Wunder Jesu – glaubwürdig?

Von Beginn seines öffentlichen Wirkens an vollbrachte Jesus Wunder. Jesus hat Erbarmen mit Kranken und Schwachen, er heilt ihre Gebrechen und vermittelt ihnen aber auch die Wichtigkeit der geistlichen Heilung, der Vergebung ihrer Sünden. Dabei stellte er seine Wundertaten aber nicht in den Mittelpunkt seiner Verkündigung; sie sollten den Juden vielmehr eine Hilfestellung sein, das Anbrechen des messianischen Reiches zu erkennen. Jesus verbindet mit allen seinen Wundern Erklärungen über geistliche Inhalte; er sieht sie als Zeichen für die Menschen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch seine fast zweieinhalbjährige Wirkungszeit. Der Apostel Johannes gebraucht in seinem Evangelium nicht den Begriff „Wunder“, sondern verwendet ausschließlich das Wort „Zeichen“ für all die Wunder, die Jesus wirkte.

Seien es Naturwunder, Heilungswunder oder Totenauferweckungen, ja sogar das Symbolwunder des verdorrten Feigenbaums, bei allen vermittelt Jesus den Menschen wichtige Lehren. Diese sollen den Menschen helfen, nicht an dem Sichtbaren des Wunders verhaftet zu bleiben, sondern das Ziel des wunderbaren Handelns Jesu zu erfassen.

Wäre es den Evangelisten in ihrer Berichterstattung um die Wundertaten an sich gegangen, sollte man erwarten, dass die Wunderberichte im Zentrum stehen. Das ist aber nicht der Fall, sie sind dem höheren Ziel der Evangeliumsverkündigung untergeordnet. Das spricht für die Glaubwürdigkeit der Wunder Jesu.

Wie reagierten die Juden auf die Wunder Jesu?

Die jüdischen Gegner Jesu streiten nicht ab, dass sich Wunder tatsächlich ereignet haben, was für sie der einfachste Weg der Widerlegung gewesen wäre, um damit Jesus vor dem Volk bloßzustellen. Zur Verdeutlichung sollen zuerst ein Vers aus dem Babylonischen Talmud, einer der bedeutendsten Schriften der Juden, und danach einige Beispiele aus dem Neuen Testament angeführt werden:

„Am Vorabend des Passahfestes haben sie Jesus gehängt … weil er Zauberei getrieben und Israel verlockt und abspenstig gemacht hat.“1

Da auch für die Jesus gegenüber ablehnend eingestellten Juden eine Leugnung seiner Wunder ausgeschlossen war, wird die eigenartige Erklärung gegeben, Jesus habe einfach gezaubert!?

Nach einer Dämonenaustreibung durch Jesus argumentieren Pharisäer, dass Jesus dies mit der Kraft Satans vollbracht hätte; sie sagen nicht, die Befreiung des Besessenen wäre nicht geschehen:

Dann wurde ein Besessener zu ihm gebracht, blind und stumm; und er heilte ihn, so dass der Stumme redete und sah. Und es erstaunten die ganzen Volksmengen und sagten: Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids. Die Pharisäer aber sagten, als sie es hörten: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch den Beelzebul, den Obersten der Dämonen. (Matthäus 12,22–24)

Nachdem Lazarus von Jesus von den Toten auferweckt wurde – eines der eindrucksvollsten Wunder Jesu –, wollten die Juden diesen töten. Niemand zweifelte an der Tatsächlichkeit dieses Wunders. Da der wieder zum Leben erweckte Lazarus eine ständige Erinnerung an das Wunder Jesu war, sahen die Feinde Jesu keinen anderen Ausweg, als den Auferweckten zu beseitigen:

Die große Volksmenge aus den Juden erfuhr nun, dass er dort sei; und sie kamen nicht um Jesu willen allein, sondern damit sie auch den Lazarus sähen, den er aus den Toten auferweckt hatte. Die Hohenpriester aber ratschlagten, auch den Lazarus zu töten, weil viele von den Juden um seinetwillen hingingen und an Jesus glaubten. (Johannes 12,9–11)

Die Apostel erwähnten in ihrer Verkündigung immer wieder die Wundertaten Jesu Christi, niemand hat widersprochen. Dies wäre auch unmöglich gewesen, da es sehr viele Augenzeugen der Wunder Jesu gab, die solche Behauptungen sofort entkräftet hätten. So blieb den Gegnern Jesu nichts anderes übrig, als die Wunder anzuerkennen:

Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen Mann, der von Gott euch gegenüber erwiesen worden ist durch Machttaten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte tat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes hingegeben worden ist, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt, nachdem er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, wie es denn nicht möglich war, dass er von ihm behalten würde. (Apostelgeschichte 2,22–24)

Wie beschreiben die Evangelien die Wunder Jesu?

Zu den Augenzeugen der Wunder Jesu gehören auch die Schreiber der Evangelien (mit Ausnahme des Lukas, dessen Bericht aber auch auf Erzählungen von Augenzeugen beruht). Als Jünger Jesu sahen sie sich eines heiligen Lebens verpflichtet – die Ehrlichkeit ist ein zentraler Punkt davon. Sollten sie die Wunder Jesu erfunden haben und damit gemäß ihrer eigenen Lebensauffassung als Lügner in einem lebenslangen Gewissenskonflikt stehen?

Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass die Wunder kurz und nüchtern geschildert werden, es fehlen Ausschmückungen und unwichtige Details, manchmal werden sie nur nebenbei erwähnt. Zum Beispiel wird der durch Petrus gefangene Fisch mit einer Doppeldrachme im Maul von Jesus nur angekündigt, die Situation selbst wird nicht beschrieben (Matthäus 17,24–27). Hätte ein Fälscher daraus nicht einen ausführlichen „Bericht“ konstruiert?

Die Wunder Jesu werden auch nicht als spektakuläre Ereignisse berichtet, wie man dies von einem Fälscher erwarten würde, der den Leser beeindrucken möchte. Zur Illustration sei hier eine Situation angeführt, in der Jesus einen Blinden nur in zwei Etappen heilt. Er legte dem Blinden die Hände ein zweites Mal auf, da dieser beim ersten Mal nur verschwommen zu sehen vermochte, also unvollständig geheilt war:

Und sie kommen nach Betsaida; und sie bringen ihm einen Blinden und bitten ihn, dass er ihn anrühre. Und er fasste den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem Dorf hinaus; und als er in seine Augen gespien und ihm die Hände aufgelegt hatte, fragte er ihn: Siehst du etwas? Und er blickte auf und sagte: Ich sehe die Menschen, denn ich sehe sie wie Bäume umhergehen. Dann legte er wieder die Hände auf seine Augen, und er sah deutlich, und er war wiederhergestellt und sah alles klar. Und er schickte ihn nach seinem Haus und sprach: Auch nicht ins Dorf sollst du gehen! (Markus 8,22–26)

Bei dieser Blindenheilung fällt außerdem auf, dass Jesus den Blinden nicht vor vielen Menschen, sondern außerhalb des Dorfes heilte. Die Absicht Jesu und des Markus, der als Verfasser des Evangeliums die Situation getreu nachzeichnet, war nicht Effekthascherei; dies würde nur für einen Fälscher zutreffen, der die Wunder ins Zentrum stellen möchte. Jesus ging es nicht in erster Linie um Wunder, sein Ziel war, Menschen durch seine Predigt zum Glauben zu führen:

Als es aber Abend geworden war und die Sonne unterging, brachten sie alle Leidenden und Besessenen zu ihm; und die ganze Stadt war an der Tür versammelt. Und er heilte viele an mancherlei Krankheiten Leidende, und er trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden, weil sie ihn kannten. Und frühmorgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus und ging fort an einen einsamen Ort und betete dort. Und Simon und die, die mit ihm waren, eilten ihm nach; und sie fanden ihn und sagen zu ihm: Alle suchen dich. Und er spricht zu ihnen: Lasst uns anderswohin in die benachbarten Marktflecken gehen, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich ausgegangen. Und er ging und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus. (Markus 1,32–39)

Da Jesus wusste, dass viele nur aufgrund seiner Wunder und Heilungen an ihm interessiert waren, ging er aus ihrer Mitte weg. Wiederholt gebot er den Geheilten, dass sie ihre wunderbare Heilung nicht verbreiten sollten (Markus 1,44, 3,12, 5,43, 7,36 etc.). Auch das unterstreicht die Glaubwürdigkeit seiner Wunder.

Die Evangelien stellen nicht die Wunder Jesu in den Mittelpunkt, sondern seine Botschaft, mit der er Menschen zur Freiheit von Sünde führen will, sie also nicht nur äußerlich, sondern insbesondere innerlich heilen möchte. Seine Heilungen und Wunder sind in den Evangelienberichten in einer Art und Weise eingeflochten, ohne die der Ablauf der Geschehnisse rund um Jesus nicht verständlich wäre. Da sie oft Voraussetzungen von Handlungen verschiedener mit Jesus konfrontierter Personen sind und diese damit begreiflich machen, können die Wunder Jesu nicht weggelassen werden. Sie sind ein essenzieller Bestandteil der Erzählungen des Lebens Jesu. All das macht die Wunder Jesu Christi glaubwürdig.


Fußnoten

  1. Sanhedrin 43a, Der Babylonische Talmud, Wilhelm Goldmann Verlag, 1963, S. 207 u. 208. ↩︎

Zurück zum Seitenanfang ↑