Was ist meine Berufung?

1 Einleitung

Manche religiöse Menschen fragen sich: Wie kann ich meine Berufung erkennen? Was ist mein Lebensweg? Hat mich Gott zum Klosterleben berufen, zum Priester oder zum Leben in der Ehe?

Wenn wir sicher gehen wollen, weder der Stimme unserer eigenen Wünsche noch den Erwartungen der Umgebung, sondern Gottes Stimme folgen zu wollen, werden wir aufmerksam darüber nachdenken, was die Heilige Schrift über die Berufung des Menschen sagt: Mit welchem Ziel rief Gott uns ins Dasein und wozu ruft Jesus Christus jeden Menschen auf?

Mit diesen Fragen fangen wir auch deshalb an, weil sie grundlegend sind, um Gottes Willen für unser Leben zu verstehen. Im weiteren Verlauf wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Berufungen im Lichte des Neuen Testaments legen.

2 Gott beruft uns dazu, ihn zu lieben

Wozu uns Gott berufen hat, drückt das Gebot aus, das Mose den Israeliten gegeben und das Jesus als das wichtigste Gebot vor allen anderen hervorgehoben hat:

Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. (Markus 12,29b-30)

Dieses Gebot drückt aus, wie Gott möchte, dass das Leben eines jeden Menschen aussieht. Er hat jeden geschaffen und berufen zu einer Beziehung mit ihm. Nur das kann uns Erfüllung geben in diesem Leben und in der Ewigkeit.

Niemand, der in Ewigkeit bei Gott sein möchte, kann ihn in diesem Leben als Nebensache behandeln. Deshalb kann es eine Berufung zu einem Leben, in dem Gott bloß eine von vielen Lebensinteressen darstellt, nicht geben.

Damit wir verstehen können, was es heißt, Gott mit ganzem Herzen und ganzer Kraft zu lieben, sandte er seinen Sohn, damit er für uns alle das Beispiel dieser Liebe werde.

2.1 Zur Nachfolge Christi sind wir alle berufen

Jesus lebte ein Leben in Liebe zu Gott und rief alle, die ihm zuhörten, auf, ihm in seiner Liebe nachzufolgen.

Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten. (Lukas 9,23–24)

Jesus zeigte, dass die wahre Liebe nicht sein eigenes Glück sucht, sondern das Wohl der anderen. Er sagte auch, dass niemand zu Gott kommen kann, außer durch Selbstverleugnung.

Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet. (Lukas 14,33)

Mit diesen Worten meinte Jesus nicht, dass wir prinzipiell auf alle materiellen Dinge verzichten müssen, sondern dass wir Gottes Willen suchen und ihn über unseren eigenen stellen, dass wir für Gott und nicht für uns selbst leben dürfen, unabhängig davon, welchen Verzicht es auch immer bedeuten mag.

2.2 Zur Umkehr und zum Leben mit Gott sind wir alle berufen

Vielen Menschen ist bewusst, dass ihr Leben doch anders aussieht: Sie wissen, dass sie für eigene Ziele leben, dass sie von ihrem Egoismus geleitet werden und dass sie dies alles ändern sollten.

Ihr Wunsch nach Änderung ist schwach, sie sind für diese dazu notwendige Anstrengung nicht bereit.

Diese Einstellung hat Jesus im Gleichnis über das große Gastmahl angesprochen:

Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein. Zur Stunde des Festmahls schickte er seinen Diener aus und ließ denen, die er eingeladen hatte, sagen: Kommt, alles ist bereit! Aber alle fingen an, einer nach dem anderen, sich zu entschuldigen. Der erste ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss dringend gehen und ihn besichtigen. Bitte, entschuldige mich! Ein anderer sagte: Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin auf dem Weg, um sie zu prüfen. Bitte, entschuldige mich! Wieder ein anderer sagte: Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen. Der Diener kehrte zurück und berichtete dies seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen hierher! Und der Diener meldete: Herr, dein Auftrag ist ausgeführt; und es ist immer noch Platz. Da sagte der Herr zu dem Diener: Geh zu den Wegen und Zäunen und nötige die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird. Denn ich sage euch: Keiner von denen, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen. (Lukas 14,16–24)

Der Gastgeber lud viele ein (oder rief sie auf, berief sie)1, doch die Eingeladenen (oder die Berufenen) fingen an, Ausreden zu suchen. Obwohl sie ihm gegenüber nicht offen unhöflich sein wollten, erachteten sie seine Einladung nicht wert genug, ihre Lebenspläne und das, was für sie wichtig war, aufzugeben. Jesu Reich steht für alle offen, aber nur die, für die Gott am wichtigsten ist, werden dort hineingehen.

Leider lehnen viele auch heute die Einladung zum Leben mit Gott auf ähnliche Weise ab. Vielleicht betrügen sie sich damit, ähnlich wie die Menschen im Gleichnis meinen, dass Gott Verständnis dafür zeigen wird, dass sie sich in ihrem Leben mit etwas anderem beschäftigen wollten. Jesus sagte:

Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen. (Lukas 5,32)

Jesus ruft (beruft) Menschen, die bereit sind zuzugeben, dass Sünde und Ungehorsam sie von Gott trennen, zur Umkehr und zur Versöhnung mit Gott auf. Wir verwerfen die Berufung zur Umkehr, wenn wir denken, dass unser Leben doch nicht so schlimm ist, dass wir doch ganz gute Menschen sind. Das ist eben die Denkweise der „Gerechten“. Aber diejenigen, die bereit sind, ihre Sünden zu sehen und eine Sehnsucht nach Veränderung in ihrem Leben haben, befreit Gott von den Sünden und verändert ihr Leben durch den Heiligen Geist. Wenn wir Jesus ganz glauben und vertrauen, wird er unseren Glauben stärken und uns helfen, uns von allem radikal zu trennen, was uns zur Sünde verführt und auch darin, in dieser Entscheidung auszuharren. Wenn wir den Wert der Gemeinschaft mit Gott, seine Nähe und Liebe vor Augen haben, werden wir nicht fürchten, dass dies unsere Kräfte übersteigt.

2.3 Zur Bruderliebe und Gemeinschaft sind wir alle berufen

Gott ist Liebe – und er sandte seinen Sohn, um uns seine Liebe zu lehren. Deswegen sind alle berufen, einander so zu lieben, wie er uns geliebt hat.

Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (Johannes 13,34–35)

Das ist das neue Gebot, das Jesus seinen Jüngern kurz vor seinem Tod gegeben hat. Es ist nicht dasselbe wie das Gebot der Nächstenliebe, das unsere Einstellung allen Menschen gegenüber betrifft. Das neue Gebot betrifft konkret die Beziehung unter den Christen. Es erfüllt sich in der Gemeinschaft, die nach der Sendung des Heiligen Geistes alle Jünger Jesu so tief verbunden hat, wie es woanders nicht zu finden ist. Davon geben die Apostelgeschichte und die apostolischen Briefe Zeugnis:

Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten… Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort zusammen und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens… Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. (Apostelgeschichte 2,42.44–46; 4,32)

Durch die tägliche Gemeinschaft und das Teilen ihrer materiellen Güter drückten die Christen aus, dass sie füreinander genauso wertvoll sind, wie jeder von ihnen für Gott.

Ihre Versammlungen bestanden nicht aus Liturgie und Ritualen, die es damals noch nicht gab, sondern im gemeinsamen Kennenlernen von Gottes Wort, in Gebet und gegenseitiger geistlicher Unterstützung.

Auch heute wirkt der Heilige Geist diese Gemeinschaft überall dort, wo Menschen Jesus wirklich lieben; daran kann man auch die Jünger Jesu erkennen. Solch eine Gemeinschaft ist keine „Form der Spiritualität“, die für manche, besonders Eifrige bestimmt ist. Man sieht im Neuen Testament, dass alle Gläubigen in gleicher Weise daran teilgenommen haben.

Die Gemeinschaft der Christen ist die Erfüllung des Auftrags Jesu, sie ist das Licht für die Welt, weil in ihr die Liebe und die Lehre Christi gegenwärtig sind. Sie ist der Anfang der ewigen Gemeinschaft Gottes mit seinen Kindern und auch das Wesen der Berufung, die Jesus allen Menschen gegeben hat.2

Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. (Johannes 17,20–21)

3 Berufung oder Berufungen?

Öfters werden junge Menschen ermuntert, die eigene Berufung zu erkennen. Man spricht von verschiedenen Berufungen: Jene zum Klosterleben, zum Priesterseminar, zum Leben in der Familie … Als Basis für ihre Entscheidungen werden sie auf ihr Gefühl, Kontemplation, Autorität, bekannte Persönlichkeiten, Predigten oder religiöse Literatur hingelenkt. Doch kaum werden sie ermuntert, zuerst tief die Heilige Schrift kennenzulernen und auf dieser Basis nachzudenken, wozu uns Jesus berufen hat.

Wenn wir wollen, dass unser Leben ein Dienst für Gott ist, müssen wir in seinem Wort genau nachprüfen, wie er möchte, dass wir ihm dienen. Was können wir über Berufungen im Neuen Testament finden?

3.1 Spricht die Bibel von verschiedenen Berufungen?

Das Alte Testament spricht von einer Berufung der Gläubigen zu verschiedenen besonderen Aufgaben und Diensten, zum Beispiel von der prophetischen oder der königlichen Berufung. Ähnlich dazu spricht das Neue Testament nur über die Berufung der Apostel (die zwölf Apostel: Matthäus 4,21, Markus 1,20; Apostel Paulus: Römer 1,1, 1.Korinther 1,1, Galater 1,15 f.). Sie waren die Augenzeugen der Auferstehung Jesu, die seine Lehre der Welt weitergeben sollten. Außer dieser besonderen Berufung spricht das Neue Testament von einer gemeinsamen Berufung aller Christen zum ewigen Leben, zur Heiligung und zur Gemeinschaft mit Gott. Es spricht aber nie von verschiedenen Arten von Berufungen. Der Apostel Paulus hat Folgendes an Christen geschrieben:

… und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens! Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. (Epheser 4,3–6)

3.2 Sagt die Heilige Schrift etwas über Laienberufung?

Die Unterscheidung in Laienberufung und Berufung von Geistlichen gibt es im Neuen Testament nicht. Das Wort „Laie“ findet man dort nicht. Seine ursprüngliche Bedeutung entspringt aus dem Kirchenlateinischen laicus bzw. aus dem Griechischen laikos – „zum Volk gehörig“, „gemein“. „Geistlicher“ hingegen bedeutet „der, der den Heiligen Geist hat“. Es verschafft den Eindruck, als gäbe es zwei Klassen von Christen: die einen, die Geistlichen, die das Leben in der völligen Hingabe zu Gott gewählt haben, und die anderen, die Weltlichen, die hauptsächlich mit den Dingen dieser Welt beschäftigt sind. Diese „Geistlichen“ hätten angeblich mehr vom Heiligen Geist als die von der Welt, was sie zu Mittlern zwischen Laien und Gott macht. Diese Unterscheidung widerspricht dem Willen Jesu, der lehrte: „Nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“ (Matthäus 23,8).

Jesus hat auch alle aufgefordert, sich ganz Gott hinzugeben, und warnte sie, indem er sagte, dass „kein Sklave zwei Herren dienen kann“ (Gott und den Dingen dieser Welt, z. B. Geld …) (Lukas 16,13).

Nicht das Diesseitige, sondern das Ewige ist die Freude eines Christen. Paulus hat die christliche Denkweise so beschrieben:

Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit. (Kolosser 3,2–4)

Wer also einmal mit Christus sein will, der wird auch hier auf der Erde nicht für die Arbeit, für die Familie oder für die materiellen Güter leben. Diese Dinge sind gut und nötig, aber dürfen nicht zum Lebensziel werden.

Mit der Lehre über die verschiedenen Berufungen ist insbesondere die Frage nach Ehe und Familiengründung verbunden. Für die meisten bedeutet eine Laienberufung Eheschließung oder eine Berufung als Geistlicher oder Ordensmann/-frau, das Zölibat.

Im Neuen Testament engagierten sich christliche Ehemänner und christliche Ehefrauen in gleicher Weise wie die Ledigen im Dienst für Gott und die Kirche. Zum Beispiel nahmen Petrus, der schon vor dem Kennenlernen Jesu verheiratet war, wie auch andere verheiratete Apostel ihre gläubigen Frauen mit, wenn sie zur Unterstützung von Gemeinden in entfernteren Gegenden gebraucht wurden (1. Korinther 9,5). Aquila mit seiner Frau Priscilla stellten jahrelang jeden Abend ihr Haus für die sich dort treffende Gemeinde zur Verfügung. Sie verkündigten auch gemeinsam das Wort und reisten im Dienst der Gemeinde (Apostelgeschichte 18,2.26; Römer 16,3–5 u. a.). Paulus erwähnt Andronikus und Junia3: „… die herausragen unter den Aposteln und sich schon vor mir zu Christus bekannt haben“ (Römer 16,7). Sie waren keine Apostel im engeren Sinne des Wortes, aber haben aktiv an der Verbreitung des Evangeliums mitgearbeitet. Auch die Tatsache, dass sich Christen jeden Standes täglich getroffen haben, zeigt, dass für sie die Glaubensangelegenheiten Priorität vor dem Familienleben hatten, was von ihrer selbstlosen Liebe Gott und anderen gegenüber zeugte.

Der Apostel Paulus hat den Christen folgenden Rat gegeben: „Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine!“ (1. Korinther 7,27).

Die Frage ob und wen man heiraten soll, darf nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines Christen stehen. Familiengründung ist ein natürlicher Wunsch, doch darf dieser Wunsch die Frage, wie Gott von uns möchte, dass wir ihm dienen, nicht verdrängen. Ansonsten wird es in der Frage nach unserer Berufung nicht vor allem um Gott gehen, sondern um unsere eigenen Wünsche und Pläne. Die Aufgabe der Christen in dieser Welt ist nicht, einen Mann oder eine Frau zu finden, sondern Gott zu dienen. Wenn Gott uns eine Frau/einen Mann geben möchte, wird er uns sie/ihn sicher geben. Wir aber sollen zuerst sein Reich suchen.

Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben. (Matthäus 6,33)

Ein anderer wichtiger Lebensbereich, den man oft für die Berufung des Menschen hält, ist die Wahl des Berufes. Arbeit ist eine wichtige Pflicht; sie ist ein Teil in Gottes Plan. Gott hat die Menschheit als ein Ganzes gedacht, worin jeder auf die Hilfe der anderen angewiesen ist. Doch für viele dient die Arbeit zur Selbstverwirklichung, wird ein Mittel zum Erreichen eigener Ziele und nicht zum Dienst an den anderen, wodurch sie versklavt und von Gott wegzieht. Geld und Karriere sind die Götzen der modernen Welt.

Wie Jesus sagte:

Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus… Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt. (Johannes 17,3.24)

Gott hat für uns Menschen nichts Wichtigeres vorgesehen. Das ist das Ziel von allem, was Gott für uns getan hat. Unser Erdenleben gibt uns die Möglichkeit, Gott kennenzulernen und eine tiefe bleibende Entscheidung, ihn zu lieben, zu treffen. Es sind die Menschen, die ihren Wert und ihre Identität in den Dingen dieser Welt suchen. Gott hat niemanden zu einem Leben berufen, in dem die Familie, die Arbeit, das Studium oder das Entfalten seiner Talente der Inhalt oder das Ziel seines Lebens sind. Diese Dinge können das Bemühen um die Beziehung mit Gott nicht ersetzen. Der Apostel Paulus schrieb:

Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. (1. Korinther 7,29–31)

3.3 Gibt es in der Bibel eine Ordensberufung?

Vielleicht fällt dir auf, dass die Menschen um dich herum dem nachjagen, was sie zerstört oder zugrunde richtet, und du willst diesen Weg nicht gehen? Vielleicht hast du den Wunsch, dein Leben ganz für Gott und Menschen einzusetzen, und überlegst, ob er möchte, dass du einem Orden beitrittst? Was sagt die Schrift darüber?

3.3.1 „Sie sind nicht von dieser Welt …“

Manche Orden sind geschlossener, andere offener für die Welt, doch die Absonderung ist per Definition eine Bedingung für das ordinierte Leben. Wie der Codex des Kanonischen Rechtes (CIC) sagt:

Das öffentliche Zeugnis, das die Ordensleute für Christus und die Kirche ablegen sollen, bringt jene Trennung von der Welt mit sich, die der Eigenart und dem Zweck eines jeden Institutes eigentümlich ist. (Canon 607 – § 3)

Was hat Jesus darüber gesagt? Im Johannesevangelium, Kapitel 17 hat er für alle so gebetet:

Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt.… Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. (Johannes 17,6.14–18)

Mit „Welt“ meinte Jesus die große Mehrheit der Menschen, für die Gott nicht wichtig ist. Jesus bat den Vater nicht, dass er seine Jünger aus ihrer Mitte wegnimmt, sondern dass er sie von ihrem schlechten Einfluss bewahrt. Diese Bewahrung ist mit der Heiligung verbunden, die aus dem Verstehen und Umsetzen des Wortes Gottes kommt. Die Trennung von der Welt, um die Jesus den Vater bat, betrifft nicht nur einige Jünger, sondern alle. Die Worte Jesu, die die Wahrheit sind, befähigen jeden, den Versuchungen und Sünden, die in der Welt herrschen, zu widerstehen.

So wie der Vater den Sohn sandte, damit er die Welt zur Umkehr ruft, sandte Jesus auch die Gemeinschaft seiner Jünger in die Welt, damit sie mit ihren Worten und Taten Menschen helfen, die sich verändern und umkehren wollen. Das Leben von Jesus war das Licht. Auch das Leben seiner Jünger soll Licht und Zeugnis für die Menschen um sie herum sein:

Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus 5,14–16)

Wenn sich jemand von anderen z. B. durch eine Ordenstracht, das Leben in einem Kloster oder durch Regeln des Schweigens unterscheidet, erweckt er, ob er will oder nicht, den Eindruck, dass er zu Menschen einer „anderen Kategorie“ gehört. Wenn ihn jemand so sieht, stellt er sich einerseits vor, dass es fromm ist, und andererseits aber, dass derjenige ein Leben führt, das nichts für ihn selbst ist. Mit seinem Leben ruft er nicht alle zur Nachfolge auf, wenn seine Lebensweise nur ein Weg für einige ist. Er ist nicht ein Beispiel für „normale“ Menschen, weil er nicht unter ihnen lebt. Auch er selbst hat keinen Anteil an ihrem Leben und Alltagsproblemen. Deswegen entspricht eine äußere Absonderung von der Welt nicht dem Charakter des Auftrages Jesu.

Ordensleute sondern sich nicht nur von den Ungläubigen ab, sondern auch von der Mehrheit derer, die sie für ihre Glaubensgeschwister halten. Das betrifft sowohl Laien als auch Ordensleute anderen Geschlechts und anderer Orden und im Falle der Schweigeorden fast alle. Womit begründet man die Absonderung von jenen, mit denen man vorhat, die ganze Ewigkeit zu verbringen?

3.3.2 Die besondere Hingabe?

Gemäß der katholischen Lehre ist der Ordensstand die völlige und vollkommen Hingabe zu Gott:

Das durch die Profeß der evangelischen Räte geweihte Leben besteht in einer auf Dauer angelegten Lebensweise, in der Gläubige unter Leitung des Heiligen Geistes in besonders enger Nachfolge Christi sich Gott, dem höchstgeliebten, gänzlich hingeben und zu seiner Verherrlichung wie auch zur Auferbauung der Kirche und zum Heil der Welt eine neue und besondere Bindung eingehen, um im Dienste am Reich Gottes zur vollkommenen Liebe zu gelangen und, ein strahlendes Zeichen in der Kirche geworden, die himmlische Herrlichkeit anzukündigen. (Can. 573 — § 1. CIC)

Der Vergleichspunkt für die „besonders enge Nachfolge“, die „gänzliche Hingabe“, die „vollkommene Liebe“ ist das Leben eines Durchschnittskatholiken. Die Einsetzung einer besonderen Form des ordinierten Lebens schränkt den Ruf Christi nach einer vollständigen Hingabe zu Gott auf einige Gläubige ein. Die obigen Formulierungen gehen davon aus, dass sich Gott ganz hinzugeben und ihn mehr als alles andere zu lieben keine Bedingung der Erlösung, sondern eine Zusatzleistung ist. Doch Jesus gab allen Menschen nur einen einzigen Maßstab der Nachfolge und Hingabe: sein eigenes Beispiel. Das, was nach der katholischen Tradition die Aufgabe der Mönche ist, betrifft nach der Schrift jeden Christen ohne Ausnahme. Dies ist aus der folgenden Gegenüberstellung von Zitaten aus dem kanonischen Recht und dem Neuen Testament ersichtlich:

… So vollzieht der Ordensangehörige seine völlige Hingabe gleichsam als ein Gott dargebrachtes Opfer, wodurch sein ganzes Dasein zu einer beständigen Verehrung Gottes in der Liebe wird. (Can. 607 — § 1. CIC)

Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene! (Paulus an die Christen in Rom, Römer 12,1–2)

Die erste und vorzügliche Verpflichtung aller Ordensleute hat in der Betrachtung der göttlichen Dinge und in der ständigen Verbindung mit Gott im Gebet zu bestehen. (Can. 663 — § 1. CIC)

Betet ohne Unterlass!“ (1.Thessalonicher 5,17)

Die Ordensleute sollen in der Hinwendung des Herzens zu Gott verweilen … (Can. 664. CIC)

Im Übrigen, Brüder und Schwestern: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht! (Philipper 4,8)

Das jedem Institut eigene brüderliche Leben, durch das alle Mitglieder gewissermaßen zu einer Familie eigener Art in Christus vereint werden … (Can. 602. CIC)

Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Jesus in Matthäus 12,49–50)

Die Lehre von der Ordensberufung weicht die klaren Forderungen, die Jesus stellte, auf: Sein Ruf nach völliger Hingabe wird zu einer Forderung für einige Wenige und die Nachfolge ist nicht mehr das Selbstverständliche für jeden Christen. Auf diese Weise entstehen zwei Klassen: die „normalen“ und die besonders hingegebenen Gläubigen.

Die Lehre von den verschiedenen Berufungen entstellt das biblische Bild der Kirche: nach dem oben zitierten Canon 573 CIC sollen einige Christen das Zeichen der vollen Hingabe für den Rest der Kirche werden (für die übrigen Gläubigen). Nach der Heiligen Schrift sollen alle Christen, also die ganze Kirche, dieses Zeichen für die Welt sein, das heißt für die Menschen, die nicht mit Gott leben.4

3.3.3 Evangelische Räte und Ordensgelübde

Man wird Mönch oder Nonne, indem man ein Gelübde ablegt, meist sind es die drei: Keuschheit, Armut und Gehorsam. Das erste ist ein Versprechen im Zölibat zu leben, das zweite bedeutet ein Verzicht auf die Fähigkeit, Eigentum zu erwerben und zu besitzen, das dritte beinhaltet eine bedingungslose Unterordnung den Vorgesetzten und dem Papst gegenüber.

Gemäß der katholischen Lehre spiegeln die Ordensgelübde die „Evangelischen Räte“ wider. Diese seien gedacht als Hinweise in den Evangelien, die der Herr Jesus denen gegeben hätte, die ihm im Gegensatz zu anderen auf eine vollkommene Weise nachfolgen wollten. Das Wort „Räte“, im Unterschied zu Geboten, soll ausdrücken, dass es um Dinge geht, die er nur von solchen Menschen erwartet.

Keuschheit, Mäßigung und Gehorsam zu Gott sollen aber alle Christen kennzeichnen und nicht nur manche. Doch Jesus hat niemandem Anweisungen gegeben, wie sie die katholische Tradition angibt:

Der … evangelische Rat des Gehorsams verpflichtet zur Unterwerfung des Willens gegenüber den rechtmäßigen Oberen als Stellvertretern Gottes, wenn sie im Rahmen der eigenen Konstitutionen befehlen. (Can. 601. CIC)

Was ein Ordensangehöriger durch eigenen Einsatz oder im Hinblick auf das Institut erwirbt, erwirbt er für das Institut. Was ihm aufgrund einer Pension, einer Unterstützung oder einer Versicherung irgendwie zukommt, wird für das Institut erworben… Ein Profess5, der aufgrund der Eigenart des Instituts vollständig auf sein Vermögen verzichtet hat, verliert die Erwerbs- und Besitzfähigkeit und setzt infolgedessen dem Armutsgelübde widersprechende Rechtshandlungen ungültig … (Can. 668,3.5 CIC)

Jesus hat selbst ein Beispiel der Unterordnung seines Willens unter Gott gegeben, als er betete: „… nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lukas 22,42). Doch er hat uns nicht aufgefordert, auf den eigenen Willen zu verzichten, zugunsten anderer Menschen, die stellvertretend für Gott stünden. Petrus bekannte vor dem jüdischen Hohen Rat, der die höchste religiöse Autorität seiner Zeit war: „Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst“ (Apostelgeschichte 4,19). Paulus hat den Galatern geschrieben: „Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben – er sei verflucht“ (Galater 1,8). Voller Gehorsam Gott gegenüber erfordert immer das Recht, aus Gewissensgründen zu widersprechen und die Meinungen anderer in Frage zu stellen.

Wie der Codex des Kanonischen Rechtes die Ratschläge, die Jesus in den Evangelien gegeben hat, deutet, erweckt den Eindruck, als ob der Wille und das Eigentumsrecht die Hindernisse wären, die beseitigt werden müssen, um sich Gott vollkommen hingeben zu können.

3.3.4 Armutsgelübde und das Neue Testament

Christen im Neuen Testament verzichteten nicht auf ihr Eigentumsrecht, sondern erachteten ihr Eigentum als etwas, was allen gehört.

Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. (Apostelgeschichte 4,32)

Als geistliche Familie teilten sie natürlicherweise mit allen das, was sie hatten, und das war das Anliegen nicht nur mancher Gläubigen. Die Wohlhabenderen verkauften ihre Besitztümer, damit in der Kirche niemand an Armut leiden musste. Als einer von ihnen, Ananias, einen Teil des Gewinns aus dem Verkauf seines Ackers unaufrichtig versteckte, sagte Petrus zu ihm:

Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? (Apostelgeschichte 5,4a)

Petrus ermahnte Ananias nicht dafür, dass er nicht auf seine „Erwerbs- und Besitzfähigkeit“ verzichtet hatte, sondern für den Mangel an Gottesfurcht und wegen der Heuchelei den Glaubensgeschwistern gegenüber.

Auch das Konzept der Bettelorden, nach dem die Ordensgemeinschaft von Spenden lebt, weicht von der apostolischen Lehre ab. Die Apostel bestanden darauf, dass Christen von der Arbeit ihrer Hände leben und niemandem zur Last fallen:

Setzt eure Ehre darein, ruhig zu leben, euch um die eigenen Aufgaben zu kümmern und mit euren Händen zu arbeiten, wie wir euch aufgetragen haben. So sollt ihr vor denen, die nicht zu euch gehören, ein rechtschaffenes Leben führen und auf niemanden angewiesen sein. (1. Thessalonicher 4,11–12)

Es entspricht nicht der Liebe und Hingabe, dass andere für uns arbeiten. Deswegen hat der Apostel Paulus den Gläubigen angeordnet „… in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen“ (2. Thessalonicher 3,12).

3.3.5 Keuschheitsgelübde und die Bruderliebe

Seit den Anfängen des Klosterlebens im 4. Jahrhundert bildeten Männer und Frauen getrennte Konvente. Gibt es dafür irgendwelche Grundlagen im Neuen Testament? Zusammen mit den Aposteln folgten Jesus auch Frauen, die an ihn glaubten:

Und es geschah in der folgenden Zeit: Er wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn und auch einige Frauen, die von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt worden waren: Maria, genannt Magdalena … Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit ihrem Vermögen. (Lukas 8,1–3)

Die Schrift sagt auch, dass die Jünger nach dem Tod Jesu zusammen mit den Frauen im Gebet und in Gemeinschaft verharrten (Apostelgeschichte 1,15). Das Bewusstsein, dass der Auferstandene unter ihnen ist und ihm alle angehören, heiligte ihre Beziehungen. In den Gemeinden der ersten Christen trennten sich Männer und Frauen nicht voneinander, denn Jesus wollte, dass seine Gemeinschaft als ein Leib vereint ist:

Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht … damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. (1. Korinther 12,21.25)

Sünden der Unreinheit machen uns unfähig zu lieben, Gott zu dienen und zerstören geistliche Beziehungen.6 Unter den Menschen, die Gott mit ganzem Herzen lieben, ist eine reine Bruderliebe etwas Natürliches. Das Prinzip der Aufteilung der Orden in Frauen- und Männerklöster schafft eine künstliche Realität, die den Mangel an dieser Liebe zeigt.

3.3.6 Berufung zum Gebet

Einige glauben, dass ihre Berufung darin besteht, sich von der Welt abzusondern, um für andere zu beten. Jesus selbst gibt uns das beste Beispiel für ein Leben im anhaltenden Gebet. Er betete viel, z. B. nachts, was nichts daran änderte, dass er tagsüber für andere da war. Er wandte sich zum Vater im Gebet, um seine Führung im Dienst an anderen Menschen zu finden, sie zu lieben und zu tragen, um zu sehen, was sie brauchen und mit welchen Worten und Taten er den Vater verherrlichen soll:

Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt … In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. (Markus 1,32–33.35–37)

Im Neuen Testament gibt es kein einziges Beispiel dafür, dass ein Christ in der Einsamkeit als Einsiedler oder Eremit lebt. Wenn jemand andere auf Dauer meidet, um sich besser auf das Gebet für sie zu konzentrieren, dann betet er nicht wie Jesus mit Liebe und Bereitschaft, Gott und anderen zu dienen, wo auch immer es gerade notwendig ist.

Es gibt Situationen im Neuen Testament, in denen Gläubige ihre Arbeit eine Zeitlang aufgegeben haben, um einen bestimmten Dienst in der Gemeinde erfüllen zu können. Aber das Gebet und die Konzentration auf die eigene Beziehung zu Gott gehörten nicht zu solchen Diensten. Es ist wichtig, sich tief an Gott zu wenden, aber warum sollte es eine Berufung nur für einige sein? Was ist mit denen, die arbeiten müssen? Das Beispiel des Apostel Paulus, der alle Christen ermutigte: „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,1), zeigt, dass das Gebet zum Alltag des Gläubigen gehört und keine besondere Aktivität ist, die einen speziellen Lebensstil erfordert. Arbeit schränkt die Hingabe an Gott nicht ein, sondern bringt sie zum Ausdruck, wenn sie nicht der Erfüllung eigener materieller Ziele dient, sondern der Verantwortung für sich selbst und der Unterstützung anderer. Ein Ausharren im Gebet inmitten der täglichen Aktivitäten wie beim Kochen, auf dem Weg zur Schule oder bei der Arbeit ist ein Prüfstein unseres Glaubens.

3.3.7 Demut und Hochmut

Wenn sich ein Mensch von der Welt zurückzieht, wendet er sich von vielen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung ab. Dieser Verzicht unterstützt jedoch eine andere, subtilere Art des Ehrgeizes: Den Wunsch, zu denen zu gehören, die besonders demütig und Gott ergeben sind, die direkt von ihm berufen wurden. Stolz kann sich auch als übertriebene Demut zeigen, die ein demütiger Mensch nicht braucht. Jesus hat sich nicht mit Askese umgeben und seine Armut zur Schau gestellt, weil er wusste, dass das, was uns Gott näherbringt, im Herzen geschieht. Die äußeren Frömmigkeitsformen können nur Menschen, aber nicht Gott beeindrucken. Der Gedanke, Anerkennung zu suchen, war Jesus völlig fremd:

Ehre von Menschen nehme ich nicht an … Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander annehmt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt? (Johannes 5,41.44)

In einem seiner Briefe warnte Paulus Christen vor dem Einfluss nichtchristlicher, asketischer und mystischer Strömungen, die wahrscheinlich auf jüdischen und gnostischen Elementen beruhen:

Niemand soll euch den Kampfpreis absprechen, der sich gefällt in Unterwürfigkeit und Verehrung, die er den Engeln erweist, der als Eingeweihter mit Visionen prahlt und sich ohne Grund nach weltlicher Art wichtig macht. Er hält sich nicht an das Haupt, von dem aus der ganze Leib durch Gelenke und Bänder versorgt und zusammengehalten wird und durch Gottes Wirken wächst. Wenn ihr mit Christus den Elementarmächten der Welt gestorben seid, warum lasst ihr euch dann, als würdet ihr noch in der Welt leben, vorschreiben: Berühre das nicht, iss das nicht, fass das nicht an! Das alles wird verbraucht und dadurch vernichtet. Menschliche Satzungen und Lehren sind es. Man sagt zwar, in ihnen liege Weisheit, es sei freiwillige Frömmigkeit und Unterwürfigkeit, den Leib nicht zu schonen. Doch das bringt keine Ehre ein, sondern dient nur zur Befriedigung irdischer Eitelkeit. (Kolosser 2,18–23)

3.4 Spricht das Neue Testament über die Berufung zum Priestertum?

Von der priesterlichen Berufung spricht das Neue Testament nur einmal – in Hebräer 5,4. Dort geht es um die Berufung von dem Leviten Aaron und seinen Nachkommen zur Zeit des Alten Testaments, um Schlacht- und Speiseopfer im Zelt der Begegnung (und später im Tempel von Jerusalem) darzubringen. Der Hebräerbrief erklärt, dass der Hohepriester im Neuen Bund Christus ist, der sich uns ein für allemal als Opfer des Gehorsams und der Liebe hingegeben hat. Dieses Opfer ist kein Ritual wie die Opfer des Alten Bundes, sondern die aufopfernde Liebe Jesu, die sich in seinem Leben und Tod ausdrückt. In Christus haben das Priestertum und die Opfer des Alten Testaments ihre Erfüllung gefunden, weshalb es im Neuen Bund keine Priester und Opfer mehr gibt, weil Jesus für immer lebt und der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch ist.

So ist auch Jesus zum Bürgen eines besseren Bundes geworden. Auch folgten dort viele Priester aufeinander, weil der Tod sie hinderte zu bleiben; er aber hat, weil er in Ewigkeit bleibt, ein unvergängliches Priestertum. Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten. Ein solcher Hohepriester ziemte sich in der Tat für uns: einer, der heilig ist, frei vom Bösen, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel; einer, der es nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohepriester zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen und dann für die des Volkes; denn das hat er ein für allemal getan, als er sich selbst dargebracht hat. (Hebräer 7,22–27)

Im übertragenen Sinne spricht das Neue Testament noch vom universellen Priestertum aller Christen, wobei jeder sein ganzes Leben, seinen Dienst in Liebe Gott als Opfer darbringt (z. B. 1. Petrus 2,5.9; Offenbarung 1,6; 5,10; 20,6; Römer 12,1–2). Sonst existiert der Begriff des christlichen Priesters im Neuen Testament nicht. Das griechische Wort hiereus (Priester) wird nur zur Beschreibung jüdischer oder heidnischer Priester verwendet. In der Urkirche gab es keine Funktion einer Person, die beim Abendmahl auf dem Altar die Wandlung vollzieht. Die Christen teilten Brot und Wein am gemeinsamen Tisch, an dem sie sich auch vorher zum Essen trafen (Apostelgeschichte 2,42.46 oder 1. Korinther 10 und 11). Christus war in Brot und Wein, die sie teilten, auf der Grundlage ihrer Liebe und Einheit, die die Gemeinschaft vereinte, gegenwärtig. Das Neue Testament spricht auch nicht darüber, dass nur ausgewählte Personen die Taufe spenden, Sündenbekenntnisse entgegennehmen oder Zeugen einer Eheschließung sein können.

Die katholische Tradition meint neutestamentliche Priester überall dort in der Schrift zu sehen, wo diese von den Ältesten der Kirche spricht (griechisch presbyteros, wörtlich: ein älterer Mensch). Die Ältesten des Neuen Testaments waren jedoch keine Priester, sondern erfahrene Christen, die einen anhaltenden Gehorsam Gott gegenüber erwiesen hatten und denen die Fürsorge um die Gemeinden und die Verantwortung für das Bewahren der richtigen Lehre anvertraut war. Die Beschreibungen der Aufgaben der Ältesten in 1. Timotheus 3,1–7 und in Titus 1,5–97 erwähnen nicht das Feiern des Abendmahls oder das Leiten von Gemeindeversammlungen.8 Beide Beschreibungen erwähnen auch die Tatsache, dass ihr Familienleben ein Zeugnis sein sollte – das Zölibat gab es damals nicht. Im Neuen Testament gibt es auch den Begriff von Ordination (Priesterweihe) nicht.

Ältester zu sein ist kein Beruf, auf den man in einer speziellen Universität vorbereitet werden kann. Vorträge können einem nicht Liebe zu Gott, Gehorsam dem Wort gegenüber, ein heiliges Leben lehren; man kann in diesen Dingen keine Prüfung ablegen, um einen Titel zu erlangen. Das sind Entscheidungen und Einstellungen, die aus der Beziehung zu Gott entspringen und die durch die Gemeinschaft mit Christen gestärkt werden. Heute werden in den Priesterseminaren unter anderem Psychologie, Soziologie, Führungskräftetraining, Aussprachetraining, Rhetorik oder Gesang unterrichtet. Jesus bereitete seine Jünger ganz anders vor: ohne auf Wissen und Fähigkeiten zu bauen, sondern auf das Wirken des Heiligen Geistes in denen, die Gott lieben. Solche Menschen suchte er und tat alles, was er konnte, um sie in Erkenntnis und Glauben zu stärken.

In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. (Lukas 10,21)

3.4.1 Die Gefahr der religiösen Heuchelei

Jesus warnte nachdrücklich vor der Gefahr der Heuchelei, die besonders für Menschen gilt, die als religiöse Autoritäten betrachtet werden. Damals waren das vor allem die Pharisäer, Mitglieder einer besonders eifrigen religiösen Partei, deren ursprüngliches Ziel es war, das jüdische Volk zu ermutigen, den Geboten Gottes zu gehorchen. Leider ist dieses Ideal mit der Zeit verloren gegangen. Jesus beurteilte die Pharisäer seiner Zeit folgendermaßen:

Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen … Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von Raffsucht und Gier. Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie getünchte Gräber, die von außen schön aussehen, innen aber voll sind von Knochen der Toten und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit. (Matthäus 23,5–7.25–28)

Das traurige Beispiel der Pharisäer ist eine Warnung vor äußerer Frömmigkeit, die zu einer Maske wird, die vor anderen und vor sich selbst getragen wird. Kleidung oder Symbole können niemanden innerlich verändern. Im Gegenteil, sie erzeugen einen Schein, der es anderen schwer macht zu erkennen, wie wir wirklich sind. Niemand setzt Heuchelei beim anderen voraus, sie erscheint unmerklich und wirkt allmählich wie ein Sauerteig. Wenn wir äußere und unbiblische Formen der Frömmigkeit akzeptieren, öffnen wir uns für diese Sünde.

Jesus sagte:

Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten. (Matthäus 6,5–6)

Jesu strenge Worte spiegeln Gottes Charakter wider: Er ist das Licht und liebt die Wahrheit. Ihm ist nicht das korrekte Einhalten der Form wichtig, sondern eine aufrichtige Beziehung zum Menschen, die auf Wahrheit und Liebe beruht. Mit seinem Wort erreicht Gott das Herz des Menschen und führt ihn zu einer vollständigen Veränderung seines Denkens und Lebens. Die Durchführung von Ritualen kann bis zu einem gewissen Grad den Mangel an dieser Veränderung verbergen, aber sie kann ihn nicht kompensieren. Wie Gott das sieht, zeigt zum Beispiel der alttestamentliche Ruf des Propheten Amos:

Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,21–24)

Der Beruf des Priesters ist mit der Entwicklung der „Institution Kirche“ entstanden und macht einen wichtigen Bestandteil darin aus; doch, wie die katholischen Theologen selbst zugeben, existierte er in der Urkirche nicht. Wir möchten dazu ermuntern, offen darüber nachzudenken, ob diese Funktion tatsächlich in Gottes Augen Anerkennung findet und seinen Zielen dient. Jesus plante die Kirche nicht als eine Institution, sondern als eine Gemeinschaft, die auf der Entscheidung, ihm nachzufolgen, gründet. Wenn Menschen, die ihm nicht nachfolgen, Sakramente der kirchlichen Zugehörigkeit spenden, handeln sie dann im gleichen Geist wie er? War es von Jesus so gedacht, dass, obwohl die liturgischen Rituale kontinuierlich vollzogen werden, das Leben der Teilnehmer weit von dem entfernt bleibt, was er lehrte?

4 Alle sind berufen

Der Sinn der biblischen Berufung ist, Menschen zu vereinen, und nicht, sie in verschiedene Klassen einzuteilen. Jesus wollte, dass es keine Trennung unter seinen Jüngern gibt in geistlich und weniger geistlich, aktiv und passiv, die Gottesnahen und die Gottesfernen, die Führer und ihre Untergebenen:

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. (Matthäus 23,8–10)

Der Sinn der Menschwerdung des Sohnes Gottes und der Sendung des Heiligen Geistes besteht darin, dass Gott in jedem, der ihn liebt und ihm gehorchen will, mit der gleichen Kraft wohnen und wirken kann. Gott möchte jeden zur Erkenntnis seines Wesens und Willens führen. Diese Menschen sind seine Jünger, sein Tempel und seine Priester.

Zwar gab es im Alten Testament viele Juden, die äußerlich zum Volk gehörten, dem Herzen nach aber nicht. Durch die Propheten hat Gott jedoch verkündet, dass er einen Neuen Bund will, in dem es in seinem Volk keine lauen, äußerlichen Scheingläubigen mehr gibt:

… Sondern so wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – Spruch des HERRN: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den HERRN!, denn sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten, werden mich erkennen – Spruch des HERRN. Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr. (Jeremia 31,33–35)

Diese Prophetie findet ihre Erfüllung in der Gemeinschaft der Christen. Die Aufteilung in Laien und Geistliche kommt aus dem Missverständnis dessen, was Kirche bedeutet. Diese Stände stellt die Menschen vor die Notwendigkeit einer Wahl. Doch Gottes Berufung ist eine für alle: ein Aufruf zur Umkehr, zur Nachfolge Jesu und zum heiligen Leben in brüderlicher Gemeinschaft. Im Katholizismus ist die Berufung die Wahl einer der möglichen Wege für dieses Leben. Im Neuen Testament hingegen ist die Berufung die Wahl des schmalen Weges, der zur Ewigkeit führt: Die Wahl zwischen Tod und Leben.

Mit diesem Text wollen wir jeden unterstützen, der in Betracht zieht, sich ganz für Gott hinzugeben – zuallererst, indem man sich bewusst wird, wie sehr sich die von Jesus gelehrte Hingabe von den geläufigen Vorstellungen unterscheidet. Aber wir wollen auch den Weg Jesu zusammen mit anderen immer besser kennenlernen und gemeinsam gehen. Wir hoffen, dass Du durch die Auseinandersetzung mit diesen Bibelstellen und Gedanken die Frage der Berufung aus einer neuen Perspektive sehen kannst. Sicherlich sind wir hier nicht auf alles eingegangen. Wenn Du Fragen oder Anregungen hast oder wenn Du darüber nachdenkst, was wir geschrieben haben, würden wir uns freuen, wenn Du uns kontaktierst.


Fußnoten

  1. Griechisch kaleo bedeutet u. a. „rufen, aufrufen, berufen, einladen, benennen“. ↩︎
  2. Mehr darüber haben wir im Thema „Gott ist die Liebe“ geschrieben. ↩︎
  3. Bis vor Kurzem wurde der Name Junia als männlicher Name Junias übersetzt – so z. B. Schlachter. Wegen einer Fehlinterpretation der grammatischen Form dieses Wortes (die Schreibweise wäre in beiden Fällen gleich, der Akzent über dem letzten Buchstaben macht den Unterschied aus) und weil der Gedanke von einer Frau, die in der Kirche Autorität genießt, zu den späteren doktrinalen Vorstellungen nicht passte. Der männliche Name Junias ist der altgriechischen Literatur nicht bekannt. ↩︎
  4. Mehr über das biblische Verständnis über die Kirche findest du im Thema „Die Kirche“. ↩︎
  5. Professe ist eine Person, die ein Ordensgelübde abgelegt hat. ↩︎
  6. Mehr dazu im Thema „Der Wert der Reinheit“. ↩︎
  7. Diese Stelle ist auch ein Beweis, dass die biblischen Begriffe Älteste (presbyteros) und Bischof (episkopos – ein Aufseher) dieselben Personen bezeichnen – vergleiche Verse 5 und 7. Ähnlich auch in Apostelgeschichte 20,17.28. ↩︎
  8. Mehr über die Ältesten findest du unter dem Thema „Dienste in der Gemeinde“. ↩︎

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