Gottes Erlösungswerk, Teil 3: Der Heilsweg im Alten Bund
Viele Menschen denken heute im Zusammenhang mit der Erlösung, dass es für Gott unmöglich sei, gerecht zu sein und zugleich Sünden ungestraft zu lassen. Da Gott uns, aufgrund seiner Liebe zu uns, vor dieser Strafe retten wollte, hätte er statt uns seinen eigenen Sohn bestraft, indem er ihn in der schwierigsten Situation seines Lebens – am Kreuz – verließ, indem er ihn statt uns als Sünder betrachtete. Diese Auffassung über den Tod Jesu wurde (mit Abweichungen) stark durch Martin Luther[1] und Johannes Calvin[2] geprägt. Viele religiöse Gruppen erklären die Erlösung in einer Terminologie, die einer Gerichtsverhandlung entspricht. Der Richter ist verpflichtet, sein Urteil nach den Gesetzen des Staates zu fällen. Ein Freispruch bei einem schweren Verbrechen wäre eine Verletzung des Rechtes. Gottes Gerechtigkeit ist aber anders. Wenn ein Sünder seine Sünden bereut, verlangt Gott keine Strafe.
Im Folgenden möchten wir über einige Bibelstellen nachdenken, die angeführt werden, um zu zeigen, dass Jesus am Kreuz von Gott verlassen worden sei und als Strafe für unsere Sünden die Verdammnis erfahren hätte.

In Matthäus und Markus finden wir unter den letzten Worten Jesu am Kreuz:
[…] Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matthäus 27,46b; vergleiche Markus 15,34b)
Jesus zitierte diese Worte aus Psalm 22. Der Zusammenhang des gesamten Psalms hilft uns, den Inhalt seiner Worte zu verstehen. Am Anfang des Psalms (Vers 2) schreit der Psalmist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Fern von meiner Rettung sind die Worte meines Gestöhns.“ Er erinnert sich an die Väter seines Volkes, die auf wunderbare Weise Gottes Hilfe erfuhren: „Auf dich vertrauten unsere Väter; sie vertrauten, und du rettetest sie.“ (Vers 5) Aber er hatte diese Erfahrung noch nicht gemacht: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.“ (Vers 7) Er erfährt eine schwere Verfolgung durch böse Menschen: „Denn Hunde haben mich umgeben, eine Rotte von Übeltätern hat mich umzingelt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben.“ (Vers 17) Er bittet Gott, ihn daraus zu erretten: „Errette vom Schwert meine Seele, meine einzige aus der Gewalt des Hundes.“ (Vers 21), und Gott hört sein Gebet: „Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut das Elend des Elenden, noch sein Angesicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er.“ (Vers 25) Der Psalm endet mit Gottes Lob.
Im Zusammenhang des Psalms sehen wir,
In einer Situation, in der es aus menschlicher Sicht aussah, als ob Gott Jesus verlassen hätte, betete Jesus dieses Gebet voller Vertrauen auf Gottes Errettung.
Das unverdiente Leiden gerechter Menschen ist ein Thema, das in der Bibel immer wieder vorkommt. Jesus, als der vollkommen Gerechte hat das Leid in Übereinstimmung mit der Botschaft des Alten Testamentes erfahren. Jesus hatte nicht mehr die körperliche Kraft, den gesamten Psalm zu zitieren, aber den Juden war der Zusammenhang seiner Worte bekannt. Jesus brachte mit diesen Worten seine Gerechtigkeit und Zuversicht auf Gottes Errettung zum Ausdruck. Das wird noch deutlicher, wenn wir diese Worte mit Jesu letzten Worten im Lukasevangelium vergleichen, die voller Zuversicht Gott gegenüber waren:
Und Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist! (Lukas 23,46a)
Der Hauptmann, der in der Nähe des Kreuzes Jesu stand, und sah, wie er starb, bezeugte über ihn:
Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüber dabeistand, sah, dass er so verschied, sprach er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn! (Markus 15,39)
Der Hauptmann hätte einen von Gott verlassenen Menschen nicht als Sohn Gottes erkannt. Wäre Jesus von Gott verlassen worden, wäre er nicht zu diesem Zeugnis fähig gewesen. In der Parallelstelle in Lukas bezeugt der Hauptmann, dass Jesus gerecht war (Lukas 23,47). Das macht auch deutlich, dass Jesus nicht als Sünder starb, der von Gott verlassen wurde.
Am Abend vor seinem Tod drückte Jesus aus, dass ihn zwar seine Jünger, niemals jedoch sein Vater verlassen würde:
Siehe, es kommt die Stunde und ist gekommen, dass ihr euch zerstreuen werdet, ein jeder in seine Heimat und mich allein lassen werdet; doch ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. (Johannes 16,32)
Jesus erfüllte diese prophetischen Worte aus dem Buch Jesaja:
Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. (Jesaja 53,4–5)
Dieser Text ist eine der vier „Gottesknechtslieder“ genannten Jesajaprophetien (Jesaja 42,1–9; 49,1–13; 50,4–11; 52,13–53,12), in denen der Prophet den Messias „Knecht des Herrn (Gottesknecht)“ nennt. Schritt für Schritt werden der Charakter und der Auftrag des Knechtes offenbart. In dem oben zitierten vierten Gottesknechtslied hören wir zum ersten Mal in der Bibel, dass der Messias unsere Sünden tragen wird. Dieses Tragen der Sünden der Menschen bedeutet aber nicht, dass er von Gott geistlich getrennt ist. Die Worte des Gottesknechtes im dritten Lied zeigen, dass Gott ihm auch in seinem Leid nahe ist:
Aber der Herr, HERR, hilft mir. Darum bin ich nicht zuschanden geworden, darum habe ich mein Gesicht hart wie Kieselstein gemacht. Ich habe erkannt, dass ich nicht beschämt werde. Nahe ist, der mir Recht schafft: Wer will mit mir einen Rechtsstreit führen? Lasst uns zusammen hintreten! Wer ist mein Rechtsgegner? Er trete her zu mir! (Jesaja 50,7–8)
Von außen betrachtet musste er in seinem Leiden „für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt“ (Jesaja 53,4) gehalten werden. Aber die Prophetie selbst offenbart, dass diese Auslegung nicht stimmt. Gott ist nicht derjenige, der zornerfüllt seinen Knecht zermalmt, sondern er setzt ihn der Bosheit der Menschen aus, indem er ihn mit einem guten Ziel in eine verdorbene Welt sendet. Der nächste Vers drückt das in folgenden Worten aus:
Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen eigenen Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld. (Jesaja 53,6)
Unsere Schuld wird nicht in magischer Weise von uns auf den Knecht übertragen. Es gibt hier eine direktere Auswirkung der Sünden der Menschen auf den Knecht. Er kommt in unsere Welt, um uns mit Gott zu versöhnen. Dadurch wird er aber auch mit der Bosheit der Menschen konfrontiert und ihr ausgesetzt.
Wenn es in Jesaja 53,6 heißt, dass der HERR ihn unser aller Schuld treffen ließ, dann möchte der Prophet damit sagen, dass der Herr den Einfluss der Sünden der Menschen auf seinen Knecht in Kauf nahm und ganz bejahte. Nichts auf dieser Erde geschieht, ohne dass Gott es weiß und zulässt. In ähnlicher Weise beschreibt Paulus, dass Gott das Kommen des Gesetzlosen zulassen wird: „Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben“ (2. Thessalonicher 2,11).[3] Dem westlichen Denken des 21. Jahrhunderts ist es eher fremd, das Wirken Gottes in dieser Weise auszudrücken. Es ist jedoch eine Tatsache, dass im Hebräischen manchmal eine aktive Form gebraucht wurde, um auszudrücken, dass Gott etwas zulässt. Damit wurde deutlich gemacht, dass die Situation nicht seinen Händen entglitten war.
Matthäus zitierte Jesaja 53 in seinem Evangelium im Zusammenhang mit den Heilungen Jesu:
Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit seinem Wort, und er heilte alle Leidenden, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: „Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten.“ (Matthäus 8,16–17)
Jesu Heilungen und Wunder waren als Zeichen dafür gedacht, dass das Reich Gottes nahe herbei gekommen war, und drückten auch Gottes Willen zur geistlichen Erneuerung des gefallenen Menschen aus. Gott steht unserem Leid nicht gleichgültig gegenüber. Er hat sich erniedrigt, indem er Mensch geworden ist und uns gedient hat. Das ist auch mit folgenden Worten gemeint: „Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen“ (Jesaja 53,4). Er selbst wurde nicht krank und wurde auch nicht Sünder, sondern er verließ seine Herrlichkeit, kam uns ganz nahe, um uns vom Leiden und Tod zu befreien.
Jesu Verbundenheit mit der Menschheit ging sogar noch einen Schritt weiter. Obwohl er selbst kein Sünder war, ließ er sich wie der schlimmste Übeltäter behandeln. Trotz seiner Unschuld wurde er als Verbrecher und Gesetzesübertreter hingerichtet. Jesaja beschreibt das mit den Worten: „Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden.“ (Jesaja 53,5) Jesus wurde von den Menschen in einer Weise bestraft, dass er wie ein von Gottes Zorn Getroffener erschien. Aber diese Strafe kam nicht von Gott. Im Gegenteil: Gott hat das Böse, das die Menschen getan haben, zum Guten gewendet. Sein Leid sollte zu unserem Frieden führen.[4]
Ähnliches drückt Paulus auch in seinem Brief an die Galater aus:
Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist – denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!“ (Galater 3,13)
Paulus bezog sich auf die alttestamentliche Stelle in Deuteronomium 21,22–23, die regelt, wie man nach dem Gesetz mit hingerichteten Verbrechern verfahren soll. Dort heißt es: „[…] Denn ein Aufgehängter ist ein Fluch Gottes.“ Paulus schreibt gerade nicht, dass er „von Gott“ verflucht ist, weil Jesus am Kreuz nicht vom Vater verflucht war. Der Vater war bei ihm in seinem Leiden. Jesus ist nicht ein Sünder geworden, er hat aber wie ein Sünder gelitten. Im Zusammenhang des Alten Testaments setzt die zitierte Stelle voraus, dass der Hingerichtete gerechterweise verurteilt worden ist, was aber bei Jesus nicht der Fall war.
Damals traten in den Gemeinden Galatiens Irrlehrer auf, die die dortigen Christen dazu bringen wollten, das jüdische Gesetz zu halten, obwohl sie, die aus dem Heidentum kamen, von Gott in Christus ohne das Halten des jüdischen Gesetzes angenommen worden waren. Paulus warnte sie, dass wenn sie nun anfangen, das Gesetz zu halten, sie „aus der Gnade fallen“ werden (Galater 5,3–4). Paulus spricht über das Gesetz als ein Regelwerk, das „nicht aus Glauben“ ist (Galater 3,12). Das Gesetz, in diesem engen Sinn verstanden, verurteilt jeden, „der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun“ (Galater 3,10), und auch jeden, „der am Holz hängt“, also auch Christus.
Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes durch das Annehmen des Kreuzes, befreit. Er wurde wie ein verfluchter Verbrecher hingerichtet. Er wurde von den Menschen verachtet, ja sogar im Sinne des zitierten Verses „verflucht“. Aber er hat uns gezeigt, was es heißt, aus Glauben zu leben. Er hat uns vom Gesetz frei gemacht. Die Galater, die in der Versuchung waren, ihre Zuversicht im Gesetz zu finden, mussten durch das Lesen dieser Worte beschämt worden sein. Jesus hat die Ungerechtigkeit der Menschen ertragen. Er hat aber nicht seine eigene Gerechtigkeit verloren.
[…] Durch seine Erkenntnis wird der Gerechte, mein Knecht, den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, und ihre Sünden wird er sich selbst aufladen. (Jesaja 53,11b)
Jesus hat nie Gottes Wohlgefallen verloren, Gott war in seinem Leben und Sterben bei ihm. Ohne Gottes Hilfe, wenn er wirklich in der schwierigsten Situation seines Lebens von ihm verlassen gewesen wäre, um allein zu kämpfen, wäre Jesus ein „Held“ gewesen, der alles alleine schafft, nicht ein Mann des Glaubens. Das war aber niemals Gottes Absicht. Jesu Zeugnis war, dass wir mit Gott und nur mit Gott allen Versuchungen und Anfechtungen widerstehen können. Wie hätte Jesus mit Gottes Kraft kämpfen können, eine äußerst schwierige Situation anzunehmen und durchzustehen, von der er wusste, dass Gott ihn verlassen würde? Jesus sagte:
Und der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue. (Johannes 8,29)
Wäre es nicht die größte Ungerechtigkeit, einen völlig unschuldigen Menschen zu verlassen?
Denn der HERR liebt Recht und wird seine Frommen nicht verlassen; ewig werden sie bewahrt (Psalm 37,28a)
Sollte Gottes Gerechtigkeit sich durch die größte Ungerechtigkeit zeigen? Im Alten Testament offenbart Gott seine Abscheu vor Menschenopfern (Jeremia 7,31). Die Vorstellung, dass Jesu Leiden und sein Tod Gottes Gerechtigkeit zufrieden stellte und Gott ihn sogar noch verlassen haben soll, kommt dieser heidnischen Praxis und Denkweise nahe.
Wenn Gott in Jesu Leiden immer mit ihm war, warum hat er dann das Leiden überhaupt zugelassen? Warum war es sein Wille? Die Bibel beschreibt den Tod Jesu als Konsequenz der Bosheit der Menschen und der Ablehnung seines Rufes zur Umkehr (Johannes 1,10–11; Matthäus 21,33–41). In der gefallenen Welt ist es nicht möglich, ohne Leiden in der Wahrheit zu leben (2. Timotheus 3,12).
Gott wäre stark genug gewesen, Jesus von allen bösen Menschen zu bewahren, aber er wusste, dass das für uns nicht das Beste gewesen wäre. Eine böse Absicht (Jesus zu töten) kann niemals etwas Gutes (die Erlösung) bewirken. Aber die Antwort Jesu – wie er sein Leiden und seinen Tod getragen hat – öffnet uns den Weg zurück zu Gott.
Sein Leiden war für Jesus ein sehr schwerer Kampf. Er ist diesem Kampf nicht aus dem Weg gegangen. Durch Demut und Gebet erfuhr er von Gott die Kraft, diesen Kampf zu bestehen.
Der hat in den Tagen seines Fleisches sowohl Bitten als auch Flehen mit starkem Geschrei und Tränen dem dargebracht, der ihn aus dem Tod retten kann, und ist um seiner Gottesfurcht willen erhört worden, und lernte, obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam; und vollendet ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden (Hebräer 5,7–9)
Durch seine Auferstehung und Verherrlichung hilft uns Jesus nun, die gleiche Gesinnung in unseren Kämpfen zu haben – uns unsere Schwachheiten einzugestehen und mit seiner Hilfe fähig zu sein, sie zu tragen.
[…] denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden. (Hebräer 2,18)
Als Christen erfahren wir auch manchmal Leid und Schmerz. Mit seiner Hilfe ist das für uns keine unerträgliche Last. Dass Jesus so viel erlitten hat und alle Schwierigkeiten überwunden hat, ist ein Trost für uns und stärkt unser Vertrauen in ihn – das Vertrauen, dass er immer mit uns ist – selbst in den schwierigsten Situationen. Er lädt uns ein:
Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Matthäus 11,28–30)
Im Neuen Testament finden wir wiederholt Aussagen über die Nachfolge Jesu und das Leben als Christ, wo es darum geht, dass wir das Kreuz auf uns nehmen, oder dass wir zusammen mit Christus sterben (vergleiche Matthäus 16,24; Johannes 12,24–26; Römer 6,3–4; Galater 5,24; Philipper 3,10; Kolosser 2,12):
[…] ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, und zwar im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. (Galater 2,19–20)
Der Tod Jesu war nicht umsonst. Der gekreuzigte und auferstandene Christus führt uns den Weg, auf dem wir unseren Sünden und weltlichen Zielen sterben und ein neues von Freude erfülltes Leben finden, das uns niemand mehr nehmen kann.
Und als sie ihnen viele Schläge gegeben hatten, warfen sie sie ins Gefängnis und befahlen dem Kerkermeister, sie sicher zu verwahren. Dieser warf sie, als er solchen Befehl empfangen hatte, in das innere Gefängnis und befestigte ihre Füße im Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen Gott; und die Gefangenen hörten ihnen zu. (Apostelgeschichte 16,23–25)
Denn die Liebe Christi drängt uns, da wir zu diesem Urteil gekommen sind, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und für alle ist er gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist. (2. Korinther 5,14–15)
Mehr über Jesu Tod ist im Artikel „Jesus starb für uns – ein Opfer“ zu finden.
Am Anfang dieses Artikels beschrieben wir kurz das Erlösungsverständnis, wie es manche richtunggebende Persönlichkeiten vertreten haben. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass auch heute noch viele Menschen von diesem Denken beeinflusst sind, und ihr Verständnis über Gott und Umkehr dadurch geprägt ist. Wenn es so wäre, dass Jesus deswegen gelitten hätte und gestorben wäre, weil ein göttliches Prinzip der „Gerechtigkeit“ Strafe fordert, und Jesus deswegen auch von Gott getrennt worden wäre, dann hätte der Auftrag Jesu darin bestanden, etwas in Gott zu bewirken und nicht in uns. Es ginge darum, dass Gott uns nun anders sieht und anders mit uns umgeht, nicht aber, dass er eine grundlegende Änderung in unserem Leben bewirken würde.[5] Mit anderen Worten: Die Erlösung würde nicht dazu führen, dass wir gerecht gemacht werden, sondern dass wir nur als gerecht gesehen werden, als ob Gott nun durch eine andere Brille auf uns schauen würde.
Die Bibel hingegen spricht davon, dass die uns in Jesus geschenkte Erlösung zu einer wirklichen Änderung des Lebens führt, die auch sichtbar ist. Als Christen können wir nicht weiter in schweren Sünden leben:
Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habsüchtige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und das sind manche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. (1. Korinther 6,9–11)
Jesus ist nicht gekommen, uns in unseren Sünden zu erlösen, sondern um uns von unseren Sünden zu befreien (Matthäus 1,21). Er möchte nicht nur unsere Taten reinigen, sondern auch unsere Gedanken und Motive, sodass wir ein Leben in Liebe und Hingabe leben können.
Die nun sein Wort aufnahmen, ließen sich taufen; und es wurden an jenem Tag etwa dreitausend Seelen hinzugetan. Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. Es kam aber über jede Seele Furcht, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle Gläubig gewordenen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; und sie verkauften die Güter und die Habe und verteilten sie an alle, je nachdem einer bedürftig war. Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen zu Hause das Brot, nahmen Speise mit Jubel und Schlichtheit des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst beim ganzen Volk. Der Herr aber tat täglich hinzu, die gerettet werden sollten. (Apostelgeschichte 2,41–47)
Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben. Denn wie er, so sind auch wir in dieser Welt. (1. Johannes 4,16–17 Einheitsübersetzung)
Ohne dass wir unser Leben tief verändern, und ohne Liebe können wir nicht die Zuversicht haben, das ewige Leben zu erlangen. Die Quelle unserer Zuversicht liegt nicht in unseren Taten, sondern in unserer Beziehung zu Jesus.[6] Doch ohne ein Leben in der Gerechtigkeit können wir diese Beziehung zu ihm nicht haben und sie auch nicht aufrechterhalten.
Und jetzt, meine Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er erscheint, die Zuversicht haben und bei seinem Kommen nicht zu unserer Schande von ihm gerichtet werden. Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, erkennt auch, dass jeder, der die Gerechtigkeit tut, von Gott stammt. (1. Johannes 2,28–29 Einheitsübersetzung)
Jesus sagte:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen. (Johannes 15,5–7)
Jesus beschreibt die Beziehung zu ihm als ein „in ihm Bleiben“. In Christus zu bleiben heißt, erlöst zu sein. Nicht in ihm zu bleiben bedeutet, hinausgeworfen zu werden und zu „verbrennen“. Johannes drückte es ähnlich aus:
Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde. (1. Johannes 1,6–7)
Eine aufrichtige Beziehung zu Jesus, durch die wir gereinigt werden, kann es nur geben, wenn wir im Licht wandeln. Im Licht zu leben heißt nicht, sündlos zu sein, sondern in allen Bereichen unseres Lebens nach Heiligung zu streben, unsere Sünden Gott und einander zu bekennen und uns von ihnen abzuwenden. Das sind die unentbehrlichen Auswirkungen der Erlösung in unserem Leben. Erlösung ist eine unverdiente Gabe, die in Christus grundgelegt wurde. Wenn wir sie annehmen, können wir nicht unser altes, böses Leben fortsetzen, weil es die Gemeinschaft mit ihm – und in ihm zu sein – unmöglich machen würde.
Aus ihm aber kommt es, dass ihr in Christus Jesus seid, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung (1. Korinther 1,30)
Jesus ist auferstanden und setzt seine Mittlerschaft fort. Jeder, der sich Gott durch ihn nahen möchte, wird alles erhalten, was er braucht, um sein Leben zu ändern, darin auszuharren und ans Ziel zu gelangen.
Die Bibel spricht oft und in unterschiedlicher Weise darüber, dass Jesus zu unserer Erlösung gestorben ist. Wir haben gezeigt, dass das weitverbreitete Verständnis, dass Gott, um uns vergeben zu können und trotzdem gerecht zu sein, einen Unschuldigen statt uns bestrafen musste, von der Heiligen Schrift nicht gelehrt wird. Dieses Verständnis führt zu schwerwiegenden Problemen. Hingegen
In der Mitte der biblischen Botschaft steht die Wiederherstellung der Beziehung zwischen Mensch und Gott, die in Folge der Sünde des Menschen zerbrochen ist. Gott kommt uns in Jesus nahe und befähigt uns dadurch, dass wir uns ihm nahen können.
Alles aber von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat, nämlich dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete […] (2. Korinther 5,18–19)
Durch die Menschwerdung hat Jesus unsere Natur angenommen. Er wurde einer von uns, mit all unseren Schwächen, Versuchungen und Bedrängnissen. Er identifiziert sich mit unserer Schwachheit. So hat er auch das Leiden und die Kreuzigung auf sich genommen, als er von denen abgelehnt wurde, zu deren Hilfe er gekommen ist.
Denn es geziemte ihm, um dessentwillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihrer Rettung durch Leiden vollkommen zu machen. (Hebräer 2,10)
Jetzt lädt er uns ein, mit ihm den gleichen Weg zu gehen, den auch er gegangen ist: die Schwachheit unserer vergänglichen Natur anzunehmen, aber durch Glauben, Liebe und Demut stark zu sein. Er, der von den Toten auferstanden ist, der jetzt in der Herrlichkeit des Vaters ist, vereint uns mit Gott und schenkt uns Vergebung und alles, was wir brauchen, um das ewige Leben zu erlangen.
Es wäre noch vieles dazu zu sagen. Das würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wir würden uns freuen, auch deine Gedanken und Fragen dazu zu erfahren. Würden gerne mit dir persönlich darüber austauschen.
Luther, Martin, Epistel-Auslegung, Bd. 4, Der Galaterbrief, Hg. Hermann Kleinknecht, Göttingen, 2. Auflage 1987, S. 168.
Calvin schrieb in der Institutio: „Aber der Widerstreit zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist unaufhörlich und unversöhnlich […]“ Institutio II,XVI,3. „Es war ja nicht damit getan, dass Christus bloß den leiblichen Tod gelitten hat, nein, er musste auch wirklich die ganze Härte des göttlichen Gerichts empfinden, um seinen Zorn abzuwenden und seinem gerechten Urteil genugzutun.“ (Institutio II, XVI,10; vergleiche II,XII,3.).
Da Gott vollkommen gut ist, können wir nicht annehmen, dass Gott eine Lüge schickt, sondern nur, dass er es erlaubt, dass diese Verführung geschieht.
Jesaja 53,10: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen“ (Elberfelder) wird in der Einheitsübersetzung so wiedergegeben: „Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht).“ Diese Übersetzung zeigt die geistliche Wirklichkeit. Der Knecht war bereit, zerschlagen zu werden. Gott fand Gefallen an dieser Gesinnung der Liebe und Hingabe. Das wird auch durch die folgenden Verse bestätigt: „Der Herr, HERR, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel“ (Jesaja 50,5–6; Elberfelder).
Vergleiche dazu die Worte Luthers, die auch heute noch von einigen verteten werden: Ein christlich Wesen besteht nicht im äußerlichem Wandel; es wandelt auch den Menschen nicht nach dem äußerlichen Stande, sondern nach dem innerlichen, d. h., es gibt ein andres Herz, einen andren Mut, Willen und Sinn, welcher dieselben Werke tut, die ein anderer ohne solchen Mut und Willen tut. Denn ein Christ weiß, dass es ganz am Glauben liegt. Darum gehet, stehet, isset, trinket, kleidet, wirket und wandelt er wie sonst ein gemeiner Mann in seinem Stande, dass man nicht seines Christentums gewahr wird, wie Christus Luk. 17,20f saget: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ (Weihnachtspostille 1522: Luther Deutsch, Erg.Bd. Lutherlexikon, S. 57 f., vgl. WA 10I1,137,18–138,5).
Siehe auch: „Glaube und Werke im Leben des Christen“.