den Eifer und die Hin­ga­be der Gläu­bi­gen deut­lich – und das beson­ders in Got­tes Wort. Gott gab uns die Wil­lens­frei­heit, damit wir ihn von gan­zem Her­zen lie­ben. Mit die­sem frei­en Wil­len und dem uns gege­be­nen Ver­stand sol­len wir Gott erken­nen. Wenn wir ihn erkannt haben – was wir ins­be­son­de­re bei den Autoren der Schrif­ten vor­aus­set­zen kön­nen – wird die­ser Ver­stand nicht ver­nach­läs­sigt, son­dern kommt erst rich­tig zur Gel­tung. Gott schenkt allen Gläu­bi­gen – und gab ins­be­son­de­re den Schrei­bern der Bibel – geist­li­che Erkennt­nis­se und Gedan­ken, mit denen sie dann ver­stän­dig und ver­ant­wort­lich umge­hen müs­sen. Zu die­sem ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang gehört, dass Gott die gestal­te­ri­sche Frei­heit des Autors akzep­tiert. Das gan­ze Umfeld, in dem er gelebt hat, sei­ne Kul­tur, Spra­che, Ver­gan­gen­heit, sei­ne gan­ze Indi­vi­dua­li­tät haben beein­flusst, wie er die von Gott gege­be­nen Gedan­ken zu Papier gebracht hat, so dass dann der Bibel­text dar­aus ent­stan­den ist.

5.3 Gibt es ech­te Wider­sprü­che in der Bibel?

Haupt­säu­le des Fun­da­men­ta­lis­mus ist die völ­li­ge Irr­tums­lo­sig­keit der Bibel. Daher wen­den ihre Ver­fech­ter viel Mühe auf, um alle Span­nun­gen und Wider­sprü­che auf­zu­lö­sen. In schwie­ri­gen Fäl­len wird auch behaup­tet, dass der Man­gel nicht auf­sei­ten der Bibel, son­dern auf­sei­ten der Inter­pre­ten läge.

Wir wol­len im Fol­gen­den zei­gen, dass dies ein grund­sätz­lich pro­ble­ma­ti­scher Ansatz ist. Es ist nicht das Ziel in unse­rem Umgang mit der Schrift, Feh­ler zu suchen. Aller­dings wol­len wir vor Wider­sprü­chen und Über­trei­bun­gen nicht die Augen ver­schlie­ßen. Natür­lich hat Gott der­ar­ti­ges nicht gewollt, aber er hat es zuge­las­sen und in Kauf genom­men. Es ist ein Gebot der Ehr­lich­keit, real wider­sprüch­li­che Inhal­te nicht ein­fach zu igno­rie­ren oder mit Schein­ar­gu­men­ten weg­zu­er­klä­ren. Gott will, dass wir mit rei­nem Her­zen und kla­rem Ver­stand den Sinn sei­ner Offen­ba­rung erken­nen, d. h. das Wesent­li­che erken­nen. Unge­reimt­hei­ten und Feh­ler sind natür­lich auf die Schrei­ber zurück­zu­füh­ren, die sich selbst bestimmt nicht als unfehl­bar betrach­tet hät­ten. Erkennt man das an, ver­liert nicht die Bibel ihre Auto­ri­tät, wohl aber das Kon­zept der Ver­bal­in­spi­ra­ti­on sei­ne Glaubwürdigkeit.

6 Wider­sprü­che in der Schrift

Da es in der Bibel eine Rei­he von Par­al­lel­über­lie­fe­run­gen gibt, ist es mög­lich, in sol­chen Büchern schein­ba­re oder auch wirk­li­che Wider­sprü­che, z. B. über geschicht­li­che Bege­ben­hei­ten, zu rech­nen. So wird der Tod des Königs Ahas­ja in 2. Köni­ge 9 und 2. Chro­nik 22 unter­schied­lich geschildert:

Als Ahas­ja, der König von Juda, das sah, floh er in Rich­tung Bet-Gan. Jehu aber jag­te ihm nach und sag­te: Auch ihn! Und man ver­wun­de­te ihn auf dem Wagen beim Anstieg von Gur, das bei Jibleam liegt. Und er floh nach Megid­do und starb dort. (2. Köni­ge 9,27)

Und es geschah, als Jehu an dem Haus Ahabs Gericht übte, da traf er die Obers­ten von Juda und die Söh­ne der Brü­der Ahas­jas, die im Dienst Ahas­jas stan­den; und er brach­te sie um. Und er such­te Ahas­ja, und man nahm ihn gefan­gen, als er sich in Sama­ria ver­steckt hielt; und sie brach­ten ihn zu Jehu und töte­ten ihn. Und sie begru­ben ihn, denn sie sag­ten: Er ist ein Sohn Joscha­fats, der den HERRN mit sei­nem gan­zen Her­zen gesucht hat. Und das Haus Ahas­jas hat­te nie­mand mehr, der zum König­tum fähig gewe­sen wäre. (2. Chro­nik 22,8–9)

In letzt­ge­nann­ter Stel­le wird also berich­tet, dass er von Jehu in Sama­ria gefan­gen genom­men und hin­ge­rich­tet wur­de, 2. Köni­ge 9,27 hin­ge­gen sagt, dass er auf der Flucht töd­lich ver­letzt wur­de und dann in Megid­do starb. Es hat nichts mit dem Über­he­ben des Men­schen über Got­tes Wort zu tun, wenn wir behaup­ten, es kön­ne nur so oder so gewe­sen sein. Wenn wir anneh­men, dass die bei­den Schrei­ber unter­schied­li­che Infor­ma­ti­ons­quel­len zur Ver­fü­gung hat­ten, kön­nen wir zwar nicht den Wider­spruch auf­lö­sen, wohl aber erklä­ren, wie er zustan­de kam. Es ist üblich, dass geschicht­li­che Ereig­nis­se erst durch Augen– und Ohren­zeu­gen wei­ter­ge­ge­ben wer­den, bevor sie von Schrei­bern schrift­lich fixiert wer­den. Es ist auch nicht unge­wöhn­lich, dass die­se Zeu­gen manch­mal Details ver­wech­seln oder gar ver­ges­sen. Neh­men wir also an, dass Gott Geschich­te schreibt, indem er das Berich­ten den Men­schen über­lässt, die an ihn glau­ben und sein Wir­ken in der Geschich­te sehen. So müs­sen wir uns über sol­che Unge­nau­ig­kei­ten nicht wun­dern. Im Gegen­teil: Sol­che Stel­len kön­nen uns hel­fen zu ver­ste­hen, wie die Tex­te der Bibel entstanden.

Neben den Unter­schie­den, die nur auf­grund unter­schied­li­cher Quel­len zustan­de kamen, fin­den sich auch sol­che, bei denen wir bestimm­te Absich­ten der Schrei­ber erken­nen können.

Ein ein­fa­ches Bei­spiel liegt im Stamm­baum Jesu nach Mat­thä­us vor. In sei­ner Absicht, die Zeit von Abra­ham bis Jesus mit drei Peri­oden zu je 14 Gene­ra­tio­nen zu fül­len, ent­schied er sich, eini­ge Vor­fah­ren Jesu aus­zu­las­sen bzw. einen davon dop­pelt zu zäh­len. Wir beschrän­ken uns bei der Wie­der­ga­be auf die für unse­ren Zweck rele­van­ten Verse:

Buch des Ursprungs Jesu Chris­ti, des Soh­nes Davids, des Soh­nes Abra­hams. Abra­ham zeug­te Isaak, Isaak aber zeug­te Jakob […] Isai aber zeug­te David, den König, David aber zeug­te Salo­mo […] Joscha­fat aber zeug­te Jor­am, Jor­am aber zeug­te Usi­ja, Usi­ja aber zeug­te Jotam, Jotam aber zeug­te Ahas, […] Josia aber zeug­te Joja­chin und sei­ne Brü­der um die Zeit der Weg­füh­rung nach Baby­lon. Nach der Weg­füh­rung nach Baby­lon aber zeug­te Joja­chin Scheal­tiël, […] Jakob aber zeug­te Josef, den Mann Mari­as, von wel­cher Jesus gebo­ren wur­de, der Chris­tus genannt wird. So sind nun alle Geschlech­ter von Abra­ham bis auf David vier­zehn Geschlech­ter und von David bis zur Weg­füh­rung nach Baby­lon vier­zehn Geschlech­ter und von der Weg­füh­rung nach Baby­lon bis auf den Chris­tus vier­zehn Geschlech­ter. (Mat­thä­us 1,1–17)

Es ent­spricht nicht den Tat­sa­chen – und Mat­thä­us wuss­te dies –, dass Jor­am Usi­ja zeug­te. Sowohl das Buch der Köni­ge als auch die Chro­nik zei­gen, dass König Jor­am, der Sohn Joscha­fats, nicht der Vater Usi­jas war, son­dern des­sen Urur­groß­va­ter. Jor­am regier­te von 848 – 841 v. Chr., es folg­ten ihm nach­ein­an­der sein Sohn Aha­si­ja, sein Enkel Joasch und sein Uren­kel Amaz­ja auf dem Thron, ehe sein Urur­en­kel Usi­ja um 792 als Mit­re­gent den Königs­thron bestieg. War­um Mat­thä­us gera­de jene drei Köni­ge aus­ließ, wol­len wir hier nicht erör­tern. Nur soviel: Hät­te er die beson­ders nega­ti­ven Köni­ge aus­klam­mern wol­len, hät­ten ihm in Reha­beam, Ahas und Manas­se drei beson­ders geeig­ne­te Kan­di­da­ten zur Ver­fü­gung gestan­den. Sein Fokus lag aber nicht dar­auf, son­dern auf 14 Gene­ra­tio­nen. Dies führt ihn auch dazu, Joja­chin sowohl als letz­ten der zwei­ten als auch als ers­ten der drit­ten Peri­ode zu zäh­len. War­um ihm die Zahl 14 so wich­tig war, ist ver­mut­lich dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass ein jüdi­scher Leser in den drei hebräi­schen Buch­sta­ben des Namens David (DWD = 4+6+4) den Zah­len­wert 14 sah.[4]

Unab­hän­gig davon, ob die­se Inter­pre­ta­ti­on zutrifft oder nicht, kön­nen wir doch sehr deut­lich den mensch­li­chen Anteil an die­sem Abschnitt der Schrift erkennen.

Auf­grund der Ähn­lich­keit der drei syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en fal­len Unter­schie­de beson­ders leicht auf. Oft sind die­se nicht wider­sprüch­lich. In eini­gen Fäl­len aber, vor allem wenn es sich zwei­fels­frei um die glei­che Situa­ti­on han­delt, kom­men wir nicht umhin, eine Vari­an­te als unge­nau zu bezeich­nen. Ein sol­ches Bei­spiel liegt bei der Auf­er­we­ckung der Toch­ter des Jai­rus vor.

Mar­kus beschreibt die­se Bege­ben­heit sehr detail­liert (Mar­kus 5,21–43). Jai­rus drängt Jesus zu kom­men, sei­ne Toch­ter zu hei­len, da die­se im Ster­ben liegt und daher Eile gebo­ten ist. Als Jesus durch die am Blut­fluss lei­den­de Frau auf­ge­hal­ten wird, ver­stirbt die Toch­ter unter­des­sen. Boten sagen dies an und mei­nen, Jesus bräuch­te nicht mehr zu kommen.

Die glei­che Situa­ti­on wird von Mat­thä­us wesent­lich kür­zer geschil­dert (Mat­thä­us 9,18–26). Vie­le Details ent­fal­len bei ihm. Dass Jai­rus Jesus jedoch um Auf­er­we­ckung sei­ner eben ver­stor­be­nen Toch­ter bit­tet, steht im kla­ren Wider­spruch zum Mar­kus­text. Mehr noch, gera­de der span­nen­de Punkt in der genau­en Dar­stel­lung des Mar­kus ent­fällt, denn eine Toten­auf­er­we­ckung hat­ten weder Jai­rus noch ande­re Betei­lig­te für mög­lich gehal­ten. Ob nun Mat­thä­us die Geschich­te aus eige­nem Ermes­sen kürz­te oder sei­ne Quel­le anders lau­te­te als die des Mar­kus, kön­nen und wol­len wir hier nicht ent­schei­den. In jedem Fal­le han­delt es sich um einen nicht har­mo­ni­sier­ba­ren Unter­schied, der auf mensch­li­chen Ein­fluss auf die Schrift zurück­zu­füh­ren ist.

Ein wei­te­res Bei­spiel: Die drei syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en ent­hal­ten im Gegen­satz zum Johan­nes­evan­ge­li­um weni­ge Anga­ben über Zeit­punk­te und Orte der berich­te­ten Gescheh­nis­se um Jesus. Mar­kus, der sein Evan­ge­li­um sehr wahr­schein­lich als Ers­ter schrieb, erzählt das Wir­ken Jesu in einem sehr ein­fa­chen Rah­men. Nach ihm scheint es, dass sich Jesus die längs­te Zeit in Gali­läa und des­sen Umge­bung auf­hielt und nur kurz vor sei­nem Tod nach Jeru­sa­lem kam. Obwohl wir nicht behaup­ten wol­len, dass es eine direk­te lite­ra­ri­sche Abhän­gig­keit unter den Syn­op­ti­kern gibt, kön­nen wir den­noch sagen, dass Mat­thä­us und Lukas Mar­kus dar­in folgten.

Die Ten­denz zur Ver­ein­fa­chung führt unter ande­rem dazu, dass man gemäß Mar­kus und Mat­thä­us den­ken muss, Jesus hät­te erst nach der Ver­haf­tung Johan­nes des Täu­fers mit sei­nem öffent­li­chen Wir­ken in Gali­läa begonnen:

Und nach­dem Johan­nes über­lie­fert war, kam Jesus nach Gali­läa und pre­dig­te das Evan­ge­li­um Got­tes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Got­tes ist nahe gekom­men. Tut Buße und glaubt an das Evan­ge­li­um! (Mar­kus 1,14 f.)

Aus dem Johan­nes­evan­ge­li­um erfah­ren wir aber, dass der Täu­fer erst nach dem ers­ten Auf­tre­ten Jesu in Gali­läa und des­sen ers­ten Jeru­salem­be­such ins Gefäng­nis kam. Der Evan­ge­list weist dar­auf sogar aus­drück­lich hin:

Danach kamen Jesus und sei­ne Jün­ger in das Land Judäa, und dort ver­weil­te er mit ihnen und tauf­te. Aber auch Johan­nes tauf­te zu Änon, nahe bei Salim, weil dort viel Was­ser war; und sie kamen hin und wur­den getauft. Denn Johan­nes war noch nicht ins Gefäng­nis gewor­fen. (Johan­nes 3,22–24)

Der letz­te Satz hat ein­deu­tig Kor­rek­tur­cha­rak­ter. Nir­gend­wo im Johan­nes­evan­ge­li­um erfah­ren wir von dem Kon­flikt zwi­schen Hero­des Anti­pas und Johan­nes dem Täu­fer, des­sen Inhaf­tie­rung und Ermor­dung. Johan­nes setzt viel­mehr vor­aus, dass sei­ne Leser dies alles aus ande­ren Evan­ge­li­en wis­sen. Als ein­zig sinn­vol­le Erklä­rung für Vers 24 ver­bleibt, dass der Evan­ge­list die unge­naue Anga­be aus Mat­thä­us und Mar­kus rich­tig­stellt, ohne damit sagen zu wol­len, die­se hät­ten es nicht bes­ser gewusst. Der Apos­tel Johan­nes bau­te sein Evan­ge­li­um ganz anders auf. Sei­ne chro­no­lo­gi­schen und topo­gra­phi­schen Anga­ben ermög­li­chen einen wesent­lich bes­se­ren Ein­blick in den äuße­ren Ablauf des Wir­kens Jesu. So hat er sei­ne Leser auch wis­sen las­sen, dass man­che Details in den bereits vor­lie­gen­den Evan­ge­li­en nicht in der tat­säch­li­chen zeit­li­chen Rei­hen­fol­ge berich­tet werden.

Ein wei­te­res Bei­spiel ist der Zeit­punkt der Kreu­zi­gung. Mar­kus schreibt, dass die­se in der drit­ten Stun­de durch­ge­führt wur­de, d. h. also zwi­schen 8 und 9 Uhr.

Es war aber die drit­te Stun­de, und sie kreu­zig­ten ihn. (Mar­kus 15,25)

Johan­nes aber, der mehr als ein Drit­tel sei­nes Evan­ge­li­ums den Ereig­nis­sen vom Vor­abend der Kreu­zi­gung bis hin zur Auf­er­ste­hung wid­met und des­sen Schil­de­rung des Pro­zes­ses vor Pila­tus viel genau­er ist als bei den Syn­op­ti­kern, sagt, dass das Urteil über Jesus erst um die Mit­tags­zeit erging:

Als nun Pila­tus die­se Wor­te hör­te, führ­te er Jesus hin­aus und setz­te sich auf den Rich­ter­stuhl an einen Ort, genannt Stein­pflas­ter, auf Hebrä­isch aber Gab­ba­ta. Es war aber Rüst­tag des Pas­sah; es war um die sechs­te Stun­de. Und er spricht zu den Juden: Sie­he, euer König! Sie aber schrien: Weg, weg! Kreu­zi­ge ihn! Pila­tus spricht zu ihnen: Euren König soll ich kreu­zi­gen? Die Hohen­pries­ter ant­wor­te­ten: Wir haben kei­nen König außer dem Kai­ser. Dann nun lie­fer­te er ihn an sie aus, dass er gekreu­zigt wür­de. Sie aber nah­men Jesus hin und führ­ten ihn fort. (Johan­nes 19,13–16)

Mit­un­ter wird ange­nom­men, dass Mar­kus „die sechs­te Stun­de“ schrieb, aber auf­grund eines Abschreib­feh­lers dar­aus „die drit­te Stun­de“ wur­de. Dies ist aber unwahr­schein­lich, da den Syn­op­ti­kern zufol­ge Jesus schon eine Zeit­lang am Kreuz litt, bevor von der sechs­ten bis zur neun­ten Stun­de eine Fins­ter­nis über das Land her­ein­brach. Eher müs­sen wir anneh­men, dass die Zeit­an­ga­ben meist grob vor­ge­nom­men wur­den und Mar­kus das ein­fa­che Mus­ter drit­te, sechs­te, neun­te Stun­de anwand­te. Die Fül­le der Ereig­nis­se an jenem Tag legt zumin­dest nahe, dass die zeit­li­che Ein­ord­nung von Johan­nes für das letzt­end­li­che Nach­ge­ben des Pila­tus rea­lis­tisch ist.

Obwohl die­se Unter­schie­de neben­säch­lich sind und in kei­ner Wei­se die His­to­ri­zi­tät Jesu oder die Glaub­wür­dig­keit der Evan­ge­li­en erschüt­tern, wird doch deut­lich, dass das Prä­di­kat „abso­lut feh­ler­frei“ nicht ver­ge­ben wer­den kann. Die­se klei­ne Aus­wahl von feh­ler­haf­ten oder miss­ver­ständ­li­chen Anga­ben jedoch soll genü­gen, die Unhalt­bar­keit des fun­da­men­ta­lis­ti­schen Inspi­ra­ti­ons­ver­stän­dis­ses zu zeigen.

7 Der Kreationismus

Es gibt eine Lite­ra­tur­gat­tung, die wir in der Bibel nicht fin­den: das Sach­buch. Die­ses wur­de erst vor etwa 300 Jah­ren ein­ge­führt. Wis­sen­schaft­li­che Wer­ke aus frü­he­rer Zeit haben immer auch lite­ra­ri­schen, phi­lo­so­phi­schen oder reli­giö­sen Cha­rak­ter. Natür­lich haben auch die Israe­li­ten und somit auch die bibli­schen Schrei­ber ihre damals übli­chen Beob­ach­tun­gen der Natur auf­ge­schrie­ben. Wir sol­len aber nicht anneh­men, dass sie dies auch nur halb­wegs voll­stän­dig oder gar sys­te­ma­tisch taten. Auch qua­li­ta­ti­ves und quan­ti­ta­ti­ves Erfas­sen und Beschrei­ben von Natur­phä­no­me­nen fin­den wir nicht. Schon allei­ne dar­aus kön­nen wir erken­nen, dass sie gar nicht als Natur­wis­sen­schaft in unse­rem Sinn gedacht sind. Man könn­te sie allen­falls als vor­wis­sen­schaft­li­che Beob­ach­tun­gen bezeichnen.

Die moder­ne Natur­wis­sen­schaft ent­wi­ckel­te sich erst im Zuge der Auf­klä­rung. Lei­der begrün­den seit­her nicht weni­ge Men­schen ihre athe­is­ti­sche Lebens­auf­fas­sung mit den Ergeb­nis­sen der For­schung, obwohl bekannt ist, dass vie­le Natur­for­scher The­is­ten waren und sind. Wenn wir uns die Auf­ga­ben und Gren­zen der Natur­wis­sen­schaf­ten vor Augen hal­ten, wer­den wir leicht erken­nen, dass die­se weder Gott noch die Bot­schaft der Bibel wider­legt haben. Der heu­te so oft dis­ku­tier­te Wider­spruch zwi­schen Wis­sen­schaft und Glau­be exis­tiert in Wahr­heit nicht. Des­halb ist auch die Gegen­über­stel­lung „Schöp­fung oder Evo­lu­ti­on“ Ergeb­nis von unsach­ge­mä­ßer Anwen­dung sowohl der Bibel als auch der For­schung. Kein ernst­haf­ter For­scher wird jemals mit wis­sen­schaft­li­chen Mit­teln zu bewei­sen suchen, dass das Uni­ver­sum und das Leben ohne Gott aus rein natür­li­chen Ursa­chen zufäl­lig ent­stand. Die Fra­ge nach dem Grund der Exis­tenz ist kei­ne natur­wis­sen­schaft­li­che, son­dern eine phi­lo­so­phi­sche. Wenn wir akzep­tie­ren, dass Gott uns mit der Bibel kei­ne theo­re­ti­schen Kennt­nis­se über die Natur ver­mit­teln will, son­dern sein Wesen und sei­nen Plan für uns offen­bart, öff­net uns das auch die Augen für die wesent­li­chen Inhal­te. Berech­net man das Alter der Erde oder den ers­ten Schöp­fungs­tag aus der Bibel, stellt man sich damit auf die glei­che Stu­fe wie „For­scher“, die anhand ihrer wis­sen­schaft­li­chen Tätig­keit mei­nen zu wis­sen, dass Gott nicht existiere.

Wir alle kön­nen im All­tag leicht unter­schei­den, was buch­stäb­lich zu ver­ste­hen ist und was nicht. Auch den alten Hebrä­ern müs­sen wir die­se Fähig­keit zuge­ste­hen. Sie wuss­ten, dass der Regen aus den Wol­ken kommt. Wenn es in der Sint­flut­erzäh­lung heißt, dass die Fens­ter des Him­mels sich öff­ne­ten, haben wir kei­nen Grund anzu­neh­men, dass dies wört­lich gemeint und ver­stan­den wurde.

Wir fin­den vie­le Aus­drü­cke, die einen anschau­li­chen Cha­rak­ter zu haben schei­nen, tat­säch­lich aber eher funk­tio­nal gemeint sind:

So spricht der HERR: Der Him­mel ist mein Thron und die Erde der Sche­mel mei­ner Füße. Wo wäre denn das Haus, das ihr mir bau­en könn­tet, und wo denn der Ort mei­nes Ruhe­sit­zes? (Jesa­ja 66,1)

Wir sol­len nicht mei­nen, die Israe­li­ten hät­ten die pri­mi­ti­ve Vor­stel­lung gehabt, dass Gott auf einem Thron im Him­mel säße und sei­ne Füße auf der Erde abstell­te. Viel­mehr geht es um Got­tes Grö­ße und dar­um, dass die Erde, die uns so groß erscheint, für ihn nur wie ein Fuß­sche­mel ist. Das Ziel der Autoren ist die Ver­herr­li­chung Got­tes und die Ermun­te­rung zum Glau­ben an ihn. Wenn wir die Bibel ernst neh­men wol­len, müs­sen wir uns über­le­gen, wie wir zum rich­ti­gen Ver­ständ­nis der Tex­te kom­men. Beim ers­ten Lesen einer Stel­le geht jeder mit einem bestimm­ten Grund­ver­ständ­nis her­an: einer mit einem eher wört­li­chen, ein ande­rer mit einem eher lite­ra­ri­schen. Das ist ganz natür­lich. Doch dür­fen wir uns nicht im Vor­aus dar­auf fest­le­gen, son­dern sol­len prü­fen, ob unser anfäng­li­ches Ver­ständ­nis dem Text ent­spricht. An vie­len Stel­len der Bibel kön­nen wir Sät­ze wie die fol­gen­den lesen:

In Ewig­keit, HERR, steht dein Wort fest im Him­mel. Von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on währt dei­ne Treue. Du hast die Erde gegrün­det, und sie steht. (Psalm 119,89–90)

Er hat die Erde gegrün­det auf ihre Grund­fes­ten. Sie wird nicht wan­ken immer und ewig. (Psalm 104,5)

Woll­te Gott uns durch die Psal­mis­ten mit­tei­len, wie die Erde auf­ge­baut ist? Ging es ihnen nicht viel­mehr um das Lob der Weis­heit und Uner­schüt­ter­lich­keit Got­tes? Er hat­te nicht die Absicht, den Schrei­bern Wis­sen über die Natur zu offen­ba­ren, um damit den Vor­stel­lun­gen und dem Wis­sens­stand der Men­schen der Neu­zeit ent­ge­gen­zu­kom­men. Zu sagen, dass die Erde auf Säu­len steht, war weder ein Erfah­rungs­wert noch Dog­ma. Nie­mand hat­te die­se Säu­len jemals gese­hen und nie­mand behaup­te­te als wis­sen­schaft­li­che Hypo­the­se deren Exis­tenz. Aber wie ein gut gegrün­de­tes Haus steht die Erde fest und ist daher gut geeig­net, um dar­auf zu woh­nen. Die Fol­gen des fun­da­men­ta­lis­ti­schen Ver­ständ­nis­ses sol­cher Ver­se sind hin­läng­lich bekannt. Natur­for­scher wie Gali­leo Gali­lei wur­den gezwun­gen, ihre gewon­ne­nen Erkennt­nis­se zu ver­schwei­gen oder zu ver­leug­nen. Den „Ver­tei­di­gern“ der Bibel ging es dabei nicht um Got­tes Ehre. Hät­ten sie die­se gesucht und Got­tes Wort ver­ste­hen wol­len, hät­ten sie zu aller­erst ihre eige­ne unbi­bli­sche Insti­tu­ti­on besei­tigt samt aller Heu­che­lei und Gott­lo­sig­keit, die von ihren Füh­rern ausging.

Der Him­mel erzählt die Herr­lich­keit Got­tes, und das Him­mels­ge­wöl­be ver­kün­det sei­ner Hän­de Werk. Ein Tag spru­delt dem ande­ren Kun­de zu, und eine Nacht mel­det der ande­ren Kennt­nis – ohne Rede und ohne Wor­te, mit unhör­ba­rer Stim­me. Ihre Mess­schnur geht aus über die gan­ze Erde und bis an das Ende der Welt ihre Spra­che. Dort hat er der Son­ne ein Zelt gesetzt. Und sie, wie ein Bräu­ti­gam aus sei­nem Gemach tritt sie her­vor; sie freut sich wie ein Held, die Bahn zu durch­lau­fen. Vom Ende des Him­mels geht sie aus und läuft um bis an sein Ende; nichts ist vor ihrer Glut ver­bor­gen. (Psalm 19,2–8)

Natür­lich müs­sen wir aner­ken­nen, dass die meis­ten Men­schen des Alter­tums von einer fla­chen Erde aus­gin­gen und den helio­zen­tri­schen Auf­bau unse­res Pla­ne­ten­sys­tems nicht kann­ten. Man kann ihnen nicht vor­wer­fen, dass sie kei­ne Vor­stel­lung von einer Erde hat­ten, die als Kugel im luft­lee­ren Raum im Abstand von ca. 150 Mil­lio­nen km mit einer Geschwin­dig­keit von ca. 107.000 km/h um die Son­ne kreist und noch dazu mit rund 1.600 km/h (am Äqua­tor) um die eige­ne Ach­se rotiert. Es gab zwar Men­schen, die die Kugel­form der Erde und sogar ihre unge­fäh­re Grö­ße erkann­ten. Aber das war Spe­zi­al­wis­sen eini­ger weni­ger. Wer von uns wäre schon auf die­sen Gedan­ken gekom­men? Es ist daher ohne Zwei­fel rich­tig, zu sagen, dass vie­le Bil­der und Aus­drü­cke in der Bibel for­mal dem heu­ti­gen wis­sen­schaft­lich-empi­ri­schen Welt­bild wider­spre­chen. Wer ande­res behaup­tet, tut dies nicht auf­grund objek­ti­ver Betrach­tung des Tex­tes, son­dern wegen des Dog­mas der Unfehl­bar­keit der Schrift. Die Ansicht, Gott sei für alle Aus­sa­gen, ja alle Wör­ter ver­ant­wort­lich, lässt es eben nicht zu, Wesent­li­ches von Unwe­sent­li­chem zu tren­nen. Auch hier­bei geht es nicht um Got­tes Ehre.

Auch Jesus leg­te kei­nen Wert auf wis­sen­schaft­lich-kor­rek­te Formulierungen:

Eine Köni­gin des Südens wird auf­tre­ten im Gericht mit den Män­nern die­ses Geschlechts und wird sie ver­dam­men; denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weis­heit Salo­mos zu hören; und sie­he, hier ist mehr als Salo­mo. (Lukas 11,31)

Sie kam tat­säch­lich von sehr weit her – näm­lich aus Saba, was man übli­cher­wei­se mit dem Gebiet des heu­ti­gen Jemen gleich­setzt. Wahr­schein­lich war damals kei­ne Gegend bekannt, die süd­li­cher lag. Stellt man sich nun die Erde als Glo­bus vor, scheint die For­mu­lie­rung „die Enden der Erde“ irgend­wie fehl am Platz. Aber Jesus woll­te gar nicht leh­ren, dass es Enden der Erde gäbe, oder wo sich die­se befän­den, oder dass die Erde eine Schei­be mit bestimm­ten Aus­ma­ßen sei. Er warn­te aber sei­ne Zuhö­rer, nicht im Unglau­ben zu ver­har­ren. Das Welt­bild spielt dabei kei­ne Rol­le. Trotz vie­ler Aus­sa­gen, die die Vor­stel­lung der Erde als eine von den Gestir­nen umkreis­te Schei­be erken­nen las­sen, kann man nicht sagen, dass die Bibel das geo­zen­tri­sche Welt­bild leh­re. Will man aber von einem Welt­bild in ihr spre­chen, müss­te man die­ses „theo­zen­trisch“ nen­nen. Gott ist Mit­tel­punkt, er ist Anfang und Ende, ihm ver­dan­ken wir alles und kraft sei­nes Wil­lens erschuf er alles aus dem Nichts. Des­halb gebührt nur ihm die Ehre, des­halb soll unser Leben nur zu sei­ner Ehre gelebt wer­den. Das ist die fun­da­men­ta­le Bot­schaft der Schrift. Und so beginnt sie auch.

8 Sind die Schöp­fungs­ge­schich­ten Tatsachenberichte?

Beson­de­res Augen­merk legen Krea­tio­nis­ten dar­auf, die ers­ten elf Kapi­tel des Buches Gene­sis in Ein­klang mit der Natur­wis­sen­schaft zu brin­gen. Gleich­wohl gibt es unter ihnen kei­ne Ein­heit im Detail. Soge­nann­te Alte-Erde-Krea­tio­nis­ten wol­len das von Wis­sen­schaft­lern ermit­tel­te Alter der Erde nicht in Fra­ge stel­len, wäh­rend die­ses nach Mei­nung von Jun­ge-Erde-Krea­tio­nis­ten maxi­mal 6.000 bis 10.000 Jah­re beträgt. Für vie­le Fun­da­men­ta­lis­ten ist es selbst­ver­ständ­lich, die Sechs-Tage-Schöp­fung buch­stäb­lich zu ver­ste­hen, ande­re hin­ge­gen sagen, die Tage stün­den für unde­fi­niert lan­ge Zeit­räu­me. Man­che wie­der­um beru­fen sich auf einen Vers aus Psalm 90, um für den Schöp­fungs­akt einen Zeit­raum von immer­hin 6.000 Jah­ren zu gewinnen:

Denn tau­send Jah­re sind in dei­nen Augen wie der gest­ri­ge Tag, wenn er ver­gan­gen ist, und wie eine Wache in der Nacht. (Psalm 90,4)

Die Anwen­dung die­ses Ver­ses in die­ser Wei­se offen­bart, dass man nimmt, was man fin­den kann, aber so am Sinn der Aus­sa­ge vor­bei­geht. Der Psal­mist will zei­gen, dass Gott über der Zeit steht. Ein Grie­che hät­te viel­leicht von der Zeit­lo­sig­keit bei Gott gespro­chen, aber sol­che abs­trak­ten Begrif­fe waren den Hebrä­ern fremd.

Wie sol­len wir nun die ers­ten Kapi­tel der Bibel ver­ste­hen? Ihre wört­li­che Aus­le­gung führt zu gra­vie­ren­den Wider­sprü­chen zu all­ge­mein aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen. Der Him­mel ist kein Gewöl­be, das sich über die Erde erstreckt. Wir schau­en in den lee­ren Raum. Die Son­ne muss schon vor der Erde exis­tiert haben und kann daher nicht „erst“ am vier­ten Tag erschaf­fen wor­den sein. Das Licht, das den Tag zum Tag macht, kommt ein­zig und allein von der Sonne.

Nur wenn wir aner­ken­nen, dass Gott uns geist­lich wich­ti­ge Bot­schaf­ten geben und uns nicht über ein „Wie“ oder eine Rei­hen­fol­ge der Schöp­fungs­ak­te infor­mie­ren will, begrei­fen wir die Tie­fe und Bedeu­tung der Aussagen.

Gott schafft das Uni­ver­sum aus dem Nichts und bringt mit der Macht Sei­nes Wor­tes alles in eine wohl­durch­dach­te Ord­nung. Alles ist sehr gut und auf die Kro­ne der Schöp­fung, den Men­schen, hin aus­ge­rich­tet. Er selbst aber, Gott, der All­mäch­ti­ge, ist nicht Teil der Schöp­fung, son­dern steht in sei­ner Unend­lich­keit über ihr. Die­se kla­ren Aus­sa­gen ste­hen in star­kem Kon­trast zu allen ande­ren damals übli­chen Vor­stel­lun­gen von der Ent­ste­hung des Kos­mos. Ägyp­ter, Sume­rer, Baby­lo­ni­er, sie alle hat­ten gewis­se „Erklä­run­gen“ für unse­re Exis­tenz. In der Ver­fins­te­rung ihres Ver­stan­des aber nah­men sie an, dass unse­re Welt Pro­dukt von Kämp­fen inner­halb der Göt­ter­welt sei. Wenn man die­se absur­den Geschich­ten kennt – und es gibt kei­nen Zwei­fel, dass Mose zumin­dest die ägyp­ti­schen Vari­an­ten kann­te –, kann man sehen, dass die bibli­schen Geschich­ten fun­da­men­ta­le Kor­rek­tu­ren dar­stel­len. Die lite­ra­ri­sche For­mung von Gene­sis 1 wur­de schon von vie­len Men­schen erkannt. In den drei ers­ten Tagen schafft Gott Räu­me, die in den dar­auf fol­gen­den Tagen gefüllt wer­den. Der Mensch über­ragt als Eben­bild Got­tes alle ande­ren Krea­tu­ren. Auf die Voll­endung der Schöp­fung folgt die Sab­bat­ru­he Gottes.

Jeder­mann wuss­te, dass das Licht, das wir emp­fan­gen, von der Son­ne kommt. Des­halb war die Ver­göt­te­rung der Son­ne damals sehr üblich. Auch der Mond und die Gestir­ne „erfreu­ten“ sich man­nig­fal­ti­ger Ver­eh­rung, da sie so hoch über uns ste­hen. Sogar das Schick­sal des Men­schen sah man durch Ster­nen­kon­stel­la­tio­nen vor­her­be­stimmt. Wie befrei­end und wahr ist ange­sichts des­sen die deut­li­che Degra­die­rung all der Him­mels­kör­per in Gene­sis. Son­ne und Mond wer­den am vier­ten Tag erschaf­fen – also weder am Anfang noch am Ende – und nicht ein­mal mit Namen genannt. Sie die­nen ledig­lich als Lich­ter und Zeit­mess­in­stru­men­te. Und die Ster­ne – es scheint, als hät­te der Schrei­ber gera­de noch recht­zei­tig dar­an gedacht, sie zu erwähnen.

Für den lite­ra­ri­schen Auf­bau der Geschich­te war es aber not­wen­dig, das Licht an den Anfang zu stel­len, denn wie kann man ohne Licht von Tagen spre­chen? Daher heißt es auch:

Und Gott nann­te das Licht Tag, und die Fins­ter­nis nann­te er Nacht. Und es wur­de Abend, und es wur­de Mor­gen: ein Tag. (Gene­sis 1,5)

Damit schei­tern alle vor­her genann­ten Ver­su­che, die Zeit­räu­me zu ver­län­gern. Es ist tat­säch­lich eine Woche gemeint. Das Licht nun ist in sich etwas sehr Wun­der­vol­les. Es macht das Dasein erst wirk­lich mög­lich und ver­dient daher den ers­ten Rang in der Schöp­fung. Nur dadurch kön­nen wir sehen und über­haupt unse­rer Bestim­mung ent­spre­chend leben, denn wir erken­nen alles. Das macht ver­ständ­lich, war­um es an ande­ren Stel­len der Bibel bild­lich für Got­tes Gegen­wart oder die Wahr­heit ver­wen­det wird. Hier aller­dings stel­len auch Fins­ter­nis und Nacht nichts Nega­ti­ves dar. Wer erklärt, Gott selbst sei das Licht vor Erschaf­fung der Son­ne gewe­sen, über­sieht, dass das Licht hier kein Sinn­bild, son­dern ein Werk Got­tes ist.

Die Tren­nung der Ent­ste­hung des Lich­tes von der Erschaf­fung der Son­ne ist ein deut­li­ches Indiz für den nicht­wis­sen­schaft­li­chen Cha­rak­ter der Schöp­fungs­ge­schich­ten. Man kann jedoch auch ohne die­sem erken­nen, dass dem Autor sol­che Art von Bot­schaft fremd war. Wir erwähn­ten schon oben, dass die Ruhe Got­tes am sieb­ten Tag nicht buch­stäb­lich zu ver­ste­hen ist, da es sonst zu unhalt­ba­ren Annah­men über Got­tes Wesen kommt. Der Sab­bat war ein wich­ti­ges Bun­des­zei­chen zwi­schen Gott und sei­nem Volk, und nicht sel­ten zeig­te sich der Unge­hor­sam Isra­els im Nicht­be­ach­ten des Ruhe­ta­ges. Er ist aber nicht nur in sozia­ler Hin­sicht eine über­aus wich­ti­ge und wei­se Ein­rich­tung Got­tes. Er zeigt uns Men­schen auch das Ziel des Lebens. Nicht für Arbeit, Gewinn und hohen Lebens­stan­dard sind wir geschaf­fen, son­dern um in die Ruhe bei Gott ein­zu­ge­hen. Daher bil­det sie den wür­di­gen Abschluss die­ser Geschichte.

Mit Kapi­tel 2,4 beginnt eine neue Betrach­tung der Schöp­fung. Obwohl die Unter­schie­de zur vor­he­ri­gen Geschich­te nicht zu über­se­hen sind, sind Fun­da­men­ta­lis­ten auf­grund ihrer Prä­mis­sen nicht in der Lage, dies anzu­er­ken­nen. Statt­des­sen behaup­ten sie, es hand­le sich um eine genaue­re Beschrei­bung des sechs­ten Tages. Des­halb ist es an die­ser Stel­le not­wen­dig, dass auch wir die Wör­ter wich­tig neh­men, um zu zei­gen, dass die­se Ansicht unehr­lich ist.

In der ers­ten Geschich­te spricht der Text noch vor dem eigent­li­chen Sechs­ta­ge­werk über die Erschaf­fung des Him­mels und der Erde. Im wei­te­ren Ver­lauf wer­den am drit­ten Tag Grä­ser, Kraut und Frucht­bäu­me geschaf­fen, wäh­rend der Mensch am sechs­ten Tag den krö­nen­den Abschluss der Wer­ke Got­tes bildet:

Und Gott sprach: Die Erde las­se Gras her­vor­spros­sen, Kraut, das Samen her­vor­bringt, Frucht­bäu­me, die auf der Erde Früch­te tra­gen nach ihrer Art, in denen ihr Same ist! Und es geschah so. Und die Erde brach­te Gras her­vor, Kraut, das Samen her­vor­bringt nach sei­ner Art, und Bäu­me, die Früch­te tra­gen, in denen ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war. (Gene­sis 1,11 f.)

Die zwei­te Geschich­te hin­ge­gen spricht nicht von einer mehr­tä­gi­gen Schöp­fung, die ihren Höhe­punkt in der Erschaf­fung des Men­schen hat. Sie sagt, dass Gott an dem Tag, an dem er Him­mel und Erde mach­te, auch den Men­schen erschuf, und zwar vor allen ande­ren Din­gen, auch bevor Sträu­cher, Kraut und Bäu­me aufsprossten:

An dem Tag, als Gott, der HERR, Erde und Him­mel mach­te – noch war all das Gesträuch des Fel­des nicht auf der Erde, und noch war all das Kraut des Fel­des nicht gesprosst, denn Gott, der HERR, hat­te es noch nicht auf die Erde reg­nen las­sen, und noch gab es kei­nen Men­schen, den Erd­bo­den zu bebau­en; ein Dunst aber stieg von der Erde auf und bewäs­ser­te die gan­ze Ober­flä­che des Erd­bo­dens -, da bil­de­te Gott, der HERR, den Men­schen, aus Staub vom Erd­bo­den und hauch­te in sei­ne Nase Atem des Lebens; so wur­de der Mensch eine leben­de See­le. (Gene­sis 2,4–7)

Dies ist schlicht eine ande­re Wei­se, die Bedeu­tung des Men­schen her­aus­zu­strei­chen. Des­halb den­ken wir nicht, dass dies wider­sprüch­li­che Aus­sa­gen sind, son­dern dass es sich um zwei Geschich­ten ver­schie­de­nen Auf­baus mit unter­schied­li­chen Nuan­cen han­delt. Wenn man sagt, Gott habe zwar schon am drit­ten Tag die Grä­ser, Sträu­cher und Bäu­me geschaf­fen, die Gewäch­se selbst spross­ten aber erst, nach­dem Adam schon leb­te, wider­spricht das dem Text, heißt es doch in Gene­sis 1,12 aus­drück­lich: „Und die Erde brach­te Gras her­vor …“. Außer­dem kann man damit nicht erklä­ren, dass in der zwei­ten Geschich­te die Erschaf­fung des Men­schen an dem Tag war, an dem Gott Him­mel und Erde machte.

Der Abschnitt Gene­sis 2,4–3,24 beschreibt uns also nicht den sechs­ten Tag im Detail. Und auch hier fin­den wir nichts im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne Ver­wert­ba­res. Jedoch wer­den uns vie­le geist­lich wich­ti­ge Inhal­te ver­mit­telt. Das bio­lo­gi­sche und geist­li­che Leben kommt von Gott – der Atem des Lebens wird ein­ge­haucht. Der Mensch ist sei­nem irdi­schen Wesen nach gering und ver­gäng­lich – aus Staub gemacht. Doch ist er Herr über den Rest der Schöp­fung – er gibt den Tie­ren Namen. Mann und Frau pas­sen voll­kom­men zuein­an­der – die Frau wird aus Adams Rip­pe gebil­det. Die Bezie­hung zu Gott und zwi­schen ihnen war rein – sie leb­ten im Para­dies und schäm­ten sich nicht. Satans lis­ti­ge Ansta­che­lung zum Stolz war Anlass für die ers­te Sün­de – das Gespräch zwi­schen der Frau und der Schlan­ge. Die unge­trüb­te Bezie­hung zu Gott wur­de dadurch zer­stört – die Ver­trei­bung aus dem Para­dies. Die Bezie­hung zwi­schen den Men­schen ist seit­her von Herrsch­sucht und fal­schen Erwar­tun­gen geprägt – Gott spricht Flü­che über den Men­schen aus. Auch das von Gott dem Men­schen zuge­dach­te ewi­ge Leben ist vor­erst ver­wirkt – der Zugang zum Baum des Lebens wird ver­wehrt. Gott ver­lässt die Men­schen aber nicht und kün­digt schon die Erlö­sung aus der Macht der Sün­de an – Kampf und Sieg des Nach­kom­mens der Frau über den Nach­kom­men der Schlan­ge. All die­se und noch ande­re Leh­ren ver­kün­digt uns Gott durch die­se von Anthro­po­mor­phis­men und ande­ren Bil­dern durch­zo­ge­ne Geschichte.

Men­schen, die Gott und sein Wort ableh­nen, machen sich mit­un­ter über die­se Tex­te lus­tig, indem sie die­se wört­lich aus­le­gen. Wer aber dar­auf beharrt, die Schöp­fungs­ge­schich­ten als Tat­sa­chen­be­rich­te zu ver­ste­hen, spielt nicht nur sol­chen Spöt­tern in die Hän­de. Er ver­mit­telt damit auch ein fal­sches Bild von dem, was Glau­ben heißt. Ursa­che für sol­che Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on ist meist nicht schlich­ter Irr­tum, son­dern Unge­hor­sam gegen­über den Gebo­ten und Leh­ren Jesu und der Apostel.

9 Fun­da­men­ta­lis­mus statt Gehorsam

Es ist sicher kei­ne Schan­de, wenn man beim Lesen der Bibel Aus­drü­cke oder Bil­der wört­lich nimmt, die so nicht gemeint sind. Durch tie­fe­res Nach­den­ken und Offen­heit für Got­tes Bot­schaft wird man immer bes­ser unter­schei­den ler­nen, was Gott uns für unser Leben zei­gen will, wie der Mensch Got­tes rich­tig sei. Häu­fig aber begeg­nen uns Men­schen, die fel­sen­fest von der Erschaf­fung der Welt in sechs Tagen über­zeugt sind und ihren Glau­ben an Gott eben dadurch defi­nie­ren. Die glei­chen Men­schen hal­ten wie­der­um Leh­ren und Prak­ti­ken auf­recht, die zwar heu­te üblich sind, dem Neu­en Tes­ta­ment und den ers­ten Chris­ten jedoch völ­lig fremd waren. Wir bezie­hen das vor allem auf die Aner­ken­nung von unter­schied­li­chen „Kir­chen“ mit ver­schie­de­nen Leh­ren. Es stellt eine Igno­ranz dar, den Inhalt des Gebe­tes Jesu für die Ein­heit der Gläu­bi­gen in Johan­nes 17 mit der ober­fläch­li­chen Bemer­kung zu erklä­ren, dass man eins in Chris­tus sei. Die offen­sicht­lich feh­len­de Ver­bun­den­heit und Ein­heit in Gott ver­sucht man dann bei Tref­fen mit gefühls­be­ton­tem „Lob­preis“ oder durch Ver­an­stal­tun­gen mit rede­ge­wand­ten „Pre­di­gern“ vor­zu­täu­schen. Bru­der­lie­be, wie von Jesus gebo­ten (Johan­nes 13,34 f.) und von den Apos­teln vor­ge­lebt (1. Thes­sa­lo­ni­cher 2,1–12), wird meist gar nicht ange­strebt, da man viel Zeit für Beruf, Fami­lie und Hob­by inves­tiert. Aber den Sonn­tag – oder man­che auch den Sab­bat – hält man „hei­lig“, indem man zur „Ver­samm­lung“ geht. Die­se Tref­fen wie­der­um sind weit­ge­hend von For­ma­lis­mus und Gleich­gül­tig­keit geprägt, die geist­li­che Betei­li­gung aller ist nicht vor­ge­se­hen, ganz im Gegen­satz zur apos­to­li­schen Leh­re (1. Korin­ther 14,24–31). Die­se soge­nann­ten Got­tes­diens­te wider­spre­chen in Wahr­heit auch dem, was laut Pau­lus Got­tes­dienst bedeu­tet (Römer 12,1–2). Das Zeug­nis der ers­ten Gemein­den, dass sie ein Herz und eine See­le waren (Apos­tel­ge­schich­te 4,32), ent­kräf­tet man mit Hin­weis auf die Pro­ble­me, die im Neu­en Tes­ta­ment sicht­bar wer­den. Da ist man ganz „biblisch“ und wird nicht müde, die Sün­den der Korin­ther und ande­rer zu beto­nen, gera­de so, als ob der Sinn die­ser Über­lie­fe­run­gen dar­in bestün­de, Recht­fer­ti­gun­gen gegen die Kri­tik an der Lau­heit zu lie­fern. Die Lie­be der ers­ten Chris­ten, die im Tei­len der Güter ihren ech­ten Aus­druck fand, ver­un­glimpft man leicht­fer­tig als unnüch­ter­ne Anfangs­eu­pho­rie und nimmt dabei gern in Kauf, den Gläu­bi­gen samt den Apos­teln einen gra­vie­ren­den Irr­tum zu unter­stel­len, damit man ruhi­gen Gewis­sens im Ego­is­mus ver­har­ren kann.

Des Wei­te­ren gibt es Grup­pen, die es wagen, Wie­der­kunfts­vor­her­sa­gen zu tref­fen und damit die Auf­merk­sam­keit von unbe­fes­tig­ten Men­schen auf die angeb­li­chen Zei­chen der Zeit zu len­ken, wo doch Chris­tus selbst sei­nen Jün­gern sag­te, dass es ihnen nicht zuste­he, Zei­ten und Zeit­punk­te zu wis­sen (Apos­tel­ge­schich­te 1,6–7). Obwohl sich alle bis­her „pro­phe­zei­ten“ Daten als falsch erwie­sen haben, hal­ten sol­che Irr­leh­rer mit kaum zu über­bie­ten­der Hals­star­rig­keit an ihren jeder Grund­la­ge ent­beh­ren­den Berech­nun­gen aus den Büchern Dani­el und Offen­ba­rung fest. Ihre Irr­tü­mer sind für sie kein Grund, ihren gro­ben Unge­hor­sam abzu­le­gen. Im Gegen­teil, die angeb­lich vom Hei­li­gen Geist gelei­te­ten Füh­rer bie­ten immer neue Erklä­run­gen für die Ver­zö­ge­run­gen und ver­stri­cken sich selbst und ihre Anhän­ger immer wei­ter in die Lügen, nur um ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung nicht zu verlieren.

Die Lis­te der Ver­ir­run­gen lie­ße sich fort­set­zen. So wie Jesus den reli­giö­sen Füh­rern sei­ner Zeit vor­wer­fen muss­te, dass sie die Mücke sei­hen, das Kamel aber ver­schlu­cken, ist auch bei vie­len angeb­lich bibel­treu­en „Chris­ten“ die glei­che, von Heu­che­lei gepräg­te Ver­dre­hung der Schrift zu erken­nen. Wir hof­fen, dass die­se Aus­füh­run­gen hel­fen, den Irr­tum des Fun­da­men­ta­lis­mus zu erken­nen. Nicht abso­lu­te Feh­ler­lo­sig­keit macht die Bibel groß, son­dern die kla­re Bot­schaft von Got­tes Lie­be, Gerech­tig­keit und Barm­her­zig­keit, von geist­ge­führ­ten Men­schen erfah­ren und bezeugt. Wenn wir sei­ne Gebo­te aus gan­zem Her­zen befol­gen, sind auch wir ein leben­di­ges Zeug­nis für die Wahr­heit der Schrift.


Fußnoten

  1. Mehr­heits­text ist der Name einer Text­tra­di­ti­on des Neu­en Tes­ta­ments, die sich auf eine Mehr­heit von neutestament­lichen Hand­schrif­ten stützt. Die meis­ten die­ser Manu­skrip­te sind aller­dings rela­tiv spä­ten Ursprungs (ab 9. Jahrhundert).
  2. Paläo­gra­fie ist die Leh­re von alten Schrif­ten. Auf­ga­be der Paläo­gra­fie ist es, die leben­di­ge Ent­wick­lung der Schrift in ihren Ein­zel­hei­ten anhand der über­lie­fer­ten Schrif­ten nach­zu­voll­zie­hen. Paläo­gra­fi­sche Kennt­nis­se hel­fen dabei, ver­schie­de­ne Schrift­ar­ten in ihren Ent­wick­lungs­pha­sen zu erken­nen und dadurch unda­tier­te Schrift- und Lite­ra­tur­denk­mä­ler räum­lich und zeit­lich einzuordnen.
  3. Tex­tus recep­tus (lat. für der über­lie­fer­te Text) nennt man jene Text­form des grie­chi­schen Neu­en Tes­ta­ments, die in den weit ver­brei­te­ten Druck­aus­ga­ben des 16. und 17. Jahr­hun­derts zu fin­den ist. Er beruht weit­ge­hend auf spä­ten Manu­skrip­ten des Mehrheitstextes.
  4. Da die hebräi­sche Schrift kei­ne eige­nen Zahl­zei­chen kann­te, hat­ten die Buch­sta­ben auch einen Zahlenwert.


Mehr­heits­text ist der Name einer Text­tra­di­ti­on des Neu­en Tes­ta­ments, die sich auf eine Mehr­heit von neutestament­lichen Hand­schrif­ten stützt. Die meis­ten die­ser Manu­skrip­te sind aller­dings rela­tiv spä­ten Ursprungs (ab 9. Jahrhundert).

Paläo­gra­fie ist die Leh­re von alten Schrif­ten. Auf­ga­be der Paläo­gra­fie ist es, die leben­di­ge Ent­wick­lung der Schrift in ihren Ein­zel­hei­ten anhand der über­lie­fer­ten Schrif­ten nach­zu­voll­zie­hen. Paläo­gra­fi­sche Kennt­nis­se hel­fen dabei, ver­schie­de­ne Schrift­ar­ten in ihren Ent­wick­lungs­pha­sen zu erken­nen und dadurch unda­tier­te Schrift- und Lite­ra­tur­denk­mä­ler räum­lich und zeit­lich einzuordnen.

Tex­tus recep­tus (lat. für der über­lie­fer­te Text) nennt man jene Text­form des grie­chi­schen Neu­en Tes­ta­ments, die in den weit ver­brei­te­ten Druck­aus­ga­ben des 16. und 17. Jahr­hun­derts zu fin­den ist. Er beruht weit­ge­hend auf spä­ten Manu­skrip­ten des Mehrheitstextes.

Da die hebräi­sche Schrift kei­ne eige­nen Zahl­zei­chen kann­te, hat­ten die Buch­sta­ben auch einen Zahlenwert.